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Am Anfang war ein Buch

Gästebuch des Schlosshotels Herrenchiemsee

Im August 1948 findet im Schlosshotel Herrenchiemsee ein Verfassungskonvent statt, der zum wesentlichen Geburtshelfer des Grundgesetzes wird. Das Gästebuch des Hotels, seit kurzem im Besitz des Hauses der Geschichte, dokumentiert mit bisher unbekannten Fotos die Arbeit des Konvents.


Zwei Seiten der deutschen Geschichte: Impressionen vom Verfassungskonvent 1948

Die Tagung des Verfassungskonvents auf der Herreninsel im Chiemsee im August 1948 ist eines der herausragenden Ereignisse der deutschen Nachkriegsgeschichte: Hier entsteht in nur wenigen Tagen die Grundlage für die demokratische Ordnung in Deutschland. Bisher unbekannte Fotos aus dem Gästebuch des Schlosshotels zeigen die Arbeitsatmosphäre und -bedingungen des Konvents. Die Familie Huber, Pächter des Schlosshotels, überlässt dem Museum dieses einzigartige zeitgeschichtliche Dokument, nachdem sie bereits vor einigen Jahren das Mobiliar des Konvents dem Haus der Geschichte geschenkt hat.

Der Verfassungskonvent erarbeitet im Auftrag der westdeutschen Ministerpräsidenten den Entwurf einer Bundesverfassung für den Parlamentarischen Rat, die verfassungsgebende Versammlung der Bundesrepublik. Den Tagungsort für das Sachverständigengremium schlägt der bayerische Ministerpräsident Hans Ehard nicht ganz ohne Hintergedanken vor. Die Schönheit der Insel mit ihren berühmten Schlössern, die Abgeschiedenheit sowie die behagliche und gepflegte Atmosphäre des Schlosshotels sollen dazu beitragen, den Konvent freundlich zu stimmen und "den Einfluss Bayerns auf die Gestaltung der künftigen Verfassung möglichst zu intensivieren", entsinnt sich Ehard.

An das historische Ereignis erinnert im Gästebuch eine Urkunde mit den Unterschriften der Ländervertreter. Alle sind Experten für staats- und verfassungsrechtliche Fragen, einige - wie Justizminister Carlo Schmid aus Württemberg-Hohenzollern oder Justiz- und Kultusminister Adolf Süsterhenn aus Rheinland-Pfalz - angesehene Politiker.

Die Fotos im Gästebuch zeigen die Delegierten bei der Arbeit. Die Unterausschüsse und Referentengruppen tagen nicht nur im "Alten Schloss", dem Ort der feierlichen Eröffnung, sondern auch im Schlosshotel. Der Pächter des Hotels, Max Huber, sagt später: "Die einen saßen in einer Ecke der Veranda, die anderen im Lokal, draußen im Garten wieder andere. Sie haben praktisch überall gesessen und verhandelt".

Nur wenige Seiten vor den Eintragungen des Verfassungskonvents finden sich im Gästebuch Erinnerungen an einen Diktator, dessen unmenschliches Regime das Gegenbild der neuen Verfassung ist: Adolf Hitler. Der "Führer" besucht die Insel mehrmals mit seinem Gefolge. Fotos zeigen ihn bei einem Rundgang durch das Schloss des Märchenkönigs Ludwig II. und im privaten Kreis: Hitler im bürgerlichen Outfit neben seiner Lebensgefährtin Eva Braun. Das nationalsozialistische Propagandaministerium hätte einer Veröffentlichung dieses Fotos nicht zugestimmt. Widerspricht doch Hitlers Liaison dem Mythos des stets nur seinem Volk dienenden Staatsmanns.

In den Eintragungen bis 1951 spiegelt sich die wechselvolle und schicksalhafte deutsche Geschichte sowie der Umgang mit ihr. Ist die Hakenkreuzfahne beliebtes Symbol zur Illustration des Besuchs nationalsozialistischer Politiker, verwendet der Zeichner am 4. Mai 1945 - US-Truppen besetzen die Insel - ein neues Hoheitszeichen, die amerikanische Nationalflagge.

1950 schmücken die Bundesfarben eine Eintragung von Bundespräsident Theodor Heuss. Die Verfassungsorgane haben ihre Arbeit aufgenommen, die Arbeit des Konvents wird politische Realität.


Hitler bei einem seiner zahlreichen Besuche 1939

Ulrich Op de Hipt

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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