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Übersicht
Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 setzt einen revolutionären Prozess in Gang, der in kürzester Zeit in der Wiedervereinigung kulminiert. Das Ereignis markiert an der Nahtstelle des Ost-West-Konflikts eine welthistorische Zeitenwende: Mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums, mit der Deutschen Einheit und der Umgestaltung Europas endet der Kalte Krieg. Der seit 1945 die Weltordnung maßgeblich bestimmende Konflikt zwischen realsozialistischen Staaten und westlichen Demokratien löst sich auf.
Unmittelbar nach Öffnung der Grenzen erzeugen Demonstrationen für die Wiedervereinigung und die wachsende Zahl der Flüchtlinge aus der DDR einen immensen Handlungsdruck. Die politischen Ereignisse in den nur 329 Tagen zwischen Mauerfall und Einheit überschlagen sich. Die Ausstellung dokumentiert die entscheidenden innen- und außenpolitischen Weichenstellungen auf dem revolutionären Weg zur Einheit.
Bundeskanzler Helmut Kohl ergreift am 28. November 1989 im Deutschen Bundestag die Initiative: Mit seinem Zehn-Punkte-Programm schlägt er konföderative Strukturen zwischen beiden Staaten als Zwischenschritt auf dem Weg zur bundesstaatlichen Einheit vor. Kohl selbst rechnet mit einer Zeitspanne von fünf bis zehn Jahren bis zur Vereinigung. Gleichzeitig nimmt er die Osterweiterung der Europäischen Gemeinschaft in den Blick. Die Vereinigung soll in einen internationalen Integrationsprozess eingebettet sein. Deutschland- und Europapolitik stellen zwei Seiten einer Medaille dar. Kohls Vorstoß kommt selbst für den Koalitionspartner FDP überraschend. Nur US-Präsident George Bush wurde vorab informiert.
Noch ist die historische Situation völlig offen. Während der Bundeskanzler die Wiedervereinigung auf die politische Agenda setzt, wenden sich in der DDR Bürgerrechtler mit dem Aufruf „Für unser Land“ an die Bevölkerung und werben für den Fortbestand einer reformierten DDR als sozialistischer Alternative zur Bundesrepublik.
Erst das Ergebnis der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 bedeutet ein klares Votum für die Vereinigung. Wahlsieger ist die Allianz für Deutschland, ein Bündnis aus Ost-CDU, dem Demokratischen Aufbruch und der Deutschen Sozialen Union. Sie tritt für die schnellstmögliche Vereinigung nach Artikel 23 des Grundgesetzes ein. Die Vertreter der Bürgerrechtsbewegung, die im Herbst 1989 die friedliche Revolution ausgelöst haben, bilden eine Splittergruppe im Parlament. Mit diesem Ergebnis sind die Voraussetzungen für den Übergang von der friedlichen Revolution in die Bahnen einer gesetzlich vorgesehenen Eingliederung in die Bundesrepublik geschaffen.
Die anhaltende Abwanderung aus der DDR erhöht den Druck auf die Bonner Regierung, den Vereinigungsprozess zu beschleunigen. Am 1. Juli 1990 übernimmt die DDR bereits große Teile der bundesdeutschen Wirtschafts- und Rechtsordnung. Die D-Mark wird einziges Zahlungsmittel. Löhne, Gehälter und Renten werden im Verhältnis 1:1 umgestellt. Damit ist die DDR in grundlegenden Lebensbereichen praktisch der Bundesrepublik angeschlossen.
Ende der Nachkriegszeit
Ohne die Zustimmung der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges ist die Deutsche Einheit nicht möglich. Während die USA die Wiedervereinigung befürworten und den Prozess maßgeblich gestalten, stehen Großbritannien, Frankreich und vor allem die Sowjetunion ihr zunächst ablehnend gegenüber. Der entscheidende Durchbruch ist die Zustimmung Michail Gorbatschows zur NATO-Mitgliedschaft Gesamtdeutschlands. Die sechs Außenminister unterzeichnen am 12. September 1990 in Moskau den „2+4-Vertrag“, mit dem Deutschland seine volle Souveränität erhält. Die Sowjetarmee in der ehemaligen DDR zieht ab, die Truppen der Westalliierten verringern ihre Streitkräfte auf deutschem Boden. „Auf Wiedersehen Deutschland“ – Spruchbänder mit versöhnlichen Botschaften, wie sie sowjetische Soldaten hinterlassen, bezeugen eine historische Zäsur: Die Nachkriegszeit ist beendet.
Nach hektischen Debatten beschließt die DDR-Volkskammer in der Nacht vom 22. zum 23. August 1990 den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland. 294 Abgeordnete stimmen dafür, 62 dagegen, sieben enthalten sich der Stimme. Ein einzigartiger Vorgang: Ein Staat löst sich selbst auf – friedlich und demokratisch.
Am Tag der Einheit, dem 3. Oktober 1990, tritt das Grundgesetz in den fünf neuen Bundesländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie in Ost-Berlin in Kraft. Die staatlichen Institutionen der DDR werden „abgewickelt“. Die Veränderungen erfassen alle Lebensbereiche.