2/2010

 

 Inhalt

Titel

Politisches Kabarett heute

Interview mit Matthias Deutschmann

Der Freiburger Matthias Deutschmann zählt zu den prominentesten Kabarettisten Deutschlands und hält seit rund 30 Jahren den sich ausbreitenden Comedy-Shows seine eigene Form des politischen Humors entgegen. 2009 war er mit seinem Programm „Die Reise nach Jerusalem“ im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen – und beschäftigte sich darin mit den deutschen Befindlichkeiten.


mm
Das politische Kabarett setzt beim Publikum die Kenntnis des aktuellen Kontextes voraus, um verstanden zu werden. So thematisieren Sie in Ihrem neuesten Programm „Die Reise nach Jerusalem“ beispielsweise die Debatte um die Begnadigung des RAF-Terroristen Christian Klar. Kann Ihnen Ihr Publikum immer folgen oder hat Bildung spürbar abgenommen?


Deutschmann
Jawohl, Kabarett ist ein Spiel mit dem gemeinsamen Wissen von Künstler und Publikum. Wer die Karikatur genießen will, muss eine Ahnung davon haben, wie das Original aussieht. Es hat keinen großen Sinn, Bildungsdefizite zu beklagen, ohne genauer zu diagnostizieren, wer nun eigentlich seit der „Geistig-Moralischen Wende“ (1982) und der damit verbundenen Einführung des Privatfernsehens (1984) blöder geworden ist, und ob diese Verblödung System hat.


mm
Die Individualisierung der Lebensstile hat in unserer Gesellschaft deutlich zugenommen, so dass es kaum noch gemeinsame Werte gibt. Politischer Humor hat es in seiner Geschichte häufig darauf angelegt, Werte durch Tabubrüche zu verletzten. Ist das heute noch möglich?


Deutschmann
Provokation ist heute eine Werbetechnik. Hat der Provokateur Glück, dann wird aus der Provokation auch noch ein Skandal. Der Skandal ist der Hauptgewinn. Mit dem Siegeszug der postmodernen Beliebigkeit ist die Provokationskultur etwas fade geworden. Man betrachte nur das Protest- und Widerstandspotential des Rap: Das wurde schneller vermarktet als die Rapper reimen konnten.
Vor dem Hintergrund schwindender gemeinsamer Werte ist der Tabubruch inzwischen eine trostlose Kunst geworden.


mm
Die Geschichte des Humors spiegelt weitestgehend die Geschichte unserer Gesellschaft wider. Wie hat sich der Humor verändert?


Deutschmann
Ich bin weder Humorist noch Humorsachverständiger, aber ich bezweifle, dass der Humor ein Spiegel der Geschichte ist, denn sonst wäre in Deutschland der Galgenhumor weiter verbreitet. 


mm
Können Sie sich an besondere geschichtliche Ereignisse erinnern, die den Humor beeinflusst haben?

 

Deutschmann Nach dem Mauerfall sind Ost- und Westhumor ziemlich aneinander geraten. Ossi und Wessi sind Geschöpfe eines Humors, den ich nur bedingt als witzig empfinde. Für den Satiriker, der sich nicht als Schmunzelanimateur versteht, fängt der wirkliche Spaß erst da an, wo der notorische Humor aufhört.


mm
Wird sich das klassische Kabarett gegenüber den zahlreichen Comedy-Sendungen vor allem der privaten Fernsehsender langfristig behaupten können?


Deutschmann
Fernsehtauglichkeit ist für die Satire kein Maßstab. Satire gehört zum Weltkulturerbe.


mm
1993 sind Sie aus dem Programm des ZDF-Morgenmagazins herausgenommen worden, weil Sie den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, Antonio Samaranch, als „Franco-Faschisten a.D.“ bezeichnet hatten. Wo hört Ihrer Meinung nach der Spaß auf?


Deutschmann
Welcher Spaß? Franco-Faschist a.D. Samaranch? Das war einfach nicht lustig genug, um im ZDF als Kabarett durchzugehen.


Matthias Deutschmann

 

 

„Satire gehört zum Weltkulturerbe.“
Matthias Deutschmann

 

 

Interview: Ulrike Zander