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Übersicht
„(Fast) alles neu“ – so lautet das Leitmotiv für die Umgestaltung der Dauerausstellung im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Wenn auch die damit formulierte Zielset¬zung auf eine überarbeitete Gestaltung, neue Exponate und die Einbeziehung aktueller Forschungsergebnisse hindeutet, so nutzte die Stiftung ein wichtiges Instrument der Ausstellungsplanung, das sie bereits seit über 20 Jahren einsetzt: die Besucherforschung.
Das Interesse richtete sich jetzt insbesondere auf die Bereiche der Dauerausstellung, die für die Neugestaltung vorgesehen waren: Sie umfassen den Zeitraum von 1949 bis 1963 und die Entwicklungen seit dem Fall der Mauer. Aus der Vielfalt methodischer Möglichkeiten wählte die Stiftung in erster Linie die Besucherbeobachtung, standardisierte Kurzinterviews und Fragebögen. Diese Instrumente gaben zahlreiche Hinweise für die Umgestaltung.
Zunächst beobachteten wir, wie die Besucherwege verlaufen: Wie orientiert sich der Besucher im Raum, wie lange oder auch kurz verweilt er, auf welche Objekte, Texte, interaktive Medienstationen reagiert er, mit welchen Ausstellungseinheiten befasst er sich intensiver? Zusätzlich werden die Besucher direkt zu ihren Eindrücken befragt: Was ist ihnen aufgefallen – und was nicht? Konnte die bisherige Präsentation die gewünschten Eindrücke vermitteln, oder ist möglicherweise die Intention der Ausstellungsmacher nicht deutlich geworden? Die Anregungen der Besucher fließen in die Planung ein.
Jahre des Aufbaus in West und Ost
Ein zentraler Eindruck dieser Ausstellungsebene, die sich mit der Zeit von 1949 bis 1955 befasst, ist das Mobiliar des ersten Deutschen Bundestags. Vor der Umgestaltung waren die DDR-Themen Volkskammerwahl und III. Parteitag der SED im Jahr 1950 direkt gegenüber dargestellt, gekennzeichnet durch die für die gesamte Ausstellung charakteristischen Metallelemente, welche die Ausstellungsbereiche zur SBZ/DDR und zur Teilung Deutschlands signalisieren. Die Beobachtung ergab, dass sich der DDR-Präsentation weniger als ein Drittel aller Besucher zuwandte und unterdurchschnittlich kurz verweilte.
An anderer Stelle sind Markt- und Planwirtschaft gegenübergestellt. Als ein Beispiel für Marktwirtschaft zeigt eine Verladerampe typische Exportgüter „Made in Germany“: VW-Käfer, Kleinmaschinen, pharmazeutische Produkte und Spielzeug. Welche Eindrücke hatten die Besucher hier jedoch zur DDR-Wirtschaft gewonnen? Zunächst versuchten wir dies mit einer allgemein gehaltenen Frage herauszufinden. Es zeigte sich schnell, dass die Befragten zusätzliche Informationen benötigten. Doch selbst dann nannte nur jeder Fünfte Objekte oder Einzelthemen, die dem Komplex „Wirtschaft in der DDR“ zuzuordnen waren. Dies waren klare Hinweise, beide DDR-Themen stärker in den Blick zu rücken, den politischen Teil offener, die Wirtschaft attraktiver zu gestalten.
Vertiefung der Teilung
In diesem Ausstellungsbereich, der die Jahre von 1956 bis 1963 präsentiert, war die Darstellung des Mauerbaus Schwerpunkt der Untersuchungen. Visualisiert wird die Teilung auch hier durch die Metallelemente. In der bisherigen Präsentation waren diese so aufgestellt, dass sie sich immer weiter schlossen und den Besuchern den Ausgang aus dem DDR-Ensemble verwehrten. Fast die Hälfte der befragten Besucher erkannte darin hingegen eine Öffnung der Wandelemente, manche interpretierten dies sogar als optischen Hinweis auf den zukünftigen Mauerfall. Durch dieses eher abstrakte Gestaltungsmittel konnte die Grenzschließung also nicht vermittelt werden. Die Konsequenz für die neue Ausstellung war, das konkrete Ereignis des Mauerbaus zentral ins Bild zu setzen.
Die Evaluation dieser Metallelemente zeigt die Kontinuität der Besucherforschung im Haus der Geschichte. Bereits vor Eröffnung der Dauerausstellung 1994 untersuchte die Stiftung diese Gestaltungselemente. Zunächst waren sie geplant als fast naturgetreue, an Mauern erin¬nernde Einbauten. Intensive Diskussionen mit Besuchergruppen unterschied¬lichen Alters und unterschiedlicher Herkunft machten deutlich, dass diese Ele¬mente zahlreiche Missverständnisse erzeugten. Diese Erkenntnisse veranlassten uns bereits damals, ein abstrakteres Symbol zu wählen.
Ein wichtiges Einzelthema im DDR-Ausstellungsbereich sind die Flüchtlinge in den 1950er Jahren bis zum Mauerbau. Wir wollten wissen, wie gut die Informationen zur Fluchtbewegung aus der DDR als ein zentrales Thema deutsch-deutscher Geschichte unsere Besucher erreichten. Auch hier fragten wir sowohl Gruppen wie auch Einzelne in standardisierten Kurzinterviews. Nur knapp 20 Prozent hatten die wichtige Problematik zur Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik durch Objekte, Texte oder andere Medien wahrgenommen. Um aussagefähige Ergebnisse zu erhalten, kamen „cued persons“ zum Einsatz: Einzelne Personen wurden gebeten, sich den gesamten Ausstellungsbereich intensiv anzusehen. Abermals bestätigte sich die unzureichende Wahrnehmung der „Abstimmung mit den Füßen“.
Die Beobachtung der Besucherwege auf der gesamten Ebene gab Aufschluss darüber, welche Ausstellungseinheiten besonders intensiv oder eher in geringerem Umfang genutzt wurden. So verdeutlichten die Ergebnisse, dass nicht einmal jeder Fünfte die hinter dem Kaufhaus durch ein Wandelement abgetrennten Themen, wie Frauenarbeit und Sozialversicherung, bemerkte. Daher verzichtet die neue Ausstellung auf diese Wand.
Deutsche Einheit und globale Verpflichtungen
Auch für die Umgestaltung des Bereichs, der die Zeit vom Mauerfall bis heute präsentiert, gab die Besucherforschung wichtige Hinweise: Eine „Zeitinsel“ schuf am Ende des Ausstellungsbesuchs mit interaktiven Bildschirmen einen Ort, an dem Besucher ihre Meinung zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen äußern konnten. Wie Beobachtung und Zeitmessung ergaben, widmeten sie sich ausführlich den Fragen und diskutierten Antwortmöglichkeiten. Daher nimmt die „Zeitinsel“ auch nach der Neugestaltung einen zentralen Platz ein.
Im Gegensatz zur intensiven Nutzung der „Zeitinsel“ stehen die Erfahrungen mit einer etwa je sechs Meter hohen und breiten Installation am Ende der Ausstellung. Dieses Element präsentierte schlaglichtartig und assoziativ Themen aus Politik, Technologie und Gesellschaft. Es war jedoch außerhalb des unmittelbaren Blickfelds der Besucher positioniert, sodass nur fünf Prozent diesen groß dimensionierten „Setzkasten“ wahrnahmen. Die zur Verfügung stehende Ausstellungsfläche wird nun anders genutzt und das Spektrum der aktuellen Themen weiter gefächert.
Bundestagswahlen
Neben den bereits beschriebenen Metallelementen gehören die Vertiefungselemente zu den Bundestagswahlen mit Plakaten, Objekten und Filmen zu den sich wiederholenden Elementen. Auch hier setzte die Stiftung eine langjährige Tradition fort, da diese Ausstellungsmodule bereits vor Eröffnung der Dauerausstellung intensiv getestet und besucherorientiert gestaltet wurden. Nun stellte sich die Frage, ob diese Wahlstationen im Grundsatz beibehalten werden konnten oder sich ändernde Verhaltensweisen der Nutzer eine Umgestaltung nahelegten. Erfreulicherweise zeigte sich, dass – bei guter Platzierung – die Module auch während des Ausstellungsrundgangs weiterhin auf reges Interesse stießen. Insbesondere war zu ermitteln, ob die speziell vom Haus der Geschichte entwickelten Wahlterminals beibehalten werden sollten. Sie bieten einen einmaligen Überblick über die Bundestagswahlergebnisse mit Informationen zu den einzelnen Wahlkreisen, den Kandidaten und der historischen Entwicklung. Die intensive Nutzung dieser Vertiefungselemente sprach dafür, auch diese Terminals – in technisch und gestalterisch modernisierter Form – beizubehalten.
Gespannt ist die Stiftung darauf, wie die Besucher sich auf die neue Ausstellung einlassen werden. Die Besucherforschung wird auch in Zukunft wichtige Gestaltungshinweise für die Weiterentwicklung der Ausstellungen der Stiftung liefern.
„In diesem Ausstellungsbereich wird das Thema ,Wirtschaft`behandelt. Welche Unterthemen sind Ihnen aufgefallen?"
Frage nach Eindrücken der Besucher im Ausstellungsbereich 1949 bis 1956

Anne Julia Rüter (links) befragt Besucher im Foyer des Museums

Beobachtungen geben Auskunft, ob und wie sich Besucher Themen zuwenden und liefern Hinweise für die künftige Optimierung.

Missverständlich: die Schließung der Grenze in der Dauerausstellung von 1994
„Dieser Bereich unserer Ausstellung beschäftigt sich mit der inneren Entwicklung der DDR in den Jahren von 1955 bis 1963 und der Beziehung zwischen den beiden deutschen Staaten zu dieser Zeit. Welche Einzelthemen erwarten Sie zu sehen?"
Frage zum Thema „Flucht aus der DDR" vor Besuch des Ausstellungsbereichs
„Dieser Bereich unserer Ausstellung beschäftigt sich mit der inneren Entwicklung der DDR in den Jahren von 1955 bis 1963 und der Beziehung zwischen den beiden deutschen Staaten zu dieser Zeit. Welche Einzelthemen sind Ihnen aufgefallen?"
Frage zum Thema „Flucht aus der DDR" nach Besuch des Ausstellungsbereichs