2/2011

 

 Inhalt

Übersicht

Globalisierung

Herausforderungen für Deutschland

Globalisierung ist das Thema unserer Zeit – politisch, wirtschaftlich und kulturell. Durch die Einführung digitaler Kommunikationstechnologien, den Abbau von Handelsbarrieren und den Ausbau supranationaler politischer Ordnungen hat die internationale Verflechtung in ihrer Intensität und Ausdehnung eine neue Qualität erreicht.

 

Mit Globalisierung sind grundlegende Veränderungen gemeint, die nicht nur die Rahmenbedingungen der Politik wandeln, sondern nahezu alle Lebensbereiche durchdringen. Die Dauerausstellung lenkt den Blick auf zentrale Aspekte dieser Entwicklung, um beispielhaft zu veranschaulichen, was Globalisierung für eine Industriegesellschaft wie Deutschland konkret bedeutet.

 

 

 

 

Europa

 

Die vertiefte europäische Integration nach 1990 ist eine Reaktion auf den Prozess der Globalisierung und zugleich eine ihrer Antriebskräfte, weil Vorreiter auf dem Gebiet der supranationalen Zusammenarbeit. Die Globalisierung kennzeichnet, dass Nationalstaaten an Handlungs- und Gestaltungsmacht verlieren, während die Bedeutung übernationaler Politik wächst. Durch die deutsche Wiedervereinigung und das Ende des Kalten Krieges bekommt die Europapolitik starke Impulse. Die Mitgliedsstaaten übertragen immer mehr Zuständigkeiten auf die europäische Ebene, um ihre Interessen gemeinsam verfolgen zu können und dadurch als Global Player mehr Gewicht auf der Weltbühne zu erlangen.



Ein Meilenstein auf dem Weg zu vertiefter Integration ist der am 1. November 1993 in Kraft getretene Vertrag von Maastricht, der auf eine gemeinsame europäische Wirtschafts- und Währungspolitik abzielt. Mit dem Euro geben die Nationalstaaten ihre Souveränität in der Währungspolitik zugunsten der Europäischen Zentralbank auf. Der Euro ist seit 2002 gemeinsames Zahlungsmittel in den Ländern der Eurozone, 2010 umfasst die Eurozone 16 von den insgesamt 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Der Abschied von der D-Mark fällt vielen in Deutschland schwer – mit ihr sind Erinnerungen an das Wirtschaftswunder und Vertrauen auf Stabilität verbunden.



Grenzkontrollen innerhalb des europäischen Binnenmarktes werden seit 1995 nach und nach abgebaut, um die volle Freizügigkeit für Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital herzustellen. Ein regelrechter Erweiterungsmarathon überwindet nach dem Ende des Kalten Krieges die jahrzehntelange Spaltung des Kontinents. Die Europäische Union umfasst heute 27 Mitgliedsstaaten mit insgesamt 495 Millionen Einwohnern. Veränderungen dieser Größenordnung lassen Gegenstände wie ehemalige Grenzanlagen und Zollschilder zu hochsymbolischen Museumsstücken werden.

 

 

 

 

Wirtschaft

 

Nach dem Ende des Kalten Krieges entfaltet sich die Marktwirtschaft als globale Wirtschaftsform. Als Exportnation profitiert Deutschland ungemein von dieser Entwicklung, gleichzeitig ist der Industriestandort mit verstärktem Wettbewerb konfrontiert. Unternehmen richten systematisch ihre Produktionsprozesse und Absatzstrategien auf den Weltmarkt aus. Die Produktions- und Wertschöpfungsketten von weltweit operierenden Konzernen erstrecken sich über alle Kontinente. Die Liberalisierung der Finanzmärkte und die weltweite Vernetzung des Wertpapierhandels führen seit den 1990er Jahren zu einer fast unbegrenzten Kapitalmobilität.



Im Jahr 2008 tritt der Ernstfall ein: Der Bankrott der US-Investitionsbank „Lehman Brothers“ im September löst eine Kettenreaktion aus. Die Finanz- und Wirtschaftskrise macht schlagartig Tiefe und Reichweite der globalen Vernetzung und deren Risiken deutlich. Weltweit haben Banken und Anleger in Hypothekenkredite auf US-Immobilien investiert, die sich jetzt als wertlos entpuppen. Banken verbuchen Milliardenverluste. Aktien verlieren dramatisch an Wert.



Die Bundesregierung betreibt Krisenmanagement. Staatshilfen in Milliardenhöhe sind notwendig, um den Finanzmarkt und damit die Wirtschaft zu stabilisieren. Der Glaube an den „freien Markt“ ist vorübergehend erschüttert. Dass Steuerzahler die Folgekosten gewinnträchtiger Spekulationen begleichen und die Schuldenlast des Staates wächst, löst heftige öffentliche Proteste aus. Die Forderungen nach schärferer Bankenaufsicht und Regulierung der Finanzmärkte werden immer lauter.

 

 

 

 

Sicherheitspolitik

 

Schon bald nach der Wiedervereinigung fallen die regionalen Grenzen deutscher Sicherheitspolitik. Neue Kriege und Terrorismus sowie die gestiegenen Erwartungen an das vereinigte Deutschland beenden die deutsche Sonderrolle. Mit einer im Prinzip weltweiten Einsatzbereitschaft folgt die Bundeswehr der globalen Neuausrichtung der NATO. Beschränken sich die ersten Blauhelmmissionen in Kambodscha und Somalia noch auf humanitäre Aktionen, so nehmen deutsche Soldaten 1999 im Kosovo zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges an einem Kampfeinsatz teil.



Die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York rücken schlagartig eine neue Gefahrenlage in das allgemeine Bewusstsein. Der Terrorismus hat die gesamte westliche Zivilisation als seinen Feind ins Visier genommen. Die NATO erklärt erstmals den Bündnisfall.



Die Tür des gepanzerten Fahrzeugs der Bundeswehr vergegenwärtigt den lebensgefährlichen Charakter des Einsatzes, an dem die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan teilnehmen. Der „Dingo“ gerät im Frühjahr 2010 in der Nähe von Kunduz in eine Sprengfalle und wird anschließend von den Taliban unter Beschuss genommen.

 

Die Out-of-area-Missionen außerhalb des ursprünglich festgelegten Einsatzgebiets der NATO sind in der deutschen Bevölkerung höchst umstritten. Der Begriff „Krieg“ wird in der öffentlichen Debatte lange Zeit tabuisiert. Krieg meint die militärische Auseinandersetzung zwischen Staaten. In diesem Sinne handelt es sich in Afghanistan nicht um einen Krieg, weil Deutschland die dortige Regierung in einem Bürgerkrieg militärisch unterstützt. Bundeswehrsoldaten fallen – auch aus diesem Grund scheut man sich, im politischen Diskurs vom „Krieg“ zu sprechen.

 

 

Migration

 

Deutschland ist ein Einwanderungsland und verändert sich – die religiöse, kulturelle und ethnische Vielfalt der Gesellschaft nimmt zu. Fast jeder fünfte in Deutschland lebende Mensch hat 2008 einen Migrationshintergrund. Die Wahrnehmung von Differenz und Fremdheit ist eine alltägliche Erfahrung für jeden. Die Vielfalt der Alltagskulturen und Weltbilder führt auch zu Spannungen und Konflikten. Weil eine konsequente Einwanderungspolitik fehlt, entstehen in einigen Städten Parallelgesellschaften. Die meisten „Gastarbeiter“ kehren nicht – wie lange Zeit erwartet wurde – in ihre Heimatländer zurück, sondern holen ihre Familien nach. Aus Arbeitsmigration wird Einwanderung. In den 1990er Jahren wächst das Bewusstsein der Integrationsprobleme. Entsprechende Ämter und Ministerien werden gegründet. Am 1. Januar 2000 tritt ein neues Staatsbürgerschaftsrecht in Kraft. Es ergänzt das traditionelle Prinzip der Vererbung der Staatsbürgerschaft um den Erwerb durch Geburt im Land. Auch die Einbürgerung wird erheblich erleichtert. Diese Rechtsreform trägt der Tatsache Rechnung, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.

 

Der Islam steht im Zentrum der Integrationsdebatte. Im „Kopftuchstreit“ tritt der Konflikt zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheit deutlich zu Tage. Den einen gilt das Kopftuch als Zeichen patriarchalischer Unterdrückung und politischer Propaganda, den anderen als Ausdruck von Rechtgläubigkeit und religiöser Identität. Die aus einer konservativen türkischen Familie stammende Emel Algan, langjährige Vorsitzende des Islamischen Frauenvereins in Berlin, lässt sich von einer Hutmacherin eine Reihe immer unauffälligerer Kopftuchmodelle anfertigen. 2005 schließlich legt sie das Kopftuch ganz ab, weil sie es für ein Zeichen der Abgrenzung hält. Andere muslimische Frauen tragen das Kopftuch freiwillig – als Zeichen ihrer kulturellen Selbstbestimmung.

 

 

 

 

Klimawandel

 

Der Klimawandel, also die Auswirkungen insbesondere des Treibhausgases CO2 auf das Klima, ist eines der globalen Schlüsselprobleme, die übernationale Lösungen notwendig machen. Zwar müssen überwiegend Menschen in anderen Weltregionen die Folgen der Erderwärmung tragen, aber auch in Deutschland sind deren Wirkungen immer deutlicher spürbar: Hochwasser, Stürme, Gletscherschmelze. Gletscher gelten als eine Art Frühwarnsystem für die globale Klimaerwärmung.



Achtzig Prozent ihrer Primärenergie gewinnen die Industriestaaten aus fossilen Energiequellen. Dieser Anteil soll so schnell wie möglich durch nichtfossile Energieträger klimaverträglich ersetzt werden. Denn zum einen erweisen sich Brennstoffe wie Öl und Kohle als umweltschädlich. Zum anderen werden diese Ressourcen knapp, während der Energiebedarf der Menschheit steigt.

Deutschland hat das Kyoto-Protokoll unterzeichnet, das bisher einzige verbindliche internationale Abkommen mit dem Ziel, die Emissionen von Treibhausgasen zu vermindern. Das 2005 in Kraft getretene Vertragswerk ist ein Meilenstein, die USA und große Schwellenländer aber verweigern ihre Teilnahme. Die Bundesrepublik Deutschland gilt als „Musterschüler“ in Sachen Ökologie. Ihre Verpflichtung, die Emissionen bis 2012 um 21 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken, hat sie bereits 2008 erfüllt, nicht zuletzt durch die starke Abnahme der Emissionen im Osten Deutschlands.

 

 


Blick von innen auf den Globus mit einem Durchmesser von elf Metern

 

Der Euro ist seit dem 1. Januar 2002 alleiniges Zahlungsmittel in Deutschland. Bereits zwei Wochen vorher stimmt das „Starterkit“ auf die neue Währung ein.

 

Bulle und Bär: Symbole für die steigenden und fallenden Börsenkurse. Die Bronzefiguren stehen seit 1988 vor der Frankfurter Börse.

 

Der Soldat Boris Barschow notiert am 16. Juni 2009 vor dem Abflug nach Kunduz in sein Tagebuch: „Gestern Abend mit komischem Gefühl meine Ausrüstung fertiggemacht. Es geht nach Kunduz. In den Krieg? Wer weiß. Jedenfalls sterben dort Menschen (…)“.

 

 

 

 

Lebensgefahr: In Afghanistan geraten Bundeswehrsoldaten unter Beschuss, wie die Tür eines „Dingo“-Fahrzeugs zeigt.

 

 

 

 

 

Kopftuch - ja oder nein? Eine Debatte über die Rolle des Islams in Deutschland

 

Modell der Zugspitze: Seit 1850 haben die Gletscher mehr als die Hälfte ihrer Masse verloren.

Andrea Mork