| Lissy Gröner ist seit 1989 Mitglied des Europäischen
Parlaments. Die Abtreibungsdebatten der 1970er Jahre erlebte sie als junge Frau
in ihrer Heimat in Mittelfranken, Bayern. Heute ist sie frauenpolitische Sprecherin
der Sozialdemokratischen Partei Europas und Mitglied in verschiedenen Parlamentsausschüssen
mit den Arbeitsschwerpunkten Chancengleichheit und Rechte der Frauen.
mm Frau Gröner, wie erlebten Sie die Diskussionen in den 1970er Jahren
um den Paragraphen 218 StGB?
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Geballte Frauenpower: Lissy Gröner (v.l.n.r.), Inge von Bönninghausen,
Vorsitzende des Deutschen Frauenrats und viele Jahre Mitglied des Arbeitskreises
gesellschaftlicher Gruppen der Stiftung Haus der Geschichte, und Gertrude Mongella,
Präsidentin des
Panafrikanischen Parlaments |
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Gröner Ich habe mich damals in Mittelfranken/Bayern
für den Kampf um Selbstbestimmung und Fristenlösung
engagiert. In der sehr ländlich
geprägten Gegend
gab es gerade unter den jungen Frauen eine große
Aufbruchstimmung und Kampfbereitschaft gegen Kirche und Konservative. Hohe Wogen
schlugen später
auch die Memminger Abtreibungsprozesse. Doch ohne die Bereitschaft der Medien,
das Thema aufzugreifen, hätte es
nie eine solche Mobilisierungskraft entwickelt.
mm In der EU bestehen sehr unterschiedliche Regelungen für Schwangerschaftsabbrüche.
Gibt es Aussichten auf eine rechtliche Angleichung?
Gröner Vorerst wird es bei den nationalen Regelungen bleiben und keine Harmonisierung
geben. Doch die neue Verfassung sagt ganz klar, dass es überall in der EU
gleiche rechtliche Standards geben muss. Das übt Druck auf Länder wie
Polen, Malta, Portugal oder Irland aus, sich hier zu bewegen.
mm "Abtreibungsreisen" oder "Engelmacherinnen" gehören
nicht überall in Europa
der Vergangenheit an. Was kann die EU gegen diese Entwicklungen tun?
Gröner Es gibt "Abtreibungstourismus" von Polen nach Tschechien,
von rund 7.000 irischen Frauen jährlich nach
England und ich höre auch von vielen
deutschen Frauen, die nach Österreich
oder in die Niederlande fahren. Generell müssen
Aufklärungsdefizite besser geschlossen,
eine intensivere Sexualerziehung, mehr Informationen und finanzielle Hilfe bereit
gestellt und auch ein Schwerpunkt auf familienunterstützende
Maßnahmen gelegt
werden.
mm Wie hoch ist die Dunkelziffer bei Schwangerschaftsabbrüchen
in einigen Ländern?
Gröner In Polen gab es 2002 offiziell 160 Schwangerschaftsabbrüche,
inoffiziell geht man von 80.000 bis 200.000 aus, in Portugal von 40.000. Einige
Länder operieren
mit geschönten Zahlen
und meinen, mit dem Verschweigen des Problems sei es zugleich auch verschwunden.
mm Im europäischen Parlament gab es immer wieder heftige Debatten um dieses
Thema ...
Gröner ... mit Parolen wie "Genozid an Kindern" oder "Massenmord",
von denen frau glaubte, sie gehören der Vergangenheit
an. Letztes Beispiel für
das Aufeinanderprallen von konservativen und liberalen Meinungen im Parlament
war der Einsatz von portugisischen Kriegsschiffen gegen das Schiff "Women
on Waves" der
niederländischen Gynäkologin
Rebecca Gomberts, die auf dem Schiff Schwangerschaftsabbrüche
vornimmt und in Lissabon vor Anker gehen wollte.
mm Wo liegen Hindernisse für einen gesamteuropäischen
Kompromiss?
Gröner Zum einen in der Souveränität der Mitgliedsstaaten bei
Regelungen im sozialen Bereich, zum anderen in sehr konservativen Moralvorstellungen.
Interview: Markus Stadtmüller
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