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Austausch geistiger Güter

Wolfgang Scheur - Kurier der Opposition

Von 1981 bis 1986 war Wolfgang Scheur als Kulturreferent an der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag tätig. Schon frühzeitig hatte er dienstlich und privat Kontakte zu Unterzeichnern der Charta 77 und Bürgerrechtlern geknüpft.


"Ich denke, dass wir dem Ehepaar eines Tages ein Denkmal bauen müssen." Mit diesen Worten würdigte der emigrierte tschechische Historiker Vilém Prečan im September 1983 das Wirken von Wolfgang Scheur und seiner Frau Brigitte in der ČSSR. Schon bald nach seiner Ankunft in Prag hatte Scheur Kontakt zu Oppositionellen gefunden. 1983 übernahm er die quasidienstliche Aufgabe, den bereits in geringem Umfang in den Jahren zuvor über die Botschaft abgewickelten Postverkehr zwischen der Opposition im Lande und im Exil sowie den Unterstützern im Westen zu betreuen.

Gemeinsam mit seinen Partnern, Jiřina Šiklová in Prag und Vilém Prečan in Hannover, baute Scheur, dem die Rolle des Kuriers zufiel, den "Austausch geistiger Güter" in einem bis dahin nicht für möglich gehaltenen Umfang aus. Manuskripte und Briefe der "verbotenen Dichter" und Dissidenten gingen auf sicheren Wegen in den Westen.

Plakat zu den Bundesdeutschen Kulturtagen in Prag, 1982

Im Gegenzug konnten Verleger, Verwandte und Freunde mit der Opposition in der Tschechoslowakei ungehindert Meinungen austauschen. Von Zeit zu Zeit gelangten auch Computer und andere für Regimekritiker nicht erhältliche Drucktechnik ins Land.

Über eine Buchhandlung in Weiden im Bayerischen Wald brachte Scheur Pakete mit religiöser Literatur für die kirchlichen Stellen ins Land. Dieser Postverkehr ermöglichte es, dass Dissidenten im westlichen Ausland "sichtbar" wurden und unzensierte Informationen ins Ausland gelangten. Die Absicht des Regimes, Kritiker in der Bedeutungslosigkeit versinken zu lassen, wurde unterlaufen.

Für seine Verdienste um die tschechische Kultur verliehen die verfemten Schriftsteller Wolfgang Scheur 1986, als er aus dem Amt ausschied, den eigens geschaffenen Orden des böhmischen Buchs. Die Verleihungsurkunde unterzeichnete auch Václav Havel. Niemand hätte damals geahnt, dass die Macht der Ohnmächtigen soweit reichen würde, dass derselbe Václav Havel 1995 seinem Freund Wolfgang Scheur den T. G.-Masaryk-Orden für herausragende Verdienste um Demokratie und Menschenrechte als tschechischer Staatspräsident verleihen würde.

Wolfgang Scheur (M.) bei einem Treffen mit Willy Brandt in Prag, 1985

Stephan Kruhl

> Vilém Prečan/Milan Uhde/Ludger Udolph (Hg.):
Im Dienst der gemeinsamen Sache.
Wolfgang Scheur und Prag 1981-1989,
Verlag Atlantis, Brünn 2001
zu beziehen über Brückenbuchhandlung Naleppa,
Tel. 0 56 61/85 60

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