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Nicht länger geheim

Spionage im geteilten Deutschland

Ob als Film, Roman oder auf dem politischen Parkett: Spionagegeschichten faszinieren immer. Falsche Pässe, Wanzen, Miniaturkameras und geheime Dokumente sind beliebte Requisiten dieses Genres, finden sich aber auch in der Wirklichkeit wieder. Die neue Leipziger Ausstellung enttarnt Klischees, Mythen und Legenden.

Eine Szene im Morgengrauen. Nebelschwaden hängen über einer Flusslandschaft. Kamerazoom auf ein großes Schild: "Sie verlassen die Bundesrepublik Deutschland". Im Hintergrund Wachtürme, eine Brücke. Schnitt. Einsetzen der Filmmelodie, Geige in Moll. Zwei Männer überqueren eine Brücke. Ein letzter Zug aus der Zigarette, ein kurzer Blickwechsel - der Augenblick der Begegnung ist vorüber. Totale über die Landschaft, Ausklingen der dramatischen Filmmelodie: Diese Interpretation eines Agentenaustauschs auf der Glienicker Brücke produziert der französische Regisseur Henri Verneuil 1972 in dem Film "Le serpent" mit Stars wie Yul Brynner und Henry Fonda. Der Fluss ist nicht die Havel, die Filmbrücke steht nicht in Potsdam, und in der Realität sieht auch die Beschriftung des Schildes anders aus. Trotz dieser historischen Ungenauigkeiten fasziniert die Filmszene und prägt das Bild vom Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke - und genau das ist das Thema der Ausstellung.

Spionageerfolge stellte das Ministerium für Staatssicherheit öffentlich aus - Plakat aus den 1950er Jahren.

Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke - Henry Fonda und Philippe Noiret in "Le serpent"

Zeitlose Faszination

Die Schattenwelt der Spionage übt von jeher eine starke Faszination auf die Öffentlichkeit aus. Spionageromane sind Bestseller - auch nach dem Ende des Kalten Kriegs. Die Kinoindustrie setzt nach wie vor auf dieses Thema. In den letzten Jahren entstanden Spionagefilme wie "Enigma" (2000), "Der Schneider von Panama" (2001) oder "Spy Game" (2002). James Bond, die Personifizierung des Geheimagenten schlechthin, schlürft auch noch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs seine Martinis "geschüttelt und nicht gerührt". Aber wie sieht die Spionagewirklichkeit aus?

Liebesgeflüster zwischen Ost und West

Zehn Ausstellungseinheiten widmen sich der Frage nach Mythos und Realität. Eine einleitende Passage verdeutlicht die Vielschichtigkeit des Themas im globalen Kontext, dann konzentriert sich der Fokus auf den Schauplatz Deutschland im Kalten Krieg. Der Geschichte um den Spionagetunnel in Altglienicke, die als "Operation Gold" für Schlagzeilen sorgte, folgt die der Agentenaustauschaktionen auf der Glienicker Brücke. Exemplarisch werden Doppelagenten und Überläufer wie Werner Stiller und Hansjoachim Tiedge vorgestellt. Der Ausstellungsteil "Liebesgeflüster" skizziert u. a. die "Romeo"-Fälle: Aus Liebe zu einem Agenten spionieren Frauen - vornehmlich Sekretärinnen - für den Osten. Spätestens hier rücken mehr und mehr die Aktionen der Staatssicherheit ins Blickfeld. Mit der "Westarbeit" des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und ihren Opfern beschäftigt sich die umfangreichste Ausstellungseinheit. Der "RAF Stasi-Connection" ist ein eigenes Kabinett gewidmet, bevor die Auflösung der für die Auslandsspionage zuständigen "Hauptverwaltung Aufklärung" als Folge der friedlichen Revolution von 1989 thematisiert wird. Hier weitet sich der Blick wieder: Nach dem Ende des Kalten Krieges und vor dem Hintergrund der Terroranschläge vom 11. September 2001 reißt die Ausstellung die provokative Frage an: "Geheimdienste - was nun?"

Legendenbildung in Ost und West

Besonders Filme und Romane erzeugen Bilder in unseren Köpfen, die meist mit der Wirklichkeit nur annähernd etwas zu tun haben. Ein Beispiel: Der britische Geheimagent Alec Leamas, Romanfigur bei John le Carré und 1965 in dem gleichnamigen Filmklassiker "Der Spion, der aus der Kälte kam" meisterhaft von Richard Burton dargestellt, wird als Pseudo-Überläufer beim MfS eingeschleust. Haben die Doppelagenten und Überläufer des realen Lebens wie Hansjoachim Tiedge, Otto John oder Werner Stiller etwas mit diesem Fantasiehelden gemein? Und umgekehrt: Wie sieht die filmische Adaption dieser realen Spionagegeschichten aus? Denn beinahe jedes Thema, das die Ausstellung aufgreift, wurde auch filmisch umgesetzt. Spielfilme tragen zur Legendenbildung bei - in Ost und West. Deshalb hat das Genre Spionagefilm in dieser Ausstellung einen besonderen Stellenwert.

U2 - Spionage über den Wolken

Eine Ausstellung, die sich mit Geschichte(n) befasst, deren Zeugnisse der Geheimhaltung unterliegen und deren Protagonisten das Rampenlicht scheuen, fordert viel Zeit, Geduld und Fingerspitzengefühl von allen Beteiligten. Jedes Foto, Dokument, jeder Gegenstand mit verbürgter Geschichte erhält vor diesem Hintergrund einen besonderen Stellenwert. Als "Highlights" können zwei Objekte gelten, die das Zentrale Museum der Streitkräfte in Moskau der Stiftung Haus der Geschichte als Leihgabe überlässt: Pilotensitz und Rumpfteil des amerikanischen Spionageflugzeugs vom Typ U2, das 1960 von der UdSSR abgeschossen und dessen Pilot Francis G. Powers 1962 auf der Glienicker Brücke gegen den KGB-Agenten Rudolf I. Abel ausgetauscht wurde. Die Wrackteile sind erstmals außerhalb Russlands zu sehen.

Irrwege und Sackgassen

Die Welt der Vorspiegelung falscher Tatsachen, die Doppelbödigkeit und das Verwirrspiel findet sich auch in der Ausstellungsarchitektur wieder. Die labyrinthisch angelegte Gestaltung des Stuttgarter Architekturbüros Götz & Schulz mit teilweise durchscheinenden und mehrschichtigen Wänden macht die Schattenwelt der Spionage unmittelbar erlebbar. Die eher dunkle Grundstimmung versetzt den Besucher in die Atmosphäre eines Schwarzweißfilms. Bisweilen hat er Gelegenheit, selbst ein wenig zu spionieren: Hinter geheimnisvollen Türen und Luken, in Tresoren und "toten Briefkästen" sind immer wieder Spionagewerkzeuge und ihre spannenden Geschichten zu entdecken.

Perfekt getarnt: Geheimkameras in Zigarettenschachteln

Doppelagent oder Überläufer? Richard Burton als britischer Geheimagent

Der Fall Powers als Groschenroman: Den Stoff nutzte die DDR für Propagandazwecke.

Bewusst offensiv geht die Ausstellung mit der Situation verschlossener Archive und nach wie vor als "geheim" eingestufter Akten der noch aktiven Nachrichtendienste um: Manchmal steht der Besucher vor einer verschlossenen Tür, klemmt eine Schublade. Selbst dort, wo - wie bei den zugänglichen Akten des MfS - der Schlüssel gefunden wurde, sind die Zusammenhänge oft noch undurchsichtig oder nur oberflächlich zu durchschauen. Offen bleibt schließlich die Frage, inwieweit auch diese Ausstellung zur Mythenbildung in der Spionagegeschichte beiträgt.

Henrike Girmond

Das Zeitgeschichtliche Forum zeigt die Ausstellung "Duell im Dunkel. Spionage im geteilten Deutschland" vom 17. Dezember 2002 bis 21. April 2003.
Ab 23. Mai 2003 wird sie im Haus der Geschichte in Bonn präsentiert. Die gleichnamige Begleitpublikation ist für 19,90 € im Museumsshop erhältlich.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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