4/2010

 

 Inhalt

Titel

Authentisch und unverhüllt

Interview mit Gilles Peress

Der international renommierte Fotograf war in vielen Krisengebieten im Einsatz und hielt epochale Ereignisse, wie den Fall der Mauer 1989 oder den Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001, im Bild fest. Der gebürtige Franzose lebt seit 1975 in New York und arbeitet zur Zeit im Mittleren Osten.

 

 

 


mm
Sehr geehrter Herr Peress, die Stiftung Haus der Geschichte stellt derzeit Fotografien Ihrer Serie „The Fall“ an ihren Standorten Bonn, Leipzig und Berlin aus. Warum haben Sie im November 1989 Berlin besucht? Wodurch wurde Ihre Neugier an den Ereignissen in Deutschland geweckt?


Peress
In den 1970er Jahren verbrachte ich einige Zeit in Berlin und arbeitete dort. Ich kannte mich in der Stadt gut aus, sie übte eine große Anziehungskraft auf mich aus. Es war im Herbst 1989 offensichtlich, dass die Ereignisse in Berlin einen Wendepunkt in der Geschichte bedeuteten, nicht nur in der deutschen, sondern auch in der Weltgeschichte und dass der Fall der Mauer einen Epochenwechsel markieren würde.


mm
Wie nahm die amerikanische Öffentlichkeit den Niedergang der DDR und die friedliche Revolution wahr?


Peress
Obwohl ich seit mehr als drei Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten lebe, kann ich nicht behaupten, dass ich ein Experte für die amerikanische Wahrnehmung der Welt bin. Ich bin immer noch sehr europäisch und die amerikanische Weltsicht beziehungsweise der Mangel derselben, war mir immer schon ein Rätsel. Soweit ich mich erinnern kann, gab es keine konkrete Wahrnehmung der DDR oder ihres Niedergangs. Die Sowjetunion galt laut Ronald Reagan als das „Reich des Bösen“. Der Zusammenbruch dieses „Reich des Bösen“ unter der finanziellen Belastung des Wettrüstens war der amerikanischen Öffentlichkeit zu dieser Zeit vermutlich nicht bewusst.


mm
Erinnern Sie sich, wie lange Sie sich in Berlin aufhielten und wann genau Sie fotografierten? Was beeindruckte Sie am stärksten?


Peress
Ich muss im November 1989 zwei oder drei Wochen in Berlin gewesen sein. Mir imponierte besonders, wie leicht eine bestehende Ordnung — die Teilung der Stadt und die Existenz der DDR — unter bestimmten historischen Bedingungen kollabieren kann. 


mm
Haben Sie andere Projekte in Deutschland durchgeführt? Was hat Sie daran gereizt?

 

Peress Ja, in den 1970er Jahren habe ich ein großes Projekt über türkische Immigranten in der Bundesrepublik Deutschland gemacht. Nach dem Fall der Mauer bin ich nach Deutschland zurückgekehrt, um die Arbeit über Einwanderung in beiden Teilen Deutschlands – im Osten und im Westen – fortzusetzen.


mm
Betrachten wir Ihren Lebenslauf: Sie wurden 1946 in Frankreich geboren, wo Sie in den späten 1960er Jahren Philosophie und Politikwissenschaft studiert haben. Was bewog Sie, Fotograf zu werden?


Peress
Ich hatte zu dieser Zeit genug von französischer Theorie und Rhetorik und suchte einen Zugang zur Realität, der Worte ausschließt. Mich interessierten unverfälschte Ideen, die zwischen dem Moment der Wahrnehmung und dem Moment, in dem man ihr eine Bezeichnung zuweist, entstehen. Eine solche Festlegung reduziert immer und ist in ihrer Absicht tendenziös. Ich brauchte die Fotografie, um bei Verstand zu bleiben, und zu dieser Zeit war sie eine unverschlüsselte Sprache, die erfrischend und notwendig für mein Überleben war.


mm
Sie bezeichnen sich selbst nicht als „Kriegsfotograf“. Gleichwohl ziehen die Krisengebiete der ganzen Welt Sie offensichtlich an. Können Sie mir einige Schauplätze beziehungsweise Fotomotive nennen, die Sie in besonderer Weise beeindruckt haben? Warum haben Sie diese Gebiete besucht? Wie haben Sie es geschafft, die Gräueltaten zu verarbeiten, mit denen Sie beispielsweise in Ruanda konfrontiert wurden?


Peress
Da haben Sie Recht, ich bezeichne mich niemals als „Kriegsfotograf“. Es ist jedoch so, dass Kriege oft (nicht immer) von zentraler Bedeutung für den Verlauf der Geschichte sind. Ich bin mir zutiefst bewusst, dass ich ein historisches Wesen bin und möchte die Epoche, in der ich lebe, mit offenen Augen wahrnehmen und nicht die Geschichte an mir vorüberziehen lassen. Außerdem war ich schon immer fasziniert davon, dass es an manchen Orten dieser Welt eine solche Kluft zwischen Menschen gibt, die ähnlich aussehen, ähnlich leben und doch sich gegenseitig als so grundverschieden definieren, dass sie den jeweils anderen ausrotten wollen. Ethnische und religiöse Konflikte offenbaren für mich ein Geheimnis des Menschen, sowohl in stark ritualisierten Konflikten, beispielsweise in Nordirland, als auch bei einem Völkermord, wie in Ruanda. Die Intensität der extremsten Fälle, zum Beispiel Ruanda, das mit schockierenden Bildern und Szenen verbunden ist, hinterlässt eine unauslöschliche Narbe auf der Seele. Doch in den Beweggründen des Menschen, ein solches Geschehnis zu beobachten, gibt es immer einen höheren Sinn.

 

mm Wie sieht Ihr Arbeitsprozess typischerweise aus? Wie nähern Sie sich einem neuen Projekt?

 

Peress Mein Arbeitsprozess ist recht banal. Ich lese sehr viel, und zu Beginn eines Projekts verbringe ich viel Zeit damit, mich umzuschauen, Notizen zu machen und die Struktur einer Situation zu erkennen. Diese Strukturen werden sowohl von dem profanen Alltagsleben als auch von wichtigen Ritualen beeinflusst, wobei ich besonders die Wendepunkte, wenn sich alles zuspitzt, im Blick behalte.

 

mm Seit 1975 leben Sie in New York. New York selbst war Ziel eines höchst schockierenden Terroranschlags. Wie erinnern Sie sich an den 11. September 2001?

 

Peress Der Morgen des 11. Septembers begann wie jeder andere Tag: Frühstück, die Kinder, Dinge, die ich erledigen musste. Die Nachricht vom Einschlag des Flugzeugs in den Nordturm verbreitete sich schnell, und als das zweite Flugzeug den Südturm traf, war offensichtlich, dass das kein Unfall, sondern Absicht war. Also lief ich zum World Trade Center und kam an, als der zweite Turm gerade einstürzte. Staub und Rauch hingen in der Luft, und die Menschen liefen weg. Polizisten wollten mich davon abhalten, in Richtung der Twin Towers zu gehen. Einer von ihnen sagte mir, dass ich dort sterben würde. Ich ging weiter.

Nach ein paar Tagen Arbeit ohne Pause, um das Magazin fertigzustellen (ich arbeitete zu dieser Zeit für „The New Yorker“), fing ich an, meine Freunde aufzusuchen, um zu sehen, in welcher Verfassung sie waren, ob sie noch lebten und wie es ihnen ergangen war. Im Gespräch mit dem Schriftsteller Michael Shulan, der sich heftig darüber beschwerte, dass die Terroristen sein Geschäft mit einer Erdgeschossimmobilie in Soho verhindert hatten, erkannte ich eine Möglichkeit, der Öffentlichkeit einen Ort zu geben, an dem sie ihre Trauer, ihre Gefühle und Erlebnisse über Fotos verarbeiten konnte. Alles, was wir dafür tun mussten, war Scanner und Drucker aufzustellen.

 

mm So entstand das Projekt „Here is New York. A democracy of pictures“, das später als Ausstellung um die Welt reiste. Wie kommunizieren Sie mit Ihrem Publikum?

 

Peress Das Publikum sind wir, und wenn wir die Strukturen unseres Bewusstseins analysieren, erkennen wir, dass in dem Maße, in dem wir mit Informationen überhäuft werden, unser innerer Widerstand wächst. Wenn wir in das Bewusstsein vordringen wollen, müssen wir eine Vielfalt an Präsentationsstrategien anwenden. Ein Projekt sollte deshalb vielfältige Bestandteile haben – an der Wand (Ausstellungen), gedruckt (Bücher und Zeitschriften) und online (Computer und Fernsehbildschirme). Zusammen liefern sie dem Publikum eine Wahrnehmung, welche die Grenzen eines jeden Mediums überschreitet und damit die ablehnende Haltung des Publikums gegenüber den Begrenzungen dieses oder jenes Mediums aufhebt. Auf diese Weise entsteht ein innerer Dialog in jedem Individuum, das zusammen mit anderen das Publikum bildet. Ich glaube, um das „Zentrum“ des Informationsflusses zu werden, müssen wir Ideen und Themen auf vielfältigen Wegen erkunden.

 

mm Inwiefern ist Ihre Arbeit politisch motiviert? Verfolgen Sie mit Ihren Arbeiten auch pädagogische Ziele?

 

Peress Meine Arbeit ist nicht politisch motiviert; ich bin extrem skeptisch gegenüber jeglicher Propaganda. Ich mache das in erster Linie, damit ich selbst die Natur und die Struktur der historischen Prozesse verstehe. Falls meine Arbeit dennoch erzieherisch wirkt, ist dies nicht meine primäre Absicht. Ich versuche, so aufrichtig, authentisch und unverhüllt zu sein, wie ich kann.

 

mm Woran arbeiten Sie zur Zeit?

 

Peress Ich habe wieder angefangen, im Mittleren Osten zu arbeiten.

 

 

 

 

Eva Luise Köhler und Gilles Peress 2004 in der Berliner C/O Galerie für Fotokunst

Lebenslauf:

1946 in Neuilly (Frankreich) geboren
1966-1971 Studium der Philosophie und Politikwissenschaft
1970 Beginn der Arbeit als Fotograf
1974 Mitglied der Fotoagentur MAGNUM
1986/87 sowie 1989/90 Präsident von MAGNUM
2004/05 Ausstellung "Grenzenlos" mit der Fotoserie "Fall of the Wall" in der Galerie C/O Berlin
Publikationen
"Telex Iran" (1984)
"Farewell to Bosnia" (1994)
"The Silence: Rwanda" (1995)
"The Graves: Srebrenica and Vukovar" (2002)
"Here is New York" (2002)
"Haines" (2004)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jüdische Flüchtlinge nehmen Abschied, Sarajevo 1993

 

 

Die UNIS-Türme in Sarajevo, durch eine Scheibe mit Einschussloch gesehen, 1993

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

9/11: Feuerwehrmänner räumen Schutt vor dem New York Telephone Building weg, das durch die unmittelbare Nähe zum World Trade Center nach den Terroranschlägen erheblich beschädigt ist

 

 

9/11: Ein zurückgelassener Frühstückswagen im Finanzdistrikt New Yorks nach dem Einsturz der Türme

 

 

 

 

 

Interview: Petra Rösgen