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Als am 4. Oktober 1957 der erste künstliche Erdtrabant den Globus umkreist, ist die Überraschung gewaltig. Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Welt davon ausgegangen, dass die Vereinigten Staaten von Amerika einen technologischen Vorsprung vor dem ideologischen Todfeind Sowjetunion haben. Doch der erfolgreiche Flug des Sputnik zertrümmert diesen Glauben. Die von der Sternwarte Bochum aufgezeichneten Pieptöne erschüttern nicht nur die Amerikaner, sondern lösen weltweit Entsetzen bei den Bündnispartnern aus.
Der Sputnik-Schock ist eine Zäsur im Kalten Krieg. Der Erfolg des sowjetischen Raumfahrtprogramms und das offensichtliche Hinterherhinken der amerikanischen Anstrengungen ist Wasser auf die Mühlen des Generalsekretärs der KPdSU, Nikita S. Chruschtschow. Er nutzt den Sputnik-Flug, um seiner Überzeugung Nachdruck zu verleihen, dass der Westen im Abstieg begriffen sei und der Osten im Kalten Krieg siegen werde. Die sowjetische Propaganda feiert den Triumph enthusiastisch.
In den USA bewertet die Mehrzahl der Beobachter den Flug des Sputnik als „technologisches Pearl Harbor“. Die Kommentatoren überschlagen sich in pessimistischen Prognosen. Schon bald ist die Rede von einer „Raketenlücke“: Während die Vereinigten Staaten noch nicht über einsatzfähige Interkontinentalraketen verfügen, ist die Sowjetunion offensichtlich in der Lage, solche Flugkörper nicht nur erfolgreich abheben zu lassen, sondern auch mit einer Fracht zu bestücken. Die strategischen Planer in den USA befürchten einen sowjetischen „Enthauptungsschlag“. Es scheint, als seien die Vereinigten Staaten erpressbar geworden – eine Einschätzung, die viele Staatsmänner in der Welt teilen.
Präsident Dwight D. Eisenhower (1953 bis 1961) hingegen ist eine der wenigen Personen auf der Welt – abgesehen vom Politbüro der KPdSU –, die weiß, dass die Sowjetunion im Bereich der Interkontinentalraketen nicht meilenweit enteilt ist, sondern gewaltig blufft. Denn bereits seit 1956 lässt er das Territorium der UdSSR systematisch durch Höhenaufklärer vom Typ Lockheed U2 fotografieren. Die Aufnahmen belegen, dass die Sowjetunion keineswegs Interkontinentalraketen seriell in Masse produziert. Im Gegenteil: Das sowjetische Raketenprogramm hat mit schweren technischen Problemen zu kämpfen. Die „Roten Raketen“ sind zu diesem Zeitpunkt faktisch keine Bedrohung für das Territorium der Vereinigten Staaten.
Forcierung des Wettrüstens
Doch Eisenhower kann und will seine geheimen Informationen nicht preisgeben. Seine Kritiker schlachten die vermeintliche „Raketenlücke“ zu ihrem Vorteil aus – allen voran der junge Senator John F. Kennedy. Als Präsident beschleunigt er 1961 nochmals die von Eisenhower bereits widerwillig begonnene Forcierung der Raketenrüstung. Während der Kuba-Krise im Oktober 1962 sind die USA der Sowjetunion mit 17 zu 1 bei den interkontinental einsetzbaren Nuklearwaffen überlegen.
Der Sputnik-Schock prägt auch die Bildungspolitik der Bundesrepublik Deutschland. Denn durch den Flug des Satelliten hatte sich gezeigt – so vermuten viele damals –, dass der Westen gerade in den naturwissenschaftlichen Disziplinen ins Hintertreffen geraten sei. Die Entscheidungsträger in Bonn – Politiker und Wissenschaftler – werten diese Studiengänge massiv auf. Zudem streben sie eine Vergrößerung der Studentenzahlen an, da mehr Naturwissenschaftler und Ingenieure nötig sind, um mit dem technologischen Fortschritt der kommunistischen Welt Schritt halten zu können.
Der Sputnik-Schock ist damit nicht nur eine tiefe Krise des westlichen Selbstvertrauens im Ringen mit dem weltanschaulichen Gegenspieler, sondern auch die Geburtsstunde des Wettlaufs zum Mond, bei dem die USA knapp zwölf Jahre später triumphieren sollen.