1/2005

   Sitemap Kontakt Impressum

 Inhalt

 Übersicht  
 Titel  
 Ausstellungen  
 Infothek  
 Brennpunkt     
 Am Anfang waren die "AN"
 "Politische Kommentare
 waren nicht erlaubt"
 Der Wolf und die
 sieben Geißlein
 Mein Bauch gehört mir
 Vom Verschweigen eines
 Problems
 Vertrauen und Solidarität
                       
Karikatur                       
Editorial                      
Archiv                
Termine 1/2005                
Impressum 1/2005                
Kontakt                       
Online-Befragung                                        

 Haus der Geschichte, Bonn

 Zeitgeschichtliches Forum
 Leipzig

 

Brennpunkt

 

Am Anfang waren die "AN"

Erstausgabe der Aachener Nachrichten 1945

Sie war die erste Zeitung auf deutschem Boden, die unabhängig von nationalsozialistischer Propaganda erscheinen konnte. Vor sechzig Jahren, am 24. Januar 1945, starteten die Aachener Nachrichten mit einer Auflage von 12.000 Exemplaren und einem Umfang von vier Seiten. Zunächst unter alliierter Regie bekam die Zeitung im Juni 1945 eine Lizenz und ging damit ausschließlich in deutsche Hand über.

Titelseite der Aachener Nachrichten vom 24. Januar 1945

Während in Berlin und München noch der "Völkische Beobachter" durch die Rotationsmaschinen lief und nationalsozialistische Durchhalteparolen propagierte, erschien am 24. Januar 1945 im amerikanisch besetzten Aachen die erste deutsche Zeitung unter alliierter Regie. "Es wird das Privileg der ‚Aachener Nachrichten’ sein, dem Volk die Wahrheit zu bringen, die ihm so lange vorenthalten war", schrieb Hugh M. Jones, der amerikanische Kommandant der Militärregierung Aachens in einem Geleitwort zur ersten Ausgabe.

Das Verbot nationalsozialistischer Medien und der Aufbau einer freien Presse waren zentrale Ziele alliierter Besatzungspolitik. Unter den amerikanischen Soldaten, die Aachen als erste deutsche Großstadt im Oktober 1944 eroberten, waren auch Offiziere der Presseabteilung des alliierten Hauptquartiers. Ihr Auftrag: Gründung einer deutschen Zeitung. Der Pressestab fand in Aachen gute Ausgangsbedingungen: Ein Zeitungshaus war trotz einer stark bombardierten Umgebung unzerstört geblieben, die Druckereimaschinen funktionierten und Papier war ausreichend vorhanden.

Starthindernisse

Schwierig war es dagegen, in der entvölkerten Stadt politisch und beruflich geeignete deutsche Mitarbeiter zu finden. Die Besatzungsmacht entschied sich schließlich für Heinrich Hollands als Herausgeber. Hollands war politisch unbelastet, hatte allerdings keine journalistische Erfahrung. Der Schriftsetzer arbeitete bis 1933 bei einer sozialdemokratischen
Zeitung und war nach längerer Arbeitslosigkeit Hilfskorrektor des "Aachener Anzeiger". Neben Hollands hatte man nur einen weiteren deutschen Redakteur finden können. Erst nach zwei Monaten kamen weitere hinzu.

Hollands veröffentlichte seine Leitartikel unter dem Pseudonym "Der alte Aachener". Es war gefährlich, seinen Namen zu nennen, da die Gefahr deutscher Repressalien zu groß war. Nationalsozialistische Medien begleiteten die "Aachener Nachrichten" mit Hasstiraden. Das "Judenblatt" werde von "jüdischen Schreiberlingen" gemacht, geiferte der "Westdeutsche Beobachter", während der Reichssender Köln von Landes- und Hochverrat sprach.

Erfolgskurs

Die Tätigkeit der deutschen Redaktion war zunächst auf die Berichterstattung über lokale Ereignisse beschränkt. Die übrige redaktionelle Arbeit leisteten in der Anfangszeit die alliierten Presseoffiziere, die gleichzeitig auch die deutschen Kollegen aus- und weiterbildeten. Ab März 1945 ging die redaktionelle Arbeit weitgehend auf deutsche Mitarbeiter über. "Die Neulinge hatten das gelernt, was notwendig war: Einen angelsächsischen Stil beim Verfassen von Nachrichten und Schlagzeilen, den kommentarlosen Hinweis auf Fakten", befanden die Presseoffiziere.

Die Erstausgaben von Zeitungen aus den Westzonen und der sowjetisch besetzten Zone in der Dauerausstellung des Hauses der Geschichte

Die zunächst nur wöchentlich erscheinenden Ausgaben unterlagen einer strengen Zensur. Bereits in der ersten Ausgabe fiel ein Satz des von Hollands verfassten Geleitworts dem Rotstift zum Opfer. Der Herausgeber hatte darin die Hoffnung geäußert, dass die Zeitung bald ein Organ der freien Meinung und Kritik werden möge.

Die ersten Ausgaben der "Aachener Nachrichten" machten äußerlich wenig her, spiegelten nichts von der neuen Epoche in der Geschichte des deutschen Zeitungswesens. Das Blatt erschien im kleinen Format, umfasste vier Seiten und war mit einfachen Mitteln gestaltet. Dennoch rissen die Menschen den Verkäufern das Blatt aus den Händen, die Nachfrage nach freier Information war groß. Die Erstauflage von gut 12.000 Exemplaren war bei einem Preis von 20 Pfennigen schnell vergriffen.

"Lizenzierte Phase"

Am 7. Juni 1945 gingen die "Aachener Nachrichten" in deutsche Hände über. Der amerikanische General Mc Clure übergab Heinrich Hollands die Lizenzurkunde mit der historischen Nummer 1. Die "Aachener Nachrichten" läuteten eine neue Phase alliierter Pressepolitik ein, in der die Lizenzpresse die deutschsprachigen Mitteilungsblätter der alliierten Truppen ersetzte. Nach der Einteilung Deutschlands in Besatzungszonen wurden in Aachen die Amerikaner von den Engländern als Besatzungsmacht abgelöst. Mit den Engländern kam eine grundlegende Änderung. Während die Amerikaner in ihrem Einflussbereich überparteiliche Blätter initiierten, wollten die Briten Parteirichtungszeitungen. Die "Aachener Nachrichten" wurden eine Zeitung, die der SPD nahe stand.

Im November 1948 änderten sich die Besitzverhältnisse. Altverleger Jean Cerfontaine, der wie alle bis 1945 tätigen Presseverleger von der Lizenzvergabe ausgeschlossen war, erhielt sein Verlagshaus zurück. Nach Aufhebung des Lizenzzwangs 1949 schieden die "Aachener Nachrichten" aus dem Verbund der sozialdemokratischen Zeitungen aus.

Die "Erste neue deutsche Zeitung" - so der Hinweis im Kopf der Zeitung 1945 - ist auch die älteste. Seit 60 Jahren begleitet die Zeitung die politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung in Aachen, Deutschland und der Welt. Die Erwartung der Militärregierung in der ersten Ausgabe, dass die "Aachener Nachrichten den Anfang für den Wiederaufbau einer freien deutschen Presse bilden", ging in Erfüllung.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

zum Seitenanfang