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"Für mich ist noch nicht die Zeit
gekommen, wo nur Rosen blühen"

Interview mit Józef Szajna

Józef Szajna, geb. 1922, zählt zu den herausragenden Repräsentanten der zeitgenössischen Kunst in Polen. Als 19-jähriger Widerstandskämpfer verhaftet, überlebte er die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald. Seine Theaterarbeiten, Installationen und Texte setzen sich seit den 1950er Jahren mit dem Tabubruch von Auschwitz auseinander. Für Szajna wurde die Häftlingsuniform zum Synonym des modernen Menschen. Szajnas umfangreiches Werk wird dem deutschsprachigen Lesepublikum jetzt erstmals in seiner ganzen Breite zugänglich gemacht. Das Haus der Geschichte stellte die Publikation "Józef Szajna - Kunst und Theater" am 6. Dezember 2002 vor. Das folgende Gespräch führte die Herausgeberin Ingrid Scheurmann.

Józef Szajna, 1965 - ein Künstler, der die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald überlebte.

I.S. Józef, Dein Schaffen ist häufig unter dem Tenor "Erinnern an den Holocaust" zusammengefasst worden. Dabei hatten die Kritiker vor allem das 1970 auf der Biennale von Venedig ausgestellte Environment "Reminiszenzen" im Blick, das an die Krakauer Kunstprofessoren erinnert, die in Auschwitz umgebracht wurden. Im Zentrum dieses heute in der Gedenkstätte Buchenwald präsentierten Werks steht der Künstler Ludwik Puget. Doch es geht Dir um mehr als nur um eine Hommage an einen Einzelnen. Ist Puget für Dich zum Symbol geworden?

Szajna Er ist zu so etwas wie einem Mahnmal geworden. Hier wird der Mensch des 20. Jahrhunderts porträtiert. Für mich ist das der Häftling, das Opfer schlechthin, was im übrigen auch so viel heißt wie: die Nummer, der uniformierte Mensch. Dabei behaupte ich, dass wir gegenwärtig erneut der Gefahr der Uniformierung, einem Prozess der Gleichmacherei und Anonymisierung, unterliegen. Jeder ist heute eine Nummer, nicht nur der Häftling.

I.S. Im Grund ist also auch Ludwik Puget eine Metapher, kein Porträt.

Szajna Er ist eine Metapher. Goethe hätte gesagt, er ist ein Jedermann.

I.S. Sollen Deine Werke diesem Jedermann sein Gesicht zurückgeben?

Szajna So könnte man es sagen. Fatalerweise behalten wir aus der Zeitgeschichte doch nur die größten Mörder in Erinnerung - Hitler vergisst niemand. Wer aber kennt die Opfer? Ich stehe auf der Seite der Menschen, nicht auf der Seite der Macht und ihrer Repräsentanten; die Führer dieser Welt gehen mich nichts an.

I.S. Wie ist Dein Werk "Reminiszenzen" mit seiner kritisch-humanen Botschaft 1969 in Polen aufgenommen worden?

Szajna Die Regierungsvertreter befürchteten, dass man die Installation als Kritik am gegenwärtigen System verstehen könnte, dass der Sozialismus sozusagen als Konzentrationslager dargestellt wäre. Für mich war das natürlich ein Kompliment.

I.S.Was hat der Einbruch von Krieg und Verfolgung für Dich bedeutet?

Szajna Ich fand mich plötzlich mit 19 Jahren in einer vollständig anderen Welt wieder, die da hieß: "Arbeit macht frei". Ähnlich wie die Intelligenz sind die Mitglieder des Widerstands im Lager dort besonders terrorisiert worden. Wir waren deshalb überzeugt davon, dass man uns vernichten würde.

"Ameisenhaufen", Szajna, 1987 - das Bild des uniformierten Menschen

I.S. Wie sehr hat diese existentielle Erfahrung Dein Verständnis von Kunst geprägt?

Szajna Wenn man so etwas Grauenhaftes selbst erlebt hat, ist das natürlich etwas ganz anderes, als wenn man es erzählt bekommt. Und diese Erfahrung fließt in meine Kunst ein. Für mich ist einfach noch nicht die Zeit gekommen, wo nur Rosen blühen. Strauß-Operetten gehen mich noch nichts an. Ich lebe mitverantwortlich für Dinge, die geschehen sind und geschehen. Warum? Weil ich überleben konnte, da durch dass mir andere geholfen haben, die heute zum größten Teil nicht mehr leben.

I.S. Wie konntest Du nach dem Krieg mit der Erfahrung von Auschwitz und Buchenwald leben?

Szajna Ich musste ein neues Leben anfangen. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes aus meiner Arbeit heraus wieder neu entstanden. Ich habe in meinem Leben zwei Universitäten abgeschlossen: die wichtigste war meine "Lebensuniversität", dann erst kam die "Bildungsuniversität", die Kunstakademie. Ich war fast fünf Jahre im KZ gewesen, ohne Samstag, ohne Sonntag, ohne Urlaub, hungrig mit vielen Krankheiten, in der Strafkompanie, isoliert, ohne Kontakt. In mir war der Wille zu leben. An die erste Zeit der Freiheit dagegen erinnere ich mich als ein Vakuum, ohne Freude. Natürlich war das auch die Zeit, in der ich mich langsam von meinen Knien erhob. Ich fühlte mich dennoch nutzlos und war voller Komplexe. Mein Schicksal kam mir vor wie ein hässlicher Buckel. Niemandem gegenüber wollte ich zugeben, dass ich im KZ gewesen war, dass ich irgendwie "unnormal" war, psychisch und physisch krank. Vielleicht, so hätten sie denken können, versteht einer, der Jahre lang in einer Mordsituation gelebt hat, so etwas als eine normale Sache, das könnte gefährlich werden. Deshalb wollte ich darüber nicht reden. Ich schämte mich für mein Schicksal.

Ingrid Scheurmann und Volkhard Knigge (Hg.), Józef Szajna - Kunst und Theater, Göttingen 2002, Wallstein Verlag, ISBN: 3-89244-597-42 248 Seiten, 170 Abb., 29

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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