2/2010

 

 Inhalt

Titel

Schluss mit lustig?

Wenn die Spaßgesellschaft verstummt

Axtschläge donnerten am Neujahrstag 2010 gegen die Tür von Kurt Westergaard, dem Zeichner einer der „Mohammed-Karikaturen“. Damit gerieten das Leben des dänischen Karikaturisten und ein Grundwert aller liberalen Demokratien in Gefahr: das Recht auf freie Meinungsäußerung.

 
Solange Konsens darüber besteht, dass „alles gesagt“ werden kann, ist Satire eine akzeptierte Form der Kritik und die Comedy-Unterhaltung ein Fundament der „Spaßgesellschaft“. Bricht diese Übereinkunft auf, entsteht ein Dilemma: Können Satire und Comedy um jeden Preis auf ihrem Recht bestehen? Oder gibt es Grenzen, die Rücksichtnahmen erfordern?

 

Jenseits des Humors

 

Der Abdruck der „Mohammed-Karikaturen“ in der dänischen Zeitung Jyllands Posten führte 2006 zu gewalttätigen Ausschreitungen im Nahen Osten, bei denen mehrere dänische Botschaften in Flammen aufgingen. Nachdem die deutsche Tageszeitung Die Welt die Karikatur ebenfalls abgedruckt hatte, kam es auch in Deutschland zu einem versuchten Terroranschlag. Als der Berliner Tagesspiegel  im gleichen Jahr eine Karikatur veröffentlichte, welche die iranische Fußballnationalmannschaft mit Sprengstoffgürteln darstellte, erhielt der Zeichner Klaus Stuttmann Morddrohungen.

 
Auch wenn diese aggressiven Reaktionen die Antworten Einzelner sind, bedarf es eines sensiblen interkulturellen Dialogs darüber, was satirisch akzeptabel ist. Viele Karikaturisten zeichnen zwar weiterhin nach ihren Auffassungen – doch gedruckt wird längst nicht mehr alles.

 
Nicht nur diese neuen Tabus stellen die Auffassung, dass beim Humor alles erlaubt sei, in Frage. Auch internationale Krisenmomente können öffentliche Heiterkeit unangebracht erscheinen lassen. So erklärte beispielsweise das Festkomitee Kölner Karneval im Februar 1991 seinen „Respekt vor der Reaktion der Bevölkerung auf den Krieg am Golf“ und sagte alle Karnevalsveranstaltungen unter freiem Himmel ab. So fiel erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg der größte Rosenmontagszug in Deutschland aus – eine  Maßnahme, die mit all ihrem Für und Wider für hitzige Debatten sorgte und zur spontanen Formation eines alternativen Friedensdemonstrationszugs der Karnevalisten führte, der auch heute noch als „Geisterzug“ existiert.

 
Eine weitere globale Schocksituation war der 11. September 2001, der das Lachen der „Spaßgesellschaft“ einen Augenblick lang unterbrach: „Vorsicht geboten ist bei folgenden Inhalten: Comedy, Terror, Bomben, New York…“, warnte beispielsweise die Programmdirektion eines deutschen Privatsenders am Tag nach den Terroranschlägen und riet in einer internen E-Mail zur Selbstrestriktion. Die meisten deutschen Fernsehsender änderten kurzfristig ihr Programm und verzichteten tagelang auf die Ausstrahlung von Comedy-Sendungen aus Rücksichtnahme auf die Ereignisse und als Ausdruck der Solidarität mit den Opfern.

 
Auf solche, von äußeren Anlässen bestimmte Tabuzonen reagiert unsere liberale Gesellschaft mit einem breiten Spektrum von Entrüstung bis Verständnis. Das Abwägen zwischen Rücksichtnahme und Protest fordert nicht nur Satiriker und Comedians zur Auseinandersetzung darüber heraus, ob jetzt „Schluss mit lustig“ ist. Auch die Besucher der Ausstellung sollen zum Nachdenken darüber angeregt werden.

"Warum bei der WM unbedingt...die Bundeswehr zum Einsatz kommen muss!!" Karikatur von Klaus Stuttmann, 2006

 

 

 

 

„Inzwischen ist alles ziemlich wurscht geworden, jeder kann sagen, was er will.“
Fernsehproduzent Jacky Dreksler, 1998

Priska Jones