2/2011

 

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Übersicht

Nierentisch und „Gelsenkirchener Barock“

Wohnen in den 1950er Jahren

„Für die moderne Wohnküche ist dieses formschöne Möbel hervorragend geeignet (…) Geschweifte Türen und schöne Furnierzusammensetzungen. Glasschiebetüren mit goldfarbig hinterlegtem Zierschliff (…)“ So preist 1958 der Neckermann-Versandhauskatalog ein repräsentatives Küchenbüfett zum Preis von 495,- DM an, dem Gegenwert von mehr als fünf Wochenlöhnen eines Industriearbeiters mit durchschnittlichem Einkommen. Dieser Schrank bietet dem Käufer einen Wohnstil, den er aus seiner Kindheit kennt. Der Nierentisch, heute Inbegriff für das Möbeldesign der 1950er Jahre, fehlt im Katalog dagegen nahezu. Allein eine winzige Blumenbank hat die „typische“  nierenförmige Platte. „Freunde der modernen Linie haben diese neue Form mit Begeisterung aufgenommen“, lautet die Werbung und lässt ahnen: Kunden mit Interesse an zeitgenössischem Design sind eine kleine Minderheit.

 

Die neue Dauerausstellung wirft einen Blick in bundesdeutsche Wohnzimmer der 1950er Jahre und zeigt die erstaunliche Beharrungskraft ästhetischer Leitbilder aus der Zeit vor 1945, die Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach bestätigen. Im Juni 1956 bevorzugen 51 Prozent der Befragten ein traditionelles Wohnzimmer mit wuchtigen Polstermöbeln, schwerem Büfett und großem Esstisch in der Raummitte. Weit abgeschlagen mit nur 13 Prozent Zustimmung ist das „50er-Jahre-Wohnzimmer“ mit Nierentisch, Schalensessel und zierlicher Stehleuchte. Bereits zwei Jahre zuvor haben die Demoskopen rund 1.000 Frauen ab 18 Jahren die gleichen Wohnalternativen vorgestellt und deren Antworten vertiefend analysiert. Die Beschränkung auf weibliche Interviewpartner begründen sie mit dem „großen Einfluss“, den Frauen in Einrichtungsfragen hätten. Das Ergebnis dieser Befragung bestätigt die Verkaufsstrategie der Möbelhändler und überrascht mit neuen Einsichten. Quer durch alle Altersgruppen findet der traditionelle Wohnstil auch hier die meiste Zustimmung. Der Wohnort und seine Größe spielen keine Rolle, wohl aber die Schulbildung: Je einfacher das Bildungsniveau, desto konservativer der Geschmack, je höher, desto größer das Interesse an moderner Innenarchitektur. 

 

 

„Ein Angriff auf den Menschen“

 

Die Förderung des guten Geschmacks ist das erklärte Ziel von Künstlern, Architekten und Designern, die mit ironischem Spott den „Gelsenkirchener Barock“ geißeln. Sie meinen damit industriell gefertigte Gebrauchsmöbel, die die Formensprache früherer Epochen unschöpferisch zitieren und handwerkliche Einzelanfertigung optisch vortäuschen. Stichwortgeber ist der Bonner Kunsthistoriker Heinrich Lützeler, der 1939 in seiner „Studie über Haus- und Wohnideen“ das zeitgenössische „Küchenbarock“ kritisiert: „Die sich (…) aufblähenden Möbel erfüllen den begrenzten Raum mit dauernder Bewegung, sind ein Angriff auf den Menschen.“ Diese freilich lassen sich von den volkspädagogischen Initiativen Intellektueller nicht beirren, sondern bleiben einem Einrichtungsprogramm treu, das Geborgenheit, sozialen Status und Wertbeständigkeit ausstrahlt.



Die Kritik am Massengeschmack verkennt die mentale und wirtschaftliche Lage breiter Bevölkerungsschichten. Krieg und Kriegsfolgen sind in schmerzhafter Erinnerung. Vor diesem Hintergrund ist die Wohnung mehr als eine Behausung. Deren Ausstattung steht für die  Rückkehr zu bürgerlicher Normalität und zeigt, dass der Eigentümer es „zu etwas gebracht hat“. Noch kosten Ernährung und Kleidung die Hälfte des Haushaltseinkommens. Teure Anschaffungen werden deshalb sorgfältig geplant. „Möbel sind im allgemeinen eine einmalige Anschaffung“, mahnt 1956 das „Hausbuch für die deutsche Familie“. Folglich meiden viele Menschen modische Experimente, bevorzugen „Wertobjekte von zeitloser Schönheit“ und leisten sich allenfalls Tischgeschirr, Tapeten und Vorhänge mit neuartigen Formen und Mustern.



Um 1960 wird ein Geschmackswandel spürbar, dem auch das Versandhaus Neckermann Rechnung trägt. Der Katalog wirbt für hell lackierte Anbauküchen und Wohnzimmermöbel mit kubischen Formen. Diese Abkehr vom alten Wohnstil spiegelt soziale Veränderungen. Tonangebend wird jetzt der zu Wohlstand gekommene Angestellte aus den aufstrebenden Dienstleistungsberufen. An diese Zielgruppe wendet sich die Zeitschrift „Schöner Wohnen“, die 1960 erstmals erscheint. Den Abschied vom „Gelsenkirchener Barock“ begleitet die Rezeption vor allem des skandinavischen Möbeldesigns. Folgerichtig erkennt das schwedische Möbelhaus IKEA in der Bundesrepublik einen zukunftsträchtigen Markt und eröffnet im Oktober 1974 seine erste deutsche Niederlassung. Heute ist Deutschland für IKEA der umsatzstärkste Standort.

 

 

Statussymbol in den 1950er Jahren: Wohnküchenschrank im „Gelsenkirchener Barock“

 

Sparsamer Konsum mit dem Haushaltsbuch

 

Moderne Form: Der Nierentisch ist kein Verkaufsschlager.

 

 

 

Angela Stirken