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Zeitgeschichtliches Forum Leipzig

 

Misswahlen in Ost und West

Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Hoher Besuch: Am 4. Februar 2002 trafen sich die Schönsten der Bundesrepublik im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. An der Ausstellungseröffnung von "Miss Germany. Eine schöne Geschichte" nahmen die wenige Tage zuvor gewählte Miss Germany 2002, Katrin Wrobel, und mehrere ihrer Vorgängerinnen teil. Leticia Koffke, Miss DDR 1990 und erste gesamtdeutsche Schönheitskönigin nach der Wiedervereinigung, stellte sich den Fragen der MDR Journalistin Kristin Unverzagt. Über den Jahreswechsel 2000/2001 erinnerte das Haus der Geschichte in Bonn erstmals an die historische Entwicklung der Schönheitswettbewerbe von 1927 bis in die Gegenwart vor dem Hintergrund politischer, wirtschaftlicher und kultureller Veränderungen in Deutschland. Der Besucherandrang und das breite Medienecho waren Anlass, die Ausstellung auch in Leipzig zu präsentieren - auf wesentlich größerer Fläche, mit neuer Gestaltung und mehr Exponaten. Die kurze Geschichte der Misswahlen in der DDR wird in Leipzig intensiver beleuchtet. Bis Mitte der 1980er Jahre fanden in der DDR keine Misswahlen statt.

Miss Frühling, die erste Miss der DDR, 1986

Miss Frühling, die erste Miss der DDR, 1986

Die westlichen Schönheitswettbewerbe wurden in den Medien, im Film und auf der Bühne karikiert und zum Teil angeprangert, galten sie doch als Beispiel für die "Erniedrigung und Ausbeutung der Frau durch den Kapitalismus". Das Interesse an den westlichen Misswahlen blieb in der Bevölkerung stets lebendig, obgleich das offizielle Bild die werktätige Frau und den "Helden der Arbeit" propagierte.

Für Miss Sommer 1988 einen Paris-Apfel aus volkseigener Produktion

Für Miss Sommer 1988 einen Paris-Apfel aus volkseigener Produktion

Ohne Öffentlichkeit und im kleinen Rahmen wurden in DDR-Internaten und Wohnheimen Schönheitswettbewerbe zur privaten Unterhaltung organisiert. 1986 veranstalteten findige Ost-Berliner die erste öffentliche Misswahl in der DDR, umrahmt von einer Präsentation freischaffender Ost-Berliner Modedesigner und einer Parade von Tänzerinnen, die in schwarzen Dessous und wehenden weißen Chiffonmänteln "Frisuren zur Nacht" darboten. Die Schau fand unter großer Beteiligung von Prominenz aus dem DDR-Showgeschäft in der Klub- und Jugendtanzstätte "An der Feuerwache" in Berlin statt. Damit die Wahl, die argwöhnisch von der Staatssicherheit überwacht wurde, nicht allzu westlich wirkte, hatten sich die Veranstalter den unverfänglichen Titel "Miss Frühling" ausgedacht.

Über die Veranstaltung berichtete sowohl ost- als auch westdeutsche Presse. Der "Stern" titelte: "Im Osten was Neues - ein Zeichen von Liberalisierung". Die DDR Blätter "Junge Welt" und "Neue Berliner Illustrierte" würdigten die Schönheitskonkurrenz als fortsetzungswert. Das Eis für die Misswahlen war gebrochen. Zur "Miss Frühling" gesellten sich bald "Miss Sommer", "Miss Badeball", "Miss Sächsische Schweiz" und "Miss Karneval". 1987 zog die schönste Frau Ost-Berlins als "Miss Berlin" anlässlich der 750-Jahr-Feier der Stadt schärpengeschmückt an Erich Honecker vorbei. Schönheitsköniginnen waren gleichsam über Nacht zu gern gesehenen Gästen auf den Pressefesten des Zentralorgans der SED "Neues Deutschland" geworden. 1990 bewarben sich mehrere tausend junge Frauen um die Teilnahme an der Wahl der "Miss DDR".

Veit Didzuneit/Anne Martin

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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