1/2005

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Gesellschaftlicher Klimawandel

Politische Fotografie und Karikatur 2004

Die Bilder haben sich verändert. Sie erzählen nicht mehr allein von strahlenden Siegern. Wie in den vergangenen Jahren des Foto- Wettbewerbs "Rückblende" zeigen die Fotografien die ungeschminkte Wirklichkeit - auch die der Verlierer, der Zurückgelassenen, der Opfer eines rasanten Wandels in der Gesellschaft.

Deutschland hat sich verändert. 2004 sind Gewissheiten verloren gegangen, die für das Land viel zu lange gegolten haben. Das Reformjahr 2004 hat ein Stück Behaglichkeit aus dem Land gespült. Lang ist die Reihe der Verlierer, die dieses Jahr zurückgelassen hat. So sind auch die meisten Fotografien Verliererfotos.

Man findet sie in allen Ecken der Republik, auf allen Ebenen der Hierarchie, auf Parteitagen, in Seniorenheimen oder auf Marktplätzen. Sie tragen Gewerkschafter- Buttons, Opel-Overals oder Hartz IV-Plakate.

Die von der Rückblende-Jury auf die ersten beiden Plätze gehobenen Bilder zeigen wohlhabende Reformopfer. Frank Bsirske, Michael Sommer und Jürgen Peters etwa, die Vorsitzenden von Verdi, Deutschem Gewerkschaftsbund und der IG Metall, Führer von Organisationen, die einst den Takt der Republik mitschlugen. Verbitterung trieft in Jochen Zicks Siegerfoto aus den Augen, Stirnfalten und Mundwinkeln der drei Herren. Sie sitzen wie Fremdkörper in den Delegiertenreihen jener Partei, mit der sie einst Seit’ an Seit’ schritten, mit der sie gemeinsam den deutschen Sozialstaat aufpumpten, bis man ihn sich nicht mehr leisten konnte. Das Foto erzählt von der historischen Entfremdung zweier Partner zwischen den deutschen Gewerkschaften und der deutschen Sozialdemokratie.

Betretene Mienen: Gewerkschaftsbosse auf der Reise in die Zukunft von Jochen Zick, 1. Preis Fotografie

Die SPD mit ihrem Kanzler Gerhard Schröder ist den drei Herren und ihren Organisationen zu schnell, zu radikal geworden. Nun blicken sie zu Boden oder ins Nichts, gekränkt und planlos zugleich. Die Aufnahme transportiert auch die Ratlosigkeit der Zurückgelassenen, die nicht mehr wissen, was sie der neuen Zeit entgegensetzen sollen.

Das politische Abstellgleis des CSUMannes Horst Seehofer ist in der Aufnahme von Stefan Pielow die Parkbank eines Seniorenpflegeheims in Seehofers Heimat Ingolstadt. Seehofer hat seinen persönlichen Konflikt mit dem modernen Zeitgeist im zurückliegenden Jahr derart auf die Spitze getrieben, dass er am Ende ohne Amt und ohne Einfluss dastand. Als Anwalt der alten Bundesrepublik und deren Gesundheitssystem stemmte er sich bis zuletzt gegen das marktliberale Kopfpauschalen- Modell seiner Partei. Er verteidigte das Alte gegen das Neue und inszenierte sich dabei als Anwalt der Kranken und Schwachen. Die Fotografie legt viel von dieser Inszenierung offen, sie ist Teil derselben und entlarvt sie doch zugleich.

Das drittplatzierte Foto dieses Wettbewerbs zeigt das Gegenstück zur Welt der Arbeitslosengeld- II-Empfänger. Es ist ein Bild vom obersten Ende einer gespaltenen Gesellschaft. Kein anderes Motiv wusste den Zorn des vermeintlich kleinen Mannes mehr zu entfachen als der grinsende Deutsche Bank Chef Josef Ackermann, der zu Beginn des Mannesmann- Prozesses in Düsseldorf Mittel- und Zeigefinger zum Victory-Zeichen spreizte. Mit diesem Foto wurde der siegessichere Ackermann zum Symbol für eine vermeintlich abgehobene Managerklasse, der die Sensibilität für die sozialen Nöte und Ängste im Lande abhanden gekommen ist. Vielleicht war es diese eine, gerade einmal zwei Sekunden währende Geste, welche die Stimmung im Lande gleich zu Jahresbeginn auf Konfrontation polte.

Zur Ruhe gesetzt - im Abseits: Horst Seehofer bei einem Termin im Altenheim von Stefan Pielow, 2. Preis Fotografie

Macht und Moral auf der Anklagebank: Mannesmann- Prozess in Düsseldorf von Oliver Berg, 3. Preis Fotografie

Oliver Berg war der Einzige von drei im Gerichtssaal zugelassenen Fotografen, der jenen Augenblick festhielt, welcher sich später auf den Frontseiten unzähliger Zeitungen und Magazine vervielfältigte. Ackermann grinst in dieser Szene den einstigen Mannesmann-Boss Klaus Esser an, wegen dessen 30-Millionen-Euro-Abfindung der gesamte Aufsichtsrat vor Gericht stand. Sein Siegeszeichen wurde im Volk als Provokation aufgefasst, als Mangel an Unrechtsbewusstsein, als arrogante Uns-kann-keiner-was-Attitüde.

Was aber, wenn die Version Ackermanns stimmt, wonach er sich durch Zurufe anderer zu einer Michael-Jackson-Parodie habe hinreißen lassen, der seinerseits kurz zuvor mit jener Geste in Kalifornien vor Gericht erschienen war? Hätte man Ackermann dann Unrecht getan? Wäre die Deutung des Bildes dann eine andere? Würde es dann lügen?

Schon oft wurden bei diesem Wettbewerb Aufnahmen mit der Begründung prämiert, dass sie die Wahrheit viel klarer zeigten, als tausend Worte vermocht hätten. Die Hintergründe dieser Aufnahme aber werfen zumindest die Frage auf, ob Fotografien die Wirklichkeit in ein falsches Licht rücken können.

Die Schuld des Fotografen wäre dies freilich nicht. Er kann nicht beeinflussen, in welchem Kontext sein Werk später auftaucht. Sein Verdienst bleibt es, das richtige Gespür für den Moment gehabt zu haben. Und Ackermanns Ungeschick bliebe es so oder so, egal aus welcher Motivation heraus, die falsche Geste zum falschen Zeitpunkt gemacht zu haben, ohne Rücksicht auf die Stimmung im Lande.

Der gesellschaftliche Klimawandel ist nicht nur auf den ersten drei Plätzen zu beobachten. Man fühlt ihn beim Anblick der mehr als 800 eingesandten Aufnahmen von 110 Fotografen.

Wenn der Schleier fällt: Leipzig 1989 und 2004

Die Verunsicherung im Lande, die Furcht vor Verlust des Wohlstands und die Angst vor sozialem Abstieg, das alles lässt sich nur schwer in Bilder fassen. Vielen Teilnehmern ist dies trotzdem gelungen.

Doch zur Wahrheit des Jahres 2004 gehören nicht nur Krisen und Ängste. Wie nie zuvor haben sich die Deutschen in eine Alles-wird-schlecht-Hysterie gesteigert. Der Hang zur düsteren Betrachtung aber kann Menschen blind machen für das Gute und Schöne, für die Innenstadt Leipzigs etwa, die der Fotograf Paul Langrock zum Glück zweimal ablichtete: zum ersten Mal im Dezember 1989 und dann erneut 15 Jahre später, beide Male vom selben Standort.

Aus den im Smog versunkenen grauen Fassaden ist eineinhalb Jahrzehnte nach dem Mauerfall ein freundlicher, farbiger Stadtteil geworden. Auch das ist eine deutsche Wahrheit im Krisenjahr 2004.

Markus Feldenkirchen

Der Autor ist Politikredakteur im Hauptstadtbüro des Nachrichtenmagazins "DER SPIEGEL". Den vollständigen Text können Sie im Ausstellungskatalog nachlesen, der über die Landesvertretung Rheinland-Pfalz, Pressestelle, In den Ministergärten 6, 10117 Berlin bezogen werden kann.
> www.landesvertretung.rlp.de

Die Ausstellung "Rückblende 2004" ist vom 15. März bis 10. April 2005 im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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