1/2005

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Brennpunkt

 

Vom Verschweigen eines Problems

Interview mit Lissy Gröner, MdEP

Lissy Gröner ist seit 1989 Mitglied des Europäischen Parlaments. Die Abtreibungsdebatten der 1970er Jahre erlebte sie als junge Frau in ihrer Heimat in Mittelfranken, Bayern. Heute ist sie frauenpolitische Sprecherin der Sozialdemokratischen Partei Europas und Mitglied in verschiedenen Parlamentsausschüssen mit den Arbeitsschwerpunkten Chancengleichheit und Rechte der Frauen.





mm
Frau Gröner, wie erlebten Sie die Diskussionen in den 1970er Jahren um den Paragraphen 218 StGB?

Geballte Frauenpower: Lissy Gröner (v.l.n.r.), Inge von Bönninghausen, Vorsitzende des Deutschen Frauenrats und viele Jahre Mitglied des Arbeitskreises gesellschaftlicher Gruppen der Stiftung Haus der Geschichte, und Gertrude Mongella, Präsidentin des Panafrikanischen Parlaments

Gröner Ich habe mich damals in Mittelfranken/Bayern für den Kampf um Selbstbestimmung und Fristenlösung engagiert. In der sehr ländlich geprägten Gegend gab es gerade unter den jungen Frauen eine große Aufbruchstimmung und Kampfbereitschaft gegen Kirche und Konservative. Hohe Wogen schlugen später auch die Memminger Abtreibungsprozesse. Doch ohne die Bereitschaft der Medien, das Thema aufzugreifen, hätte es nie eine solche Mobilisierungskraft entwickelt.

mm In der EU bestehen sehr unterschiedliche Regelungen für Schwangerschaftsabbrüche. Gibt es Aussichten auf eine rechtliche Angleichung?

Gröner Vorerst wird es bei den nationalen Regelungen bleiben und keine Harmonisierung geben. Doch die neue Verfassung sagt ganz klar, dass es überall in der EU gleiche rechtliche Standards geben muss. Das übt Druck auf Länder wie Polen, Malta, Portugal oder Irland aus, sich hier zu bewegen.

mm "Abtreibungsreisen" oder "Engelmacherinnen" gehören nicht überall in Europa der Vergangenheit an. Was kann die EU gegen diese Entwicklungen tun?

Gröner Es gibt "Abtreibungstourismus" von Polen nach Tschechien, von rund 7.000 irischen Frauen jährlich nach England und ich höre auch von vielen deutschen Frauen, die nach Österreich oder in die Niederlande fahren. Generell müssen Aufklärungsdefizite besser geschlossen, eine intensivere Sexualerziehung, mehr Informationen und finanzielle Hilfe bereit gestellt und auch ein Schwerpunkt auf familienunterstützende Maßnahmen gelegt werden.

mm Wie hoch ist die Dunkelziffer bei Schwangerschaftsabbrüchen in einigen Ländern?

Gröner In Polen gab es 2002 offiziell 160 Schwangerschaftsabbrüche, inoffiziell geht man von 80.000 bis 200.000 aus, in Portugal von 40.000. Einige Länder operieren mit geschönten Zahlen und meinen, mit dem Verschweigen des Problems sei es zugleich auch verschwunden.

mm Im europäischen Parlament gab es immer wieder heftige Debatten um dieses Thema ...

Gröner ... mit Parolen wie "Genozid an Kindern" oder "Massenmord", von denen frau glaubte, sie gehören der Vergangenheit an. Letztes Beispiel für das Aufeinanderprallen von konservativen und liberalen Meinungen im Parlament war der Einsatz von portugisischen Kriegsschiffen gegen das Schiff "Women on Waves" der niederländischen Gynäkologin Rebecca Gomberts, die auf dem Schiff Schwangerschaftsabbrüche vornimmt und in Lissabon vor Anker gehen wollte.

mm Wo liegen Hindernisse für einen gesamteuropäischen Kompromiss?

Gröner Zum einen in der Souveränität der Mitgliedsstaaten bei Regelungen im sozialen Bereich, zum anderen in sehr konservativen Moralvorstellungen.

Interview: Markus Stadtmüller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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