2/2010

 

 Inhalt

Titel

Spaß beiseite. Humor und Politik in Deutschland

Neue Ausstellung in Leipzig

„Was darf die Satire?“, fragte Kurt Tucholsky 1919 im „Berliner Tageblatt“ und antwortete schlicht: „Alles.“ Diese Formulierung des berühmten Autors ist legendär, doch der hohe Anspruch erfüllte sich nie. Tucholsky selbst musste es erleben: Verbittert verließ er 1930 Deutschland; 1933 verbrannten die Nationalsozialisten auch seine Bücher.

 

Tucholskys Frage hat jedoch nichts von ihrer Brisanz eingebüßt. Zwar spielt in der „Spaßgesellschaft“ Satire als besondere Kunstform politischer Kritik nur noch eine untergeordnete Rolle, doch die Frage nach den Freiräumen des Humors ist noch immer aktuell. Die Ausstellung „Spaß beiseite. Humor und Politik in Deutschland“ geht diesem Thema ab dem 22. Mai 2010 im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig nach. Dabei zeigt sich politischer Humor als präziser Gradmesser der Freiheit. Die tiefsten Einblicke in die Freiheitlichkeit eines Gesellschaftssystems ergeben sich nämlich dort, wo der Humor endet, wo Tabus bestehen, Verbote wirken oder Sanktionen drohen. Die unterschiedlichen Möglichkeiten für Kabarett und Karikatur, politischen Karneval und Witz offenbaren den Gegensatz zwischen Demokratie und Diktatur. Sie spiegeln darüber hinaus den gesellschaftlichen Wertewandel.

 

Demokratie

 

Das ambivalente Verhältnis von Humor und Politik seit 1945 veranschaulicht die Ausstellung aus der historischen Perspektive. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten Kabarett und Satire in Deutschland eine Renaissance. Mit der deutsch-deutschen Teilung begann die unterschiedliche kulturelle Entwicklung in der Bundesrepublik und der DDR, die sich auch im Humor ausdrückte. In der jungen Bundesrepublik galt Satire bald als schick, die großen Kabarettensembles gewannen über das Fernsehen große Popularität. Auch der Karneval erreichte ein Millionenpublikum: In der Sendung „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ schossen traditionelle Figuren wie der „Bajazz“ oder „Till“ ihre brav gereimten Pfeile auf Politiker ab, die nicht selten höchstpersönlich im Saal saßen und dem Volk Schenkel klopfend ins Wohnzimmer lachten. Konventionen wurden geachtet, sittliche wie religiöse Gefühle respektiert und Tabubrüche vermieden. Diskussionen entstanden allenfalls wegen der politischen Grundtendenz des Mainzer Fernsehkarnevals, dem immer wieder Konservatismus vorgeworfen wurde. Umgekehrt galt das Kabarett stets als linkslastig. Konflikte wegen satirischer Fernsehsendungen, in welche die Programmverantwortlichen manchmal eingriffen, wurden in aller Öffentlichkeit ausgetragen. Seit den Studentenprotesten, die eine allgemeine Politisierung der Gesellschaft bewirkten, nahmen die Streitfälle zu. Unkonventionelle satirische Aktionsformen prägten fortan auch die Protestbewegungen in der Bundesrepublik.

 

Als es 1969 zum politischen Machtwechsel kam, indem die bisherigen Regierungsparteien CDU und CSU auf die Oppositionsbänke im Deutschen Bundestag wechselten und eine Koalition aus SPD und FDP die Regierung übernahm, taten sich neue, erbittert umkämpfte Konfliktfelder auf. Ein herausragender Protagonist der Auseinandersetzungen um die sozial-liberale Reformpolitik und die sogenannte Neue Ostpolitik war der CSU-Politiker Franz Josef Strauß, der seit jeher als bevorzugtes Ziel satirischer Kritik galt. Als er sich 1970 durch ein Plakat des Karikaturisten Rainer Hachfeld in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt fühlte, reagierte er mit einem Gerichtsprozess, dessen hohe Kosten den Zeichner beinahe in den Ruin trieben. Hier zeigte sich erstmals, dass eine zivilgerichtliche Ahndung für die Satiriker weit schwerwiegendere Konsequenzen haben konnte als ein Strafprozess, weshalb dieser Weg der Gegenwehr immer häufiger beschritten wurde.

 

Diktatur

 

In der DDR wollte das Regime die Satiriker auf den Kampf gegen äußere und innere „Feinde“ sowie auf eine Unterstützung des „sozialistischen Aufbaus“ verpflichten. Die Funktionäre trauten den Satirikern allerdings so wenig, dass sie ihnen den Zutritt zum Fernsehen weitgehend verweigerten. Den Vorgaben entsprechend fiel die als „parteilich“ belobigte Satire aus: Pressekarikaturen illustrierten bis zum Überdruss die politischen Richtlinien der SED und Kabarettnummern glichen zuweilen Parteischulungen. Doch das Volk suchte nach Ventilen für seinen Unmut. Trotz strenger Kontrollen wurden Kabarettbühnen und Karikaturenausstellungen vielfach zum Medium der Kritik. Die professionellen Ensembles mussten ihre Programme den lokalen Kulturfunktionären vorlegen und empfingen diese vor der Premiere zur Abnahme. Von der Willkür der Parteigrößen hingen die Spielräume der Kabarettisten entscheidend ab – gegen Ende der DDR nahmen sie deutlich zu, als auch die Kader mehr und mehr ihren Glauben an die kommunistische Glücksverheißung verloren. Noch deutlicher äußerten sich jetzt auch die Protagonisten der oppositionellen und subkulturellen Szene: In Untergrundzeitschriften veröffentlichten Amateurzeichner kritische Karikaturen, Liedermacher machten sich über Merkwürdigkeiten des „sozialistischen Lebens“ lustig und Mail-Art-Künstler kommunizierten ihre Kritik mit hintersinnigen Postkartenmotiven. Sogar im staatlich reglementierten Karneval wagten manche Narren nun mutig kritische Andeutungen.

 
Nur in den zahllosen politischen Witzen trat in der DDR die Wahrheit zu allen Zeiten ungeschminkt zutage: Bei geselligen Gelegenheiten im Verwandten- oder Freundeskreis, aber auch am Arbeitsplatz entfiel weitgehend die Rücksichtnahme auf Tabus. Hier wurden die Spitzenfunktionäre persönlich aufs Korn genommen, Polizei, die Stasi und Armee lächerlich gemacht, vor allem aber das System selbst und seine wirtschaftliche Unfähigkeit angegriffen: „Wer sind die größten Feinde des Sozialismus? Frühling, Sommer, Herbst und Winter!“

 
Öffentlich konnten die Menschen erst in der friedlichen Revolution des Herbstes 1989 ihre Meinung mit „volkseigener“ Satire zum Ausdruck bringen.

 

Nach der Wiedervereinigung

 

Mit der deutschen Einheit trafen zwei Gesellschaften mit unterschiedlichen Mentalitäten, Normen und Werten aufeinander. Das zeigte sich auch im Humor. Rasch entstanden „Wessi“- und „Ossi“-Witze, die zumeist die negativ empfundenen Eigenarten des jeweils anderen Bevölkerungsteils kommentierten. Wichtiger war jedoch ein tiefgreifender Wandel, der die Deutschen gemeinsam betraf. In den 1990er Jahren führte das Privatfernsehen seinen Siegeszug fort. Ohne Verpflichtung auf einen öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag verfolgten die neuen Sender kommerzielle Interessen und erreichen bis heute mit Comedy-Sendungen viele junge Zuschauer. Das Erfolgsgeheimnis dieser Art von Humor liegt in der konsequenten Orientierung am Zielpublikum, der handwerklichen Perfektion rasch aufeinander folgender Pointen und – nicht zuletzt – im Spiel mit Tabubrüchen, unter denen die Verletzung der „political correctness“ noch zu den harmlosesten gehört. Das Unterhaltungsbedürfnis in der heutigen Medienwelt scheint unbegrenzt. Auch von Kriegen oder Katastrophen wie den Anschlägen vom 11. September 2001 wird es allenfalls zeitweise überlagert. In einer pluralistischen Gesellschaft kann es keine Instanz geben, die über den Zeitpunkt oder gar den Inhalt von Unterhaltung bestimmt. Die Tendenz zur Enttabuisierung erscheint daher unumkehrbar. Doch seit den Reaktionen auf die „Mohammed-Karikaturen“ im Jahr 2006 ist die „Spaßgesellschaft“ mit neuen Tabus konfrontiert, deren Beachtung radikale Islamisten mit Gewalt einfordern.

 

Mit mehr als 800 Objekten, interaktiven Installationen und zahlreichen Film- und Tondokumenten macht die Ausstellung „Spaß beiseite. Humor und Politik in Deutschland“ die verschiedenartigen Rahmenbedingungen und Entwicklungen sowohl im geteilten als auch im wiedervereinigten Deutschland verständlich und widmet sich aktuellen Tendenzen des Humors. Als eine Ausstellung, die Spaß macht, zeigt sie Zeitgeschichte auf unterhaltsame, oft auch überraschende Weise. Wo der Spaß aufhört, ist dabei eine wichtige Frage, die individuell zu stellen und im gesellschaftlichen Diskurs zu beantworten wäre. Oder ist beim Humor alles erlaubt?


 

 

 

Die Langspielplatte "Für Deutsche verboten" von 1966 präsentiert Satirenummern, die für die Serie "Hallo Nachbarn" vorgesehen waren, jedoch am Veto der Intendanz scheiterten.

 

 

 

Kitsch oder Humor? Diese Toilettenpapierrolle aus mittelfeinem Sandpapier ist eine sogenannte Plastikatur. Der Künstler Roland Beier versah das Werk 1986 mit dem Hinweis: "Objekt mit taktilem Reiz".

 

 

 

Verboten: Die Karikatur "Wenn Du ein Mensch wärest - dürfte ich Dich abknallen!" zählte zu den Zeichnungen, wegen derer Amateurkarikaturist Alois Kuhn 1979 in der DDR verhaftet wurde.

 

 

 

Herbst 1989: Satirischer Abschied von 40 Jahren Diktatur in der DDR - Schild der Montagsdemonstranten

 

 

 

Daniel Kosthorst