1/2010

 

 Inhalt

Titel

Der Fußball und die deutsche Wiedervereinigung

Interview mit Reiner Calmund

Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, ergaben sich auch im Sport vollkommen neue Möglichkeiten. Für die Fußballer der DDR schien in diesem Moment alles möglich zu sein. Der langgehegte Traum, einmal in der Bundesliga Fußball spielen zu dürfen, ging für einige schneller in Erfüllung als jemals gedacht. Reiner Calmund, damaliger Manager von Bayer 04 Leverkusen, handelte rasch.


mm
Nur knapp einen Monat nach dem Mauerfall am
9. November 1989 präsentierten Sie der staunenden Öffentlichkeit den ersten deutsch-deutschen Fußballtransfer: Der DDR-Vorzeigefußballer Andreas Thom kam für umgerechnet 1,4 Millionen Euro zu Bayer 04 Leverkusen. Haben Sie der DDR im Eilverfahren die Marktwirtschaft beigebracht?


Calmund
Mein Motto – auch unabhängig von der Wiedervereinigung – lautet: Kompetenz und Leidenschaft ist die Formel zum Erfolg. Oder auch im Klartext: Nicht immer fressen die Großen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen.
Die meisten sagen immer: Der Calmund war zuerst da, als die Mauer fiel. Ich war tatsächlich da. Ich habe mir das Spiel Hertha BSC Berlin gegen Wattenscheid 09 angesehen. Was mich vor allem interessiert hat, war das Gespräch mit den Menschen, die zum ersten Mal neue Perspektiven hatten. Ich wollte diese Situation einatmen. Erst am Mittwoch danach war das WM-Qualifikationspiel DDR gegen Österreich. An dem Donnerstag nach diesem Länderspiel war ich bei Andreas Thom zu hause. Für mich und für Bayer Leverkusen war es sehr wichtig, dass ich „normal“ und nicht großspurig auftrat.
Ich wusste, uns geht es im Westen kapitalmäßig besser, aber ich habe mir nicht viel darauf eingebildet; ich habe in dieser schwierigen Situation die Menschen drüben mit Respekt behandelt. Auch Andreas Thom. Als ich bei denen geklingelt habe, war mir schon klar, dass die Tapeten mitgehört haben. Thom war auch ein bisschen introvertiert, ängstlich, da habe ich einfach von Anfang an gesagt: „Pass auf, ich will nur wissen, ob Du an einem Wechsel interessiert bist. Wir werden das alles offen und mit Fair Play – wie es sich gehört – abwickeln.“ Am nächsten Tag bin ich direkt in die Storkower Straße zur Zentrale des Deutschen Turn- und Sportbundes marschiert und habe meinen Brief abgegeben: „Sehr geehrte Herren, nach der neuen Situation wären wir daran interessiert, mit Ihnen Gespräche über den Transfer von Andreas Thom zu führen, usw.“ Mit Anstand schriftlich, die haben mir das abgestempelt. Das hat dem Andreas Thom sicherlich nicht nur imponiert, sondern ihm auch Sicherheit gegeben. So konnte er dem Stasi-Klub Dynamo Berlin sagen: „Ja, Leverkusen war da, die sind an mir interessiert, die wollen auch mal zu Euch kommen.“ Für Thom war der Wechsel in die Bundesliga ein großer Schritt. Er ist schon in die freie Marktwirtschaft, in eine andere Welt, umgezogen.


mm
Worin bestanden bei den Verhandlungen mit den DDR-Funktionären die auffälligsten Unterschiede zu Transfergesprächen im Westen?


Calmund
1989 waren bei unseren Verhandlungen der damalige Generalsekretär des DDR-Fußballverbandes, Wolfgang Spitzner, und sein Assistent und Pressesprecher Jörg Neubauer noch tonangebend am Tisch. Die waren ausgeschlafen, clever, gut ausgebildet und vor allem gut vorbereitet. Das war kein Kinderspiel. Wir haben den Andreas Thom damals in der Endsumme für knapp 3 Millionen DM bekommen. Das hört sich heute wie ein Taschengeld für so einen Top-Spieler an. Das war für uns damals die höchste Ablösesumme, die wir je bezahlt hatten. Unser Präsident, Gerd Achim Fischer, und ich hatten ganz schöne Bauchschmerzen und Schweißausbrüche dabei. Es war nicht so, als hätten wir das mal locker abgewickelt und die DDR-Verhandlungspartner über den Tisch gezogen. Die haben mit uns auf Augenhöhe verhandelt.
Ganz anders war es drei bis vier Monate später mit Ulf Kirsten. Da war der DDR-Fußballverband nicht mehr involviert. Da ging die Verhandlung ausschließlich über Dynamo Dresden, über deren Präsidenten und die Geschäftsführung. Wir haben damals dann sogar 3,5 Millionen DM (ca. 1,7 Mio. Euro) gezahlt. Kirsten ist mein bester Einkauf gewesen, der Junge war Torschützenkönig des Jahrzehnts.


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Bundeskanzler Helmut Kohl schaltete sich ein, als Sie nach Thom auch noch die Dresdner Spieler Matthias Sammer und Ulf Kirsten für Bayer Leverkusen einkaufen wollten. Aus wirtschaftlichen und politischen Gründen könne man es sich nicht erlauben, drei aktuelle DDR-Nationalspieler so kurz nach dem Mauerfall in einem westdeutschen Klub spielen zu lassen, so Kohl: „Stellen Sie sich vor, was dies für Folgen haben wird für das Image der Bayer AG. Sie können die DDR nicht einfach so leer kaufen.“ Was hatte dieser Hinweis für Konsequenzen? Hatte Kohl recht?


Calmund
Man muss die Situation von Kohl sehen. Er hat am Elbufer in Dresden als Bundeskanzler seine Kundgebungen gehalten. In diesem Rahmen wurde er von den höchsten Politikern und Wirtschaftsführern gefragt: „Finden Sie es klug, dass die drei besten Spieler der DDR direkt zu Bayer Leverkusen gehen?“ Mir hat das nicht geschmeckt. Da muss man nicht drumherum reden. Aber ich konnte das eigentlich verstehen, sowohl von Kohl als auch von der Bayer Unternehmensführung aus, die gesagt haben: Also wenn wir jetzt direkt mit einem Schlag die drei besten DDR-Fußballer verpflichten, dann passt das nicht nur politisch, sondern auch rein menschlich nicht. Wir haben bei Ulf Kirsten aber später doch noch zugeschlagen und eine zweite Chance erhalten. Gott sei Dank, sage ich heute.


mm
Haben Sie dafür gesorgt, dass Fußballdeutschland schneller zusammenwächst und damit auch die beiden deutschen Teilstaaten? Oder hätten die Ost-Vereine ihre Spieler nicht behalten müssen, um im „Haifischbecken Bundesliga“ bestehen zu können?


Calmund
In dem Moment, wo die Mauer gefallen ist, war freie Marktwirtschaft angesagt. Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Man darf nie vergessen, dass gerade in der DDR guter Fußball gespielt wurde. Die Top-Vereine waren zum Teil international sehr erfolgreich. Nur: Die damaligen DDR-Vereine hatten gegenüber den Bundesliga-Vereinen keine Chancengleichheit, nicht die gleiche Infrastruktur, nicht die gleichen Eintrittspreise, die ja keiner zahlen konnte; sie hatten auch keine Sponsorenlandschaft. Die westdeutschen Präsidenten, Manager und Geschäftsführer sind in der freien Marktwirtschaft groß geworden. Da hatten die Vereinsführer der Ost-Klubs natürlich große Eingewöhnungsprobleme. Sportlich waren die erstklassig ausgebildet. Aber im Westen war es so, dass man die teuer bezahlten Spieler auch richtig führen musste. Manager und Trainer hatten People-Management sowie Medienzusammenarbeit zu beherrschen. Also zwei Schwerpunkte, die in der DDR gar nicht existiert hatten: In der DDR mussten die Spieler durch das politische Regime die Klappe halten.


mm
Sechs Jahre zuvor mussten Sie einen Vergeltungsakt der Stasi fürchten, da Sie in Kontakt zu Falko Götz und Dirk Schlegel vom BFC Dynamo Berlin nach ihrer Flucht in die Bundesrepublik standen. Haben Ihnen die beiden Fußballer die wichtigsten Gründe für ihre Flucht genannt?


Calmund
Die Verbindung zu Falko Götz und Dirk Schlegel, zwei hoffnungsvolle Talente des BFC Dynamo Berlin, ergab sich über Jörg Berger. Götz und Schlegel hatten die Reise zu einem Europacup-Spiel nach Jugoslawien genutzt, um sich in Belgrad von ihrer Gruppe abzusetzen und in den Westen Deutschlands zu flüchten. Jörg Berger, der sich einige Zeit zuvor als U21-Trainer der DDR auf die gleiche Weise abgesetzt hatte, nahm die beiden bei sich auf, rief mich an und meinte: „Die beiden sitzen auf meinem Sofa. Hol die beiden in Kassel ab und bring sie irgendwo unter.“ Ich brachte Falko Götz und Dirk Schlegel zunächst in das Leverkusener „Hotel Kürten“. Zu ihren Fluchtgründen erzählten sie mir, dass sie frei sein wollten. Was sie am besten könnten, sei Fußballspielen. Nur nicht mehr unter den Spielregeln der DDR, die sie nicht ausgehalten hätten. Sie sind ein großes Risiko eingegangen, eingesperrt zu werden. Dazu kam die Trennung von der Familie und den Freunden.


mm
Der ehemalige DDR-Fußballtrainer Jörg Berger riet Ihnen, Ihre Stasi-Akte nicht einzusehen. Warum?


Calmund
Nach der Wende wollte ich gerne meine Stasi-Akte einsehen, weil mich interessierte, wer aus dem Westen für die Stasi verdeckt tätig gewesen war und mich bespitzelt hatte. Jörg Berger riet mir eindringlich davon ab, da er selbst entsetzt über seine Akte gewesen war. Er sagte zu mir: „Komm, lass die Vergangenheit ruhen. Tu‘ dir das nicht an. Du würdest sehen, dass Menschen dich bespitzelt haben, denen du das nie zugetraut hättest.“ Ich habe seinen Rat befolgt.


mm
Wer wird Fußballweltmeister 2010?


Calmund
Ich bin ein großer Fußballpatriot: Deutschland. Aber auch Spanien ist ein großer Favorit sowie Brasilien, Argentinien und die Elfenbeinküste.

 

 

„Ich würde alles wieder so machen.“
Andreas Thom

 

 

„Ich habe dann – wie alle Bundesligavereine – die Scouts nach Wien geschickt, es gab dort das entscheidende WM-Qualifikationsspiel zwischen der DDR und Österreich.“
Reiner Calmund

Interview: Ulrike Zander