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Alles "böhmische Dörfer"?

Deutsche, Tschechen und Slowaken in der Geschichte

Wer kennt nicht das "Goldene Prag", den "braven Soldaten Schwejk" und die Schönheit der Hohen Tatra? Jenseits dieser Klischees gibt es durch geografische Nähe, Geschichte und gemeinsame kulturelle Wurzeln zahlreiche Berührungspunkte zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken, wie die neue Ausstellung "Nähe und Ferne" im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig zeigt.

Kaffeehaus in Prag, 1938

Auf einer symbolischen Landkarte aus dem Jahre 1592, die Europa in der Gestalt einer Königin zeigt, liegt Bohemia im Herzen Europas. Doch das Bewusstsein für die gemeinsame Zugehörigkeit zu Mitteleuropa, für die zahlreichen historischen Verbindungen auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene drohte seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bei Deutschen, Tschechen und Slowaken verloren zu gehen. Für viele Westdeutsche lag über Jahrzehnte die Tschechoslowakei trotz geografischer Nähe weit entfernt, hinter dem eisernen Vorhang. Mährische oder slowakische Städte waren eher "böhmische Dörfer".

Wendepunkte

In einer Rede zum deutsch-tschechischen Verhältnis rief Václav Havel am 17. Februar 1995 im Prager Karolinum auf, "über das deutsch-tschechische Thema öffentlich, offen und sachlich zu sprechen, wohl wissend, dass wir, indem wir dies tun, über uns selber sprechen".

In "Bohemia" schlägt das Herz Europas: Kupferstich von Johannes Putsch aus der Bibliothek des Prager Klosters Strahov

In diesem Sinne setzt sich die Ausstellung "Nähe und Ferne. Deutsche, Tschechen und Slowaken" im Zeitgeschichtlichen Forum mit der wechselvollen Geschichte der deutsch-tschechischen und -slowakischen Beziehungen von 1918 bis in die Gegenwart auseinander. Sie will zeigen, dass es trotz der Belastungen durch nationale Konflikte, Besatzung und Vertreibung auch positive Anknüpfungspunkte für die künftigen Beziehungen zwischen den Völkern im vereinten Europa gibt. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Schlüsseljahre: Die Gründung der Tschechoslowakei 1918, das Münchener Abkommen 1938 und die nationalsozialistische Diktatur nach der Zerschlagung der ČSR, der kommunistische Umsturz in Prag 1948, die Niederschlagung des "Prager Frühlings" durch Truppen des Warschauer Pakts 1968 und der Sieg der Demokratiebewegung in der Tschechoslowakei und der DDR 1989.

Begegnung und Konflikt

Die Ausstellung erinnert an die gemeinsamen Wurzeln und das Zusammenleben der Völker, die sich bis heute im kulturellen Erbe der drei Länder widerspiegeln. Das "Prager Kaffeehaus" wurde zum Inbegriff der kulturellen Symbiose. Hier trafen sich Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle, wurden die Hinterzimmer mit ihren Debattierklubs für manchen zur "literarischen Kinderstube". Mit Wehmut erinnert sich die deutschsprachige Prager Schriftstellerin Lenka Reinerova an diese Zeit: "Wohin sind die Kaffeehäuser verschwunden, in denen man über einer Tasse schwarzen Kaffees einen halben oder beinahe den ganzen Tag diskutieren und Pläne schmieden, viel erfahren, ... Freundschaften schließen oder gar eine große Liebe finden konnte?" Doch die Begegnung zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken war auch von Konflikten geprägt. Die meisten Deutschen in Böhmen und Mähren erkannten die 1918 neu entstandene Tschechoslowakische Republik nicht als ihren Staat an, die Minderheitenpolitik des neuen Staats trug nicht zu ihrer Integration bei. Schließlich beendeten das Münchener Abkommen von 1938 und die Zerschlagung der Tschechoslowakischen Republik durch die Nationalsozialisten das weitgehend friedliche Zusammenleben der drei Völker. Als Synonyme für die Gräuel der nationalsozialistischen Besatzungspolitik stehen das Ghetto Theresienstadt und die Ermordung fast aller Einwohner der zerstörten Dörfer Lidice und Ležáky. Der angestaute Hass vieler Tschechen und Slowaken auf die Deutschen entlud sich bei Kriegsende in Massakern und Vertreibungen. Rund drei Millionen Sudetendeutsche mussten ihre Heimat verlassen und im kriegszerstörten Deutschland einen Neuanfang finden.

Die Zugehörigkeit zu zwei entgegengesetzten Blöcken prägte die Beziehungen zwischen der Tschechoslowakei und den beiden deutschen Staaten. ČSSR und DDR verstanden sich als "sozialistische Bruderländer", das Verhältnis zur Bundesrepublik, dem "Hort des Revanchismus und Revisionismus", war dagegen durch den Kalten Krieg belastet. Die neue Ostpolitik erleichterte zwar wirtschaftliche, kulturelle und touristische Kontakte, doch blieben die zwischenstaatlichen Beziehungen angespannt. Aber auch zwischen Prag und Ost-Berlin wuchsen in den 1960er Jahren die Gegensätze. So befürwortete die DDR-Führung nachdrücklich die gewaltsame Beendigung des "Prager Frühlings". Neben den dramatischen Bildern von Demonstranten, die sich im Sommer 1968 sowjetischen Panzern entgegen stellten, ist auch die Erinnerung an den 30. September 1989 in der Ausstellung zu finden, als Außenminister Genscher den DDR-Flüchtlingen in der Prager Botschaft der Bundesrepublik ihre Ausreise verkündete. Die Ereignisse vom Herbst 1989 leiteten den politischen Umbruch in der DDR und der Tschechoslowakei ein und führten zu einer Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken.

Der Anfang vom Ende eines Staates: DDR-Flüchtlinge in der Prager Botschaft der Bundesrepublik im Herbst 1989

Brückenbauer

Bei allen Problemen in der Vergangenheit gab es immer wieder Menschen, die Brücken zwischen den Völkern bauten - seien es die deutschen Emigranten, die in der Tschechoslowakei Zuflucht vor dem Nationalsozialismus suchten, oder der Langstreckenläufer Emil Zátopek, der in der Bundesrepublik als "Lokomotive aus Prag" auch wegen seines Engagements für den "Prager Frühling" zum Held wurde. Oder seien es die Künstler, Schriftsteller und Filmemacher, deren Werke 1968 den Geist der Freiheit aus Prag auch nach Deutschland trugen, die Autobauer von Skoda und Volkswagen, die heute in Mladá Boleslaw erfolgreich zusammenarbeiten, oder die zahllosen Vereine und Initiativen, die sich für die Verständigung zwischen den Ländern und den kulturellen Austausch einsetzen - sie alle haben ihren Platz in der Ausstellung.

Mit diesem Film begründete Miloš Forman 1965 auch international seinen Ruf als Regisseur.

Kornelia Lobmeier

Die Ausstellung "Nähe und Ferne. Deutsche, Tschechen und Slowaken" ist von
Mitte März bis 10. Oktober 2004 im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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