1/2010

 

 Inhalt

Titel

Wir gegen uns. Sport im geteilten Deutschland

Neue Ausstellung in Leipzig

„Die Klassenauseinandersetzung auf sportlichem Gebiet hat ein solches Ausmaß erreicht, daß prinzipiell kein Unterschied zur militärischen Ebene besteht. So wie der Soldat der DDR, der an der Staatsgrenze seinem imperialistischen Feind in der NATO-Bundeswehr gegenübersteht, so muss der DDR-Sportler in dem Sportler der BRD seinen politischen Gegner sehen.“

Kaum eine andere Verlautbarung spiegelt die politische Dimension des Sports im Kalten Krieg so deutlich wider wie dieser Beschluss des SED-Politbüros von 1968, mit dem die DDR-Athleten und die Bevölkerung insgesamt auf die Olympischen Spiele in München 1972 eingestimmt werden sollten. Während Westdeutschland sich auf „heitere Spiele“ vorbereitete, um der Welt ein modernes, friedliebendes und weltoffenes Deutschland zu präsentieren, fragte das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ unter Anspielung auf die von den Nationalsozialisten 1936 in Berlin ausgerichteten Spiele: „Ist zweimal 36 vielleicht 72?“.

Den deutsch-deutschen sportlichen Entwicklungen in der Bundesrepublik und der DDR folgt die neue Ausstellung „Wir gegen uns. Sport im geteilten Deutschland“, die seit dem 24. November 2009 und bis zum 5. April 2010 im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen ist. Die Ausstellung beschreibt die unterschiedlichen Bedingungen in Demokratie und Diktatur und fragt nach der Bedeutung des Sports im deutsch-deutschen Wettstreit der Systeme. Gleichzeitig veranschaulicht sie die Faszination des Sports, indem sie an fest im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankerte glanzvolle Höhepunkte, an Wettkämpfe und Rekorde erinnert.

Im Sog der Politik

Freudentaumel in der Bundesrepublik: Die „Helden von Bern“ gewannen 1954 unter Bundestrainer Sepp Herberger die Fußball- Weltmeisterschaft in der Schweiz. Der unerwartete Sieg bei der Weltmeisterschaft, der zudem nur einige Stunden nach einer triumphalen Rückkehr der Mercedes-Silberpfeile beim Großen Preis von Frankreich erfolgte, sorgte in der Bundesrepublik für eine enorme Euphorie und gilt bis heute als eines der bedeutendsten Sportereignisse in der Geschichte der Bundesrepublik. In der DDR zogen in den 1950er Jahren hingegen die Friedensfahrt und die Leipziger Turn- und Sportfeste die Aufmerksamkeit auf sich. Zusammen traten West- und Ostdeutsche mit einer gemeinsamen Mannschaft erstmals bei den Olympischen Spielen 1956 an.


Doch während beide Seiten massenwirksame Sportfeste und Erfolge feierten, stellte die Politik ihre Weichen höchst unterschiedlich. Im Osten Deutschlands ließen die Machthaber keinen Zweifel daran, dass der Sport ihren ideologischen Zielen zu dienen hatte. Mit hohem agitatorischem Aufwand hob die SED die besondere Bedeutung des Sports bei der Errichtung der neuen Gesellschaft hervor. Die Organisationen des Sports, vor allem der 1957 gegründete Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB), waren vollständig von ihr abhängig und wurden von ihr gelenkt.


In der Bundesrepublik hingegen betonte der 1950 gegründete Deutsche Sportbund (DSB) seine politische Unabhängigkeit. Unbeschadet dieser Grundhaltung setzte er gemeinsam mit den politisch Verantwortlichen alles daran, die Bundesrepublik als alleinige Vertretung Deutschlands auf der Weltbühne des Sports zu etablieren. Mit Erfolg: Sowohl bei den Olympischen Spielen 1952 wie auch bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 durfte nur eine westdeutsche Mannschaft antreten.


Auch die innerdeutschen Wettkämpfe – beispielsweise das „Tischtennis-Vergleichstreffen DDR-Westdeutschland“ in Leipzig 1950, das „im Zeichen des gemeinsamen Kampfes für den Frieden“ ausgetragen wurde - befanden sich von Anfang an im Sog der Politik. Bis Mitte der 1950er Jahre förderte die SED die Begegnungen im Rahmen ihrer rhetorischen Wiedervereinigungsoffensive. Erst dann änderte die Partei ihren Kurs, da die Kontakte nicht im gewünschten Ausmaß kontrollierbar und politisierbar waren. Austausch und Freundschaften ostdeutscher Sportler mit dem „Klassenfeind“ konnten kaum verhindert werden. Die SED begann nun, die „Infiltration“ zu fürchten, die sie ihrerseits zuvor intensiv betrieben hatte.


Das westdeutsche Handeln war bestimmt von großem Argwohn, vorübergehenden Abschottungsbemühungen und Versuchen, die Verbindungen nach „drüben“ zu pflegen, ohne eigene Grundsätze aufzugeben. Für besondere Aufregung sorgte in beiden deutschen Teilstaaten der sogenannte Flaggenstreit. Als die DDR im Oktober 1959 eine neue Staatsflagge mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz einführte, reagierte die Bundesregierung prompt mit dem Verbot, die „Spalterfahne“ in Westdeutschland zu hissen. Bei mehreren Wettkämpfen kam es über diese Streitfrage zum Eklat.

Vorbild DDR?

Breiten Raum gibt die Ausstellung dem Ausbau des Leistungssportsystems in der DDR seit Mitte der 1960er Jahre. Sie zeigt die verschiedenen Stationen in der Nachwuchsförderung und belegt eindrucksvoll, wie stark das Sportsystem in der SED-Diktatur unter dem Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“ stand. Zum „Zuckerbrot“ gehörten Privilegien wie materielle Vergünstigungen und Reisen auch ins „nicht sozialistische Ausland“. Die „Peitsche“ bestand neben dem oft unmenschlichen Leistungsdruck in der ständigen Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und dem damit verbundenen Zwang zu politischem Wohlverhalten. Einzelschicksale stehen beispielhaft für die von der Staatsmacht veranlassten Karrierebrüche sowie für die Flucht zahlreicher DDR-Sportler in den Westen.


Technisches Gerät aus dem 1977 geschaffenen Dopinglabor in Kreischa, eine Liege für sportmedizinische Untersuchungen aus dem Leistungszentrum in Kienbaum sowie ein Medizinschrank vom Sportmedizinischen Dienst veranschaulichen ein besonders dunkles Kapitel des DDRSports: das seit Mitte der 1960er Jahre betriebene und staatlich gelenkte Zwangsdoping. Dass die Manipulationen teilweise dramatische Folgen hatten, belegen die Schicksale Betroffener.


Die Ausstellung zeigt jedoch auch, dass das DDR-Sportsystem trotz dieser Schattenseiten vielen in der Bundesrepublik als vorbildlich organisiert und sogar nachahmenswert galt. Mit der politischen und gesellschaftlichen Aufwertung des Spitzensports seit Ende der 1960er Jahre reagierte Westdeutschland nicht zuletzt auch auf die Erfolge der DDR. Die Orientierung am „Sportwunderland“ machte selbst vor der Übernahme von Dopingpraktiken nicht halt.

Konkurrenz

Die Olympischen Winterspiele 1968 in Grenoble waren eine Zäsur in der deutsch-deutschen Sportgeschichte. Erstmals traten Bundesrepublik und DDR mit getrennten Mannschaften an, wenn auch noch unter einer Fahne und mit einer Hymne. Weit wichtiger aber war für beide Seiten das Kräftemessen vier Jahre später in München, das erwartungsgemäß mit einem Erfolg der DDR endete. Im Medaillenspiegel erreichte sie vor der Bundesrepublik den dritten Rang. Ein Trost für die westdeutschen Zuschauer war der Ausgang des deutsch-deutschen Duells bei der Sprintstaffel: Schlussläuferin Heide Rosendahl triumphierte im Endlauf über ihre als Favoritin geltende ostdeutsche Konkurrentin Renate Stecher.


Bis heute im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gegenwärtig ist das Aufeinandertreffen der beiden Nationalmannschaften bei der Fußballweltmeisterschaft 1974. „Mit der Begegnung gegen die DDR geht ein Wunschtraum vieler, ich möchte sagen, aller Deutschen in Erfüllung“, äußerte sich Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher zur bevorstehenden Begegnung. Im Gegensatz zu den ostdeutschen Medien, die dem Spiel betont sachlich entgegensahen, war sich die westliche Presse darüber einig, dass im „Bruderkampf“ nur der Westen gewinnen könne. Entgegen aller Erwartungen endete das Spiel mit einem Sieg der DDR. Der Schock der westdeutschen Fans über diese „Schmach“ war groß, zumal die DDR allgemein nur als „Fußballzwerg“ galt. Viele Ostdeutsche feierten den unerwarteten Triumph und den Torschützen Jürgen Sparwasser, der aber auch den Zorn von Landsleuten zu spüren bekam, die ihm übel nahmen, dass er dem verhassten SED-Regime einen Prestigegewinn eingebracht hatte.


In den 1980er Jahren rüstete die DDR im Sport noch einmal mächtig auf. Technische Innovationen und neue Trainingsmethoden führten zu einer unglaublichen Erfolgsserie. Während sich die Bevölkerung zunehmend darüber empörte, dass an anderer Stelle dringend benötigte finanzielle Mittel in den Leistungssport flossen, bekannten sich die meisten prominenten Sportler bis zum Ende der DDR zum SED-Regime.

Gesamtdeutscher Sport

Die Ausstellung schließt mit einer Betrachtung der Entwicklung im Sport seit der Wiedervereinigung. Sie erinnert an die Freude über neu gewonnene Möglichkeiten und erste gemeinsame Erfolge – etwa bei den Olympischen Spielen in Barcelona und Albertville 1992 –, sie zeigt aber auch die Probleme beim Zusammenwachsen von Ost und West. Der 1990 einsetzende Streit um die richtige Auseinandersetzung mit dem DDR-Erbe im Sport hält bis in die Gegenwart an.

Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Überwindung des Systemgegensatzes gehören zu den vorherrschenden Wesensmerkmalen des Sports heute die zunehmende Präsenz in den Medien und der immer wieder von schweren Rückschlägen gekennzeichnete Kampf gegen Doping. Hinzu kommen die deutlich gestiegene Einflussnahme von Wirtschaftsunternehmen und die damit verbundene starke Kommerzialisierung. Unpolitisch ist der Sport nicht geworden. Seine Nähe zur Politik, deren Repräsentanten ihn gerne als Bühne nutzen, ist vielmehr ungebrochen.

Das Leipziger Turn- und Sportfest zog 1956 Zehntausende Zuschauer an.

 

 

 

Der Endspielball der Fußballweltmeisterschaft 1954 mit den Unterschriften der Nationalspieler

 

 

 

Fahne der gesamtdeutschen Olympiamannschaft von 1956 bis 1964 sowie beider deutscher Mannschaften 1968

 

 

 

Dieses Anabolikum wurde am häufigsten im DDR-Leistungssport verwendet und von der VEB Jenapharm hergestellt. Auch in der Bundesrepublik gehörten Dopingpraktiken im Sport dazu.

 

 

 

Sprintschuhe von Renate Stecher (l.) und Heide Rosendahl (r.), den beiden Konkurrentinnen der 4x100- Meter-Staffel der Frauen bei den Olympischen Spielen in München 1972

Anne Martin