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Zugkräftig: Prominente in der Werbung

Nie waren sie so wertvoll wie heute

1.400 Gästen und der voll besetzten Pressetribüne bei der Auftaktveranstaltung nicht nur in Vitrinen und auf Fotos geboten, sondern leibhaftig und im Gespräch: Iris Berben, Christoph Gottschalk und Sebastian Turner diskutierten auf dem Podium über Werbung mit Prominenten. Zuvor jedoch besichtigten sie die Ausstellung, in der alle drei vertreten sind, die Schauspielerin Berben und der frischgebackene Werbestar Gottschalk als Motive, der Agentur-Chef Turner als Urheber etlicher ausgestellter Werbemittel.

Das Haus der Geschichte betritt mit der Ausstellung Neuland. Zwar glaubt die Werbebranche fest an die Wirkung des Promi-Einsatzes, doch ist der Erfolg nicht automatisch garantiert. Dennoch zeigt schon die Tatsache, dass sich mehr als jede zehnte Werbung Prominenter bedient, deren wachsende Bedeutung.

Doppelgänger

Ist das nicht ...?
Doppelgänger begrüßten die Eröffnungsgäste.

Die Ausstellung will deshalb "erstmals die Geschichte der Produktwerbung mit bekannten Persönlichkeiten historisch vertiefend herausarbeiten und deren Bezüge zur gesellschaftlichen und medialen Entwicklung aufzeigen", resümierte Hermann Schäfer, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte, in seiner Begrüßung. Anschließend gehörte das Podium den Experten. Zum Auftakt sagte Sebastian Turner, Vorstandssprecher des Art Directors Club und Geschäftsführer der Werbeagentur Scholz & Friends, Interview mit Sebastian Turner: er fühle sich durch die Präsentation von Werbung in einem Museum geschmeichelt. Die Werbebranche nehme diesen Ritterschlag gerne an. Iris Berben und Christoph Gottschalk, der Bruder von Thomas Gottschalk, schilderten, welchen Platz und welche Bedeutung die Werbung in ihrem Leben einnimmt - beruflich wie privat. Einig waren sie sich darin, dass Werbung mit bekannten Persönlichkeiten vor allem glaubwürdig sein muss.
Beide prüfen sorgfältig, ob Werbeangebote zu ihnen und ihrem Bild in der Öffentlichkeit passen. Vor allem der Film- und Fernsehstar Berben lehnt viele Offerten aus genau diesem Grund ab: "Geld ist auch hier nicht alles. Ich werbe nur für Produkte, mit denen ich auch in Verbindung gebracht werden will." Der Werbeprofi Turner bestätigte, dass die Wirksamkeit von Werbung mit dieser Übereinstimmung steht und fällt. Nicht zufällig werbe Iris Berben für Wellness- und Schönheitsprodukte.

Produkt und Promi müssen passen

Die Suche nach Übereinstimmung von Person und Produkt zieht sich durch die gesamte Geschichte der Prominentenwerbung.

Podium

Auf dem Podium: Christoph Gottschalk, Iris Berben,
Moderator Manfred Erdenberger und Sebastian Turner

In einigen Fällen, erklärte Sebastian Turner, entstehe eine besonders glaubwürdige Beziehung, wie zwischen Mika Häkkinen und Mercedes-Benz. In anderen würde sie ironisch gewendet, wie bei der Verbindung von Verona Feldbusch und Iglo-Spinat. An der thematischen Verbindung zwischen Promi und Produkt orientiert sich auch die räumliche Gliederung der Ausstellung in "Genuss im Alltag", "Fit for Future" und "Ein Hauch von Luxus". In der Abteilung "Geistreich" werben Alice Schwarzer für ein Lexikon, Marcel Reich-Ranicki für das Telefonbuch und Siegfried Unseld für die FAZ.

Rundgang

Christoph Gottschalk, Hermann Schäfer,
Iris Berben und Jürgen Rüttgers beim Rundgang
durch die Ausstellung

  

Nicht immer ist Glaubwürdigkeit das wichtigste Kriterium. Einige Unternehmer engagieren einfach ihre Lieblings-Promis, um sich mit deren Glanz zu schmücken, und auch die Stars und Sternchen selbst sind nicht immer unschuldig an fehlbesetzten Werbeauftritten. Bei nachlassender Bekanntheit gerieten sie in eine Art Torschlusspanik und sähen sich vor die Alternative gestellt, entweder auf erneuerten Werbewert in der Zukunft zu hoffen oder ein letztes Mal Kasse zu machen, so die kühle Rechnung des Werbe-Experten Turner. Franziska von Almsicks Einsatz für Fenster und Türen falle in diese Kategorie.

Reality-TV und Seifenopern schaffen Kurzzeitprominente, die ihre Bekanntheit schnell ausnutzen müssen. Werbeeinnahmen werden dabei fest einkalkuliert. Während die Luxor-Schönheiten sich früher noch mit einer regelmäßigen Seifenspende begnügten, ist die Werbung für einige Stars bereits zum Hauptverdienst geworden, wie Verona Feldbusch in einem Spiegel-Interview gestand.

Big-Brother

Container-Starlet

Phänomen Feldbusch

Die ehemalige Miss Germany ist derzeit die beliebteste Werbepatin und in allen Medien präsent. In ihrem Produktportfolio haben neben Iglo, Schwartau und Schwarzkopf auch die Technikmarke JVC, die Autohersteller Daewoo und Smart, die Expo 2000 sowie der Otto-Versand, Telegate und Karstadt Platz. Nur wenige Prominente konnten ihre Bekanntheit so konsequent in Marktwert ummünzen. Die Ausstellung widmet ihrer überragenden Rolle einen eigenen Raum. Gleich daneben dokumentiert die Ausstellung mit den Auftritten der Big-Brother-Helden Zlatko und Sabrina das Gegenbild, das Phänomen der Instant-Prominenz zwischen Kult und Bedeutungslosigkeit.

Kurzzeit-Berühmtheiten müssen stetig gegen das rasche Vergessenwerden kämpfen. Das größte Risiko für die werbende Marke sind jedoch nicht mangelnde, sondern die falschen Schlagzeilen. Schlechte Publicity kann zum jähen Ende einer lukrativen Verbindung führen. So konnte der Energiekonzern RWE seine Kampagne mit dem damaligen Trainer-Star Christoph Daum gar nicht so schnell abbrechen, wie Daums Ruf durch das Bekanntwerden seines Kokainkonsums Schaden nahm. Unter dem Titel "Prominente als Risiko" stellt die Ausstellung diese und weitere Entgleisungen vor.

  

Erleuchtung: Ruhezone im "Labor" inmitten der Werbebotschaften

Politiker-Präsenz

Wenn Politiker in der Werbung auftauchen, sind sie, mit den Worten von Sebastian Turner, "fast immer Opfer". Selten werden sie vor der Entstehung, häufig nicht einmal vor der Veröffentlichung von Werbemotiven gefragt, die ihre Bekanntheit als Vehikel nutzen. Dennoch reagieren die meisten Politiker gelassen, solange die Darstellung im Kern sympathisch bleibt. Das war bereits im Falle des zum Superhelden karikierten "Genschman" der Fall, den das Satiremagazin Titanic für seine Zwecke einsetzte. Auch der CDU-Vorsitzende in Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers, ließ die Deutsche BA gewähren, als sie ihn 1999 in jubelnder Pose zeigte und mit dem Satz "Wir befördern auch Abgeordnete zum Bundeskanzler" untertitelte. Rüttgers nahm's mit Humor.

Der Andrang am Eröffnungstag setzte sich fort:
In den ersten zwei Monaten verzeichnete die Ausstellung rund 60.000 Besucher.

  

Zur persönlichen Bereicherung nutzen Politiker die Ausflüge in die Werbung sehr selten, wie Sebastian Turner aus seiner Agenturerfahrung bestätigte. Häufig werden Werbehonorare an wohltätige Organisationen gespendet. In solchen Fällen, die in der Ausstellung mit etlichen Beispielen dokumentiert sind, wird die ewige Frage, wem Werbung eigentlich mehr nutze, dem beworbenen Produkt oder dem Prominenten, besonders sinnvoll entschieden: Prominente in der Werbung - nie waren sie so wertvoll wie heute.

Thilo Lenz

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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