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Übersicht
mm Geschichte ist ein Prozess, dem ein zeithistorisches Museum durch inhaltliche Aktualisierungen Rechnung tragen muss. Hat sich auch die Art, Ausstellungen zu gestalten, die „Sprache“ der Vermittlung in den Jahren seit der Eröffnung der Dauerausstellung 1994 verändert?
Winderoll Definitiv ja. Auch die Ausstellungsgestaltung kann sich dem Zeitgeist nicht entziehen. Vor allem haben wir heutzutage ganz andere Möglichkeiten an Gestaltungsmitteln, zum Beispiel in der Medientechnik oder Druckverfahren, von denen wir vor 17 Jahren nur träumen konnten.
mm Welche Herausforderungen stellten sich dieses Mal bei der Ausstellungsvorbereitung?
Reiche Eine der größten Herausforderungen war, neue Themen und Stilmittel an die bestehende Ausstellung anzudocken und eine moderne Ausstellungssprache mit den 1994 respektive 2001 errichteten Teilen zu verknüpfen. Darüber hinaus haben wir zum Teil auch in der gesamten Ausstellung wiederkehrende Elemente neu entwickelt und so gewissermaßen rote Fäden eingewoben – im Ergebnis ein kleines Kunstwerk, das wesentlich dazu beiträgt, dass sich alles wie aus einem Guss darstellt.
Winderoll An das Farb- und Gestaltungskonzept von 1994 und 2001 knüpfen wir grundsätzlich an, aktualisieren es jedoch auf Basis neuer Erkenntnisse und aktueller Entwicklungen. Das Implementieren neuer Ausstellungsbereiche in den vorhandenen Kontext erfordert viel Fingerspitzengefühl. Am schwierigsten war, für die letzten 20 Jahre einen gestalterisch überzeugenden Rahmen zu finden. Viele Besucher können sich an die Ereignisse noch gut erinnern, sollen aber trotzdem in eine spannende und überraschende Objekt- und Bilderwelt eintauchen können.
mm Wie strukturieren Sie die Inhalte?
Winderoll Bei der Gestaltung der Dauerausstellung für dieses Haus haben wir uns gemeinsam für einen „Weg der Bilder“ entschieden, das heißt, wir versuchen, den Besuchern mit Großeindrücken auch beim schnellen Rundgang die Geschichte und die Geschichten zu vermitteln. Dieser „Weg der Bilder“ strukturiert auch die neu gestalteten Bereiche. Raumbildende Szenarien stimmen auf das jeweilige Thema ein, helfen den Besuchern, ein Gefühl für die Zeit zu entwickeln und machen neugierig auf die dazugehörigen Objekte und Inhalte.
mm Bitte erläutern Sie einen Bildeindruck, den Sie für besonders gelungen halten.
Winderoll Worauf wir, die Ausstellungsgestalter, und das Haus der Geschichte besonders stolz sind, ist der letzte Ausstellungsbereich, der sich mit dem Weg zur Einheit und der Globalisierung beschäftigt. Das ist die schönste Bildergeschichte, die wir neu eingebracht haben. Durch die gestalterische Umsetzung werden die Großeindrücke zu Symbolen für geschichtliche Ereignisse.
Reiche In den Ausstellungen der Stiftung Haus der Geschichte leitet sich immer die Form aus den Inhalten ab. Hieraus schufen wir den „Weg der Bilder“ und entsprechend entwickelten wir auch visuelle Metaphern: Das Thema Globalisierung wird zum Beispiel durch einen überdimensionalen Globus, die Einheit Deutschlands durch ein künstlerisch verfremdetes Brandenburger Tor veranschaulicht. Grundgedanke ist eine Hierarchie des Sehens. Große und kleine Eindrücke und Bilder wechseln einander ab und leiten die Besucher durch Raum und Zeit. Sie korrespondieren mit unterschiedlichen Vermittlungszielen, die ebenfalls eine Rangordnung bilden. Dieses Prinzip gibt den Besuchern Orientierung, lässt ihnen zugleich aber auch die Freiheit, sich den Themen, Objekten und Dokumenten individuell zu nähern.
mm Sie vermitteln ein harmonisches Bild der Zusammenarbeit. Doch vermutlich gibt es auch Kontroversen zwischen den Historikern des Museums und der Ausstellungsgestalterin.
Beide Selten …
Winderoll Es gibt sie natürlich, weil man um jede Sache kämpft, von der man überzeugt ist. Ob Historiker oder Gestalter, jeder möchte den anderen überzeugen, was zu kontroversen Diskussionen führen kann. Dieser Prozess führt häufig in mehreren Schritten zu Alternativen. Sowohl in den letzten Monaten als auch in der Vergangenheit hat das oftmals spannende Ringen auch um Details zu positiven Resultaten geführt.
Reiche Im kreativen Prozess brauchen wir diese Reibung. Dieses harte Ringen führt meist zu einer optimalen Lösung. Die Gestaltung darf allerdings nicht l’art pour l’art sein, sondern soll sich den Inhalten unterordnen. Insofern muss der Auftraggeber das letzte Wort haben, er verantwortet die Ausstellung schließlich in der Öffentlichkeit. Wir haben bisher sehr gedeihlich zusammen gearbeitet. Das Ergebnis wird – so hoffe ich – auch die Besucher überzeugen.
mm Was ist für Sie ein Highlight der Ausstellung?
Winderoll Dass Teile eines sowjetischen Panzers T-34 in der Ausstellung stehen, ist ein Höhepunkt, auch wenn dies eine extreme logistische Herausforderung darstellte, und zwar nicht allein wegen der zehn Tonnen Gewicht, sondern vor allem wegen der martialischen optischen Wucht. Unser Bestreben war, dass der Panzer diesen Bereich nicht zu stark dominiert, sondern Teil der Ausstellungseinheit zum 17. Juni 1953 wird.
Reiche Es gibt noch viele andere wunderbare Objekte, zum Beispiel einen bunt bemalten VW Bulli, der aus einer anderen Zeit stammt. Dieser fahrbare Untersatz diente in den 1970er Jahren jungen Leuten auch dazu, ferne Länder zu bereisen und bei entsprechender Musik abzuhängen. Doch prägen nicht nur große Objekte das Bild, sondern auch aussagekräftige kleinere Exponate. Die „Geheime Verschlußsache“ mit dem „Befehl zur Herstellung der erhöhten Einsatzbereitschaft“ vom 13. August 1961, 1.30 Uhr gehört zu diesen zunächst unspektakulär anmutenden Objekten.
mm Was hat sich beim Einsatz von akustischen und audiovisuellen Medien geändert?
Winderoll Im Unterschied zur Ersteinrichtung 1994 war es nun technisch sinnvoll und finanzierbar, vermehrt bewegte visuelle Großeindrücke in die Ausstellung einzubringen. Dies ist sehr positiv, weil Geschichte oft mit Bewegung und mit Bewegtheit zu tun hat.
Reiche Ja, das bewegte Bild spielt natürlich eine große Rolle, insbesondere seine Möglichkeiten, die Multiperspektivität zu erweitern. Um die Multiperspektivität geschichtlicher Erfahrungen hervorzuheben, setzt die Stiftung in der neuen Dauerausstellung vermehrt Zeitzeugenberichte ein, die einen lebendigen und individuellen Zugang zu zentralen historischen Ereignissen vermitteln. Interviews bieten die Möglichkeit, unterschiedliche – auch sehr konträre – Stimmen zu hören. Das macht Geschichte noch lebendiger. Dieser Ansatz dürfte zukunftsweisend sein; es ist authentischer und interessanter, Geschichte nicht so sehr aus der Vogelperspektive, sondern von unten zu betrachten und den alltagsgeschichtlichen Aspekt stärker hervorzuheben.
mm Zum Schluss: Was machen Sie, wenn die Ausstellung am 23. Mai eröffnet ist?
Winderoll Schlafen, weil ich mir sicher bin, dass – wie immer vor der Eröffnung einer großen Ausstellung – die Tage zuvor sehr, sehr lang sein werden.
Reiche Ich denke, dass wir nach der Ausstellungseröffnung erstmal ein Glas Rotwein trinken, danach schlafe ich mich aus.
mm Vielen Dank für das anregende Gespräch.