Inhalt
Übersicht
Die SED-Propagandisten ziehen anlässlich Stalins 70. Geburtstags am 21. Dezember 1949 alle Register, um ihre Hymnen auf den sowjetischen Diktator in das Gehirn der Masse einzubrennen: Lieder, Gedichte, Bilder und Texte preisen den „Genius der werktätigen Massen“. Die Bevölkerung huldigt „dem Größten unter den Menschen“ bei Aufmärschen und Festveranstaltungen. Die kultische Überhöhung steht in eklatantem Kontrast zur Realität des stalinistischen Regimes in der DDR.
Stalin ist der Garant der kommunistischen Herrschaft in der DDR. Die SED hat keine eigenen Handlungsspielräume, sie ist völlig abhängig von Stalin. Die Parteispitze muss im September 1949 bei dem „lieben Genossen Stalin“ sogar Detailfragen hinsichtlich der geplanten Staatsgründung zur Entscheidung vorlegen. Erst nach Stalins Zustimmung kann sich die DDR in der vorgeschlagenen Form im Oktober 1949 gründen.
Der Personenkult um Stalin erreicht mit den Geburtstagsfeierlichkeiten einen ersten Höhepunkt. Die Kampagne wird von langer Hand vorbereitet. So veröffentlicht die SED-Propaganda zum Beispiel ein „Programmheft“ mit Anweisungen zu öffentlichen Feierstunden für „den siegreichen Führer der Menschheit im Kampf um den gesellschaftlichen Fortschritt“. Musik von Beethoven markiert den Beginn, gemeinsamer Gesang der „Internationalen“ das Ende der Feier. Gedichte, Vorträge und Lieder wie die „Kantate auf Stalin“ des SED-Schriftstellers Kurt Barthel (KuBa) sind weitere Programmpunkte.
Die SED nimmt auch den öffentlichen Raum in Besitz. Sie benennt Straßen und Plätze nach Stalin. Seine Bilder und Büsten schmücken „Altäre“ in öffentlichen Gebäuden, überlebensgroße Porträts propagieren auf Häuserfassaden Macht und Herrlichkeit des Sowjetführers. Stalin wird in Wort und Bild als gottähnliche Gestalt überhöht. Der aufwendige Personenkult anlässlich seines Geburtstags zielt darauf ab, die SED-Herrschaft durch Verweis auf Stalins charismatische Wesenszüge zu legitimieren. Ziel ist, die Bevölkerung emotional an den Kommunismus zu binden.
Mobilisierung der Massen
Um weite Kreise der Bevölkerung in die Kampagne einzubeziehen, finanziert die arbeitende Bevölkerung durch den Ertrag einer zusätzlichen Arbeitsstunde ein Geschenk für den „Generalissimus“: ein Zeiss-Planetarium. Das Produkt ostdeutscher Wertarbeit soll die Leistungskraft der Republik dokumentieren. Als Standort ist die Stadt vorgesehen, welche die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg unter ungeheuren Opfern gegen die deutsche Wehrmacht verteidigt hat und die den Wendepunkt des Krieges symbolisiert: Stalingrad. Das Geschenk hat den Charakter einer „freiwilligen“ Reparationsleistung, einer symbolische Beteiligung am Wiederaufbau des zerstörten Stalingrad und ist somit ein Zeichen der Freundschaft zwischen DDR und Sowjetunion.
Symbolisch aufgeladen sind auch andere Geschenke, die Staat, Partei und Massenorganisationen Stalin zukommen lassen. So beauftragt die Ost-Berliner SED die junge Künstlerin Ruthild Hahne, eine Büste des ehemaligen KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann zu fertigen. Der SED-Parteivorstand nickt das Geschenk ab. Mit der Büste erinnert die SED an den kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Thälmann, von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Buchenwald umgebracht, wird in der DDR als Inkarnation des kommunistischen Widerstands in Szene gesetzt.
Unterschriftensammlungen für Glückwunschadressen dienen ebenfalls dazu, große Teile der Bevölkerung einzubeziehen. Telegramme und Briefe, oft auch handgemalte Urkunden oder eigene Gedichte werden Stalin zugeschickt. Die Unterschriften dienen der Propaganda als Beleg für die öffentliche Zustimmung zu Stalin und zum kommunistischen System.
Kritik verboten
Der verordnete Jubel wird in der Ausstellung auf einem „Stalin-Altar“ in Szene gesetzt, wobei dem „schönen Schein“ der Propaganda die alltägliche Realität des Terrors gegenübersteht. Die SED stigmatisiert Gegner Stalins als Verbrecher. „Die heutige Lage in der Welt“, heißt es im SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ anlässlich Stalins Geburtstags, „verlangt auch von jedem Nichtsozialisten, wenn er nicht zum Verbrecher an der Menschheit werden will, (…) Liebe zur Sowjetunion, Liebe zu Josef Wissarionowitsch Stalin.“
Auf Kritik an Stalin reagiert die SED mit brutaler Unterdrückung. 1949 stören Altenburger Schüler die Rundfunkübertragung zu Stalins Geburtstag mit einem selbst gebauten Sender. Sie werden entdeckt und zur Todesstrafe beziehungsweise langen Freiheitsstrafen verurteilt. Stalin bringt der DDR nicht „Glück und Frieden“, wie es in einem Loblied heißt, sondern Terror und Unterdrückung.