1/2004

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Zeitgeschichtliches Forum Leipzig

 

Das Werk eines Zuckerbäckers

Vorzeigewohnungen in den 1950er Jahren

Das von der SED beschlossene "Nationale Aufbauprogramm" von 1951 folgte dem Kurs der Sowjetunion: Die Städtebauer sollten Paläste für die Werktätigen errichten. Einige davon entstanden 1952 in der "ersten sozialistischen Straße Deutschlands", in der Stalinallee. Wie die Menschen dort wohnten und wohnen zeigt die Ausstellung "Leben hinter der Zuckerbäckerfassade" bis Ende Februar.

21. Dezember 1952, Stalins Geburtstag: In der provisorisch hergerichteten Staatsoper Berlin erhalten 677 Arbeiter, 322 Angestellte und 149 "Angehörige der Intelligenz" feierlich ihre Zuweisung für eine der begehrten "Vollkomfortwohnungen" in der Stalinallee. Das "Neue Deutschland" betont die Zusammensetzung der Mieter, gilt es doch zu belegen, dass nicht Parteibonzen, sondern Arbeiter die sozialistischen Luxuswohnungen erhalten. Die vierzehn monumentalen Gebäude der Stalinallee bieten ungewohnten Komfort: Zentralheizung, geflieste Badezimmer, Parkett, Aufzug, Müllschlucker. Und sie sind Prestigeobjekte der SED-Regierung.

Plakatmotive werben 1953 für "die erste sozialistische Straße Deutschlands".

"Die Stalinallee ist der Grundstein zum Aufbau des Sozialismus", so Walter Ulbricht 1952. Materialien wie Meißner Keramik und reichhaltige Ornamente verstärken die verspielte Wirkung der klassizistischen Bauten nach sowjetischem Vorbild - das Werk eines "Zuckerbäckers".

Knapp 50 Jahre später machen sich die Journalistin Ylva Queisser und die Fotografin Lidia Tirri auf die Suche nach Erstbewohnern der damaligen Stalinallee. Beide sind fasziniert von der Geschichte der Straße, die 1949 von Frankfurter Allee in Stalinallee und 1961 in Karl-Marx-Allee umbenannt wird. Lidia Tirri und Ylva Queisser werden fündig: Zahlreiche Erstmieter wohnen noch dort, erzählen ihnen ihre Geschichte: Von den geleisteten Aufbaustunden, von den Festen auf der Dachterrasse, von der Geringschätzung der Nachbarn, wenn man der SED nicht angehörte, von den angstvollen Stunden am 17. Juni 1953, als der Volksaufstand von der Baustelle Stalinallee aus losbrach. Eindrucksvolle Zeitzeugeninterviews mit Aufnahmen der Wohnsituationen und der zwischenzeitlich renovierten Gebäude entstehen.

Zeitgenössische Plakate und Fotos aus der Sammlung der Stiftung Haus der Geschichte ergänzen die Präsentation, z. B. Arbeiten des Ost-Berliner Fotografen Kurt Klingner, der die Baufortschritte in der Stalinallee damals dokumentierte. Fotos von Roger und Renate Rössing verweisen auf die Leipziger Ringbebauung, die im selben Stil wie die Stalinallee im Rahmen des Nationalen Aufbauprogramms 1953 bis 1956 entstand und noch heute das Leipziger Stadtbild prägt. Auch hier sind zahlreiche Mieter ihren Wohnungen nach 1990 treu geblieben.

Henrike Girmond

Der Ost-Berliner Fotograf Kurt Klingner dokumentiert im September 1952 das Richtfest in der Stalinallee/Hochhaus Weberwiese.

"Leben hinter der Zuckerbäckerfassade"
Das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig zeigt vom
15. Januar bis 29. Februar 2004 im Foyer eine
Ausstellung von Lidia Tirri (Fotos) und
Ylva Queisser (Interviews).

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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