4/2010

 

 Inhalt

Infothek Leipzig

 

Man wird doch wohl noch sagen dürfen...

Hans-Dietrich Genscher (r.) und Prof. Dr. Rainer Eckert

„Wir führen hier eine kleine Luxusdebatte. Was wir heute bemängeln, ist doch noch immer besser als das, was in der DDR normal war“, konstatierte der Chefredakteur der „Leipziger Volkszeitung“ Bernd Hilder bei der hitzig-kontrovers geführten Podiumsdiskussion zum Thema „Meinungsfreiheit zwischen Tabubruch und politischer Korrektheit“. Mit ihm diskutierten kurz vor dem 20. Jahrestag der Deutschen Einheit der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Norbert Bolz, der Journalist und Buchautor Henryk M. Broder sowie die Autorin des Buches „Das rote Kloster“ Brigitte Klump unter Leitung von Deutschlandfunk-Korrespondentin Alexandra Gerlach im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Henryk M. Broder stellt in der Gesellschaft einen Hang zum Konformismus fest und sieht eine Tendenz zur Harmonisierung von Konflikten. Norbert Bolz sprach von „Verlautbarungsjournalismus“, „Denk- und Sprechverboten“ und meinte, bei den Medien „Unselbstständigkeit und Unfreiheit gegenüber dem politischen System“ feststellen zu können. In einem Punkt sind sich jedoch alle Podiumsgäste einig: Meinungsfreiheit müsse auch in einer Demokratie immer wieder von neuem erkämpft und verteidigt werden.

 

Eike Hemmerling

Quotengag oder Gesellschaftskritik

James Seward

„Kabarett ist ein Virus, den Sie sich einfangen!“ Eindringlich beschwor der Berliner Kabaretthistoriker Volker Kühn (r.) am 15. Oktober 2010 die subversive Qualität des Kabaretts. Als einer von vier namhaften Experten diskutierte er unter Leitung von Radiomoderator Thomas Bille.  Echte Kabarettisten könnten keine Kompromisse machen, um den Massengeschmack zu bedienen, erläuterte Kühn seine These: Ihre Kunst gehöre daher eher ins Kellertheater als ins Fernsehen. Ganz so radikal wollte es Dietmar Jacobs (l.), Kabarettautor aus Köln, nicht sehen. Er betonte den formalen Unterschied: Auf der Bühne bleibe mehr Zeit, während Fernsehsatire im Zeitalter minutengenau gemessener Einschaltquoten rasch aufeinander folgende Pointen bieten müsse. In dieser flüchtigen Gunst des Publikums liege auch der einzige Grund für Eingriffe der Verantwortlichen. Dem widersprach Peter Ensikat, meistgespielter Kabarettautor in der DDR und bis 2004 künstlerischer Leiter der Berliner „Distel“. „Es wird nichts verboten, es kommt nur nicht“, meinte er und sah in dem Drängen auf mehr Unterhaltungswert sogar eine Parallele zur Argumentation mancher SED-Kulturfunktionäre. Einigkeit herrschte in der Runde über den Unterschied zwischen Kabarett und Comedy. Wenn Mario Barth 70.000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion vereine, sei das eher ein der Popmusik vergleichbares Phänomen. Das Publikum erwarte keine neuen Pointen, sondern suche das Gemeinschaftserlebnis.

Dr. Daniel Kosthorst