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„Nichts ist so dauerhaft wie ein Provisorium.“ Dieses Paradox trifft auch auf Bonn zu. 1949 wird die ehemalige kurfürstliche Residenzstadt „vorläufiger Sitz“ von Parlament und Regierung der Bundesrepublik Deutschland „für eine Übergangszeit“ bis zur Wiedervereinigung. Das Provisorium dauert fünf Jahrzehnte. In Bonn wird der Weg zur beständigsten Demokratie der deutschen Geschichte geebnet. Die neue Dauerausstellung präsentiert die Geschichte der Politmetropole Bonn als historischen Bilderbogen von der Bundeshauptstadt zur Bundesstadt mit Sitz von Einrichtungen der Vereinten Nationen (UN).
1948 tritt die Universitätsstadt am Rhein in das Rampenlicht der Zeitgeschichte. Die Ministerpräsidenten der westdeutschen Bundesländer entscheiden sich für Bonn als Tagungsort des Parlamentarischen Rats, einer Versammlung von 65 Abgeordneten aus den Länderparlamenten mit dem Auftrag, ein Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland zu erarbeiten. Vorausgegangen ist die faktische Teilung des Landes. Nach dem Sieg über die Nationalsozialisten und der Übernahme der Regierungsgewalt gelingt es den Westmächten und der Sowjetunion nicht, sich auf eine gemeinsame Besatzungspolitik zu verständigen. Die Entwicklung in Ost- und Westdeutschland driftet auseinander und führt zur Entstehung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik.
Die Feierlichkeiten zur Eröffnung des Parlamentarischen Rats finden am 1.September 1948 im Museum Koenig statt. „Wohl kaum hat je ein Staatsakt, der eine neue Phase der Geschichte eines großen Volkes einleiten sollte, in so skurriler Umgebung stattgefunden“, schreibt Carlo Schmid (SPD), Justizminister von Württemberg-Hohenzollern und Mitglied des Parlamentarischen Rats in seinen Memoiren über das historische Ereignis. „In der Halle dieses in mächtigen Quadern hochgeführten Gebäudes standen wir unter Länderfahnen – rings umgeben von ausgestopftem Getier aus aller Welt…. Die bizarre Umgebung ließ trotz der Beethovenschen Musik, mit der die Feier eröffnet und beschlossen wurde, keine rechte Feierlichkeit aufkommen; gleichgültig war jedoch keinem von uns zumute.“
Die Anekdote über dad exotische Publikum wird zu einer Gründungserzählung der Bundesrepublik. Sie unterstreicht sinnbildhaft die improvisierten Voraussetzungen, unter denen die Verfassungsschöpfung in Bonn ihren Anfang nimmt. Unter den stillen Zaungästen ist auch ein Banteng, ein asiatisches Wildrind, das in die umlaufende Galerie geschoben und verhangen wird. Das Haus der Geschichte holt das Tier auf die Bühne zurück und zeigt es in der Ausstellung.
Entscheidung für „die kleine Stadt am Rhein"
Knapp neun Monate nach dem Festakt schlägt am 10. Mai 1949 die Geburtsstunde Bonns als vorläufiger Sitz der Bundesorgane. Die Provinzstadt am Rhein kann sich gegen die hessische Großstadt Frankfurt am Main bei der Abstimmung im Parlamentarischen Rat mit 33 zu 29 Stimmen durchsetzen. Das Votum für Bonn und gegen die Mainmetropole mit ihrem geschichtlichen Rang und ihrer Bedeutung als Wirtschafts- und Finanzzentrale unterstreicht in den Augen vieler Mitglieder des Parlamentarischen Rats stärker den provisorischen Charakter dieser Lösung.
Schwarz-rot-goldene Fahnen schmücken die Bonner Häuserreihen, als der Deutsche Bundestag und der Bundesrat am 7. September 1949 zu ihren konstituierenden Sitzungen in der ehemaligen Pädagogischen Akademie zusammentreten. Der Bundestag tagt in einem zwischenzeitlich gebauten großen Plenarsaal, der Bundesrat im ehemaligen Sitzungssaal des Parlamentarischen Rats. Ein Modell zeigt in der Ausstellung das „Weiße Haus am Rhein“. Das schlichte Gebäude bricht mit der hybriden Prachtentfaltung vergangener Jahre, es repräsentiert den Stil der Neuen Sachlichkeit, den die Nationalsozialisten verachteten. Es wird kennzeichnend für den demokratischen Neuanfang der Bundesrepublik.
Bonner Bühne
Mit der Übernahme der Hauptstadtfunktion wird das glanzvollste Kapitel der über zweitausendjährigen Stadtgeschichte aufgeschlagen: Bonn wird Schauplatz der großen Politik. 1954 besucht erstmals ein ausländisches Staatsoberhaupt die Bundeshauptstadt. Haile Selassie, Kaiser von Äthiopien, wird ehrenvoll begrüßt. Kinder bejubeln den exotischen Herrscher vom Straßenrand aus. Manche von ihnen halten den Kaiser sogar für den „heiligen Selassie“ und bringen so den fremden Namen mit ihrer katholisch geprägten Lebenswelt in Übereinstimmung. Ein Auftritt auf dem Bonner Marktplatz, die Eintragung in das Goldene Buch der Stadt, Staatskarossen und Motorradeskorten gehören auch in der Folgezeit zum Ablauf von Staatsbesuchen.
Ein Ereignis von besonderer historischer Bedeutung ist der Besuch des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle 1962. Der Gast wird mit militärischen Ehren empfangen. Das Musikkorps der Bundeswehr spielt die Nationalhymnen beider Länder. Die Überwindung der „Erbfeindschaft“ und die deutsch-französische Freundschaft werden wirkungsvoll in Szene gesetzt. Auch der Besuch des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy 1963 prägt sich in das kollektive Gedächtnis ein. Dass Kennedy Bonn als „eines der großen Zentren der freien Welt“ bezeichnet, unterstreicht die internationale Bedeutung der Stadt. Weltweit beachtet wird auch der Besuch des Generalsekretärs der KPdSU Leonid Breschnew im Jahr 1973 in Bonn.
Nicht nur die Staatsbesuche, sondern auch die innenpolitischen Ereignisse der „Bonner Republik“ bieten Stoff für Presse, Hörfunk und Fernsehen. Bonn wird ein Hauptplatz der veröffentlichten Meinung. Die ARD sendet aus dem „Studio Bonn“ zum Beispiel lange Zeit wöchentlich den „Bericht aus Bonn“, das ZDF die „Bonner Perspektiven“. „Elefantenrunden“ wie die „Bonner Runde“, einer Diskussionsrunde mit Spitzenpolitikern der im Bundestag vertretenen Parteien, werden zu Ritualen bei Bundestagswahlen.
Für Schlagzeilen sorgen häufig auch Demonstrationen. Zwischen 1949 und 1999 finden etwa 7000 angemeldete Aufmärsche statt. Bonn ist ein wichtiger Ort des politischen und sozialen Straßenprotests. In der Ausstellung erinnern Absperrgitter und Polizeischutzschilder, Megafone und Transparente an Aufsehen erregende Ereignisse wie zum Beispiel die Großdemonstration der Friedensbewegung 1983 auf dem Hofgarten der Universität.
Von der Bundeshauptstadt zur Bundesstadt
Die Anforderungen an die Bundesstadt Bonn als politisches Entscheidungszentrum erfordern eine Erweiterung der Machtzentrale. Das Thema Neubauten bleibt für die Bundespolitik jedoch lange Zeit ein Tabu. Es steht im Widerspruch zur Staatsdoktrin des Provisoriums. Diese Politik erweist sich auf die Dauer jedoch als realitätsfremd. Ein 1956 erlassenes Bauverbot wird Mitte der 1960er Jahre zurückgenommen. Bundeskanzler Willy Brandt läutet 1973 im Deutschen Bundestag mit seinem Plädoyer für den Ausbau Bonns als Bundeshauptstadt den offiziellen Abschied vom Status des Provisoriums ein.
In den 1960er und 1970er Jahren entstehen ein Abgeordnetenhaus, ein neues Bundeskanzleramt und Ministerienhochhäuser zwischen Bonn und Bad Godesberg. Die Planungen für den Plenarsaal des Parlaments werden 1987 nach kontroverser Diskussion abgeschlossen. Der Bundestag beschließt einen Neubau an alter Stelle. Die Anhänger einer Erhaltung des inzwischen selbst historisch gewordenen Plenarsaals, des „heiligen Orts“ und des „(Fernseh-)Symbols der Bundesrepublik“ können sich nicht durchsetzen.
Der 1992 fertiggestellte Plenarsaal, Ausdruck des Abschieds vom Provisorium, wird allerdings ein Plenarsaal auf Abruf. Die Überwindung der deutschen Teilung 1990 bedeutet das Ende der „kleinen Hauptstadt für zwischendurch“. Der Bundestag entscheidet sich am 20. Juni 1991 für Berlin als neuen Regierungssitz. 1999 ziehen das Parlament und Teile der Regierung vom Rhein an die Spree.
Als „Bundesstadt“ bleibt Bonn erster Dienstsitz von sechs Bundesministerien. Die Stadt gibt sich aber auch ein neues Profil als deutscher Dienstsitz der Vereinten Nationen und Ort des internationalen Dialogs zu Zukunftsthemen. Ein sichtbares Symbol dieser Entwicklung ist der UN-Campus. „Bonna solum felix“, „Bonn, glückliche Stätte“ – die Lobeshymne eines anonymen Dichters auf die Stadt Bonn aus dem 16. Jahrhundert scheint heute noch aktuell zu sein.

„Weißes Haus am Rhein“: Modell des Bundeshauses aus dem Jahr 1952. Kern der Anlage ist die ehemalige Pädagogische Akademie. Der Architekt Hans Schwippert übernimmt deren Bauhausstil für die Erweiterungen: den Plenarsaal in der Mitte, die Flügelbauten und das Abgeordnetenhochhaus vorne rechts.