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Gesellschaftlicher Klimawandel
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Politische Fotografie und Karikatur 2004 |
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Die Bilder haben sich verändert. Sie erzählen nicht mehr
allein von strahlenden Siegern. Wie in den vergangenen Jahren des Foto- Wettbewerbs "Rückblende" zeigen
die Fotografien die ungeschminkte Wirklichkeit - auch die der Verlierer,
der Zurückgelassenen,
der Opfer eines rasanten Wandels in der Gesellschaft.
Deutschland hat sich
verändert. 2004 sind Gewissheiten verloren
gegangen, die für das Land viel zu lange
gegolten haben. Das Reformjahr 2004 hat ein Stück
Behaglichkeit aus dem Land gespült.
Lang ist die Reihe der Verlierer, die dieses Jahr zurückgelassen
hat. So sind auch die meisten Fotografien Verliererfotos.
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Man findet sie in allen Ecken der Republik, auf allen Ebenen der Hierarchie,
auf Parteitagen, in Seniorenheimen oder auf Marktplätzen. Sie tragen
Gewerkschafter- Buttons, Opel-Overals oder Hartz IV-Plakate.
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Die von der Rückblende-Jury auf die ersten beiden Plätze
gehobenen Bilder zeigen wohlhabende Reformopfer.
Frank Bsirske, Michael Sommer und Jürgen Peters etwa, die Vorsitzenden
von Verdi, Deutschem Gewerkschaftsbund und der IG
Metall, Führer von Organisationen,
die einst den Takt der Republik mitschlugen. Verbitterung
trieft in Jochen Zicks Siegerfoto aus den Augen, Stirnfalten und Mundwinkeln
der drei Herren. Sie sitzen wie Fremdkörper in den Delegiertenreihen
jener Partei, mit der sie einst Seit’ an
Seit’ schritten, mit der sie gemeinsam
den deutschen Sozialstaat aufpumpten, bis man ihn
sich nicht mehr leisten konnte. Das Foto erzählt
von der historischen Entfremdung zweier Partner zwischen
den deutschen Gewerkschaften und der deutschen Sozialdemokratie.
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Betretene Mienen: Gewerkschaftsbosse auf der Reise in die Zukunft von Jochen Zick, 1. Preis Fotografie
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Die SPD mit ihrem Kanzler Gerhard Schröder
ist den drei Herren und ihren Organisationen zu schnell, zu radikal geworden.
Nun blicken sie zu Boden oder ins Nichts, gekränkt und planlos zugleich.
Die Aufnahme transportiert auch die Ratlosigkeit der Zurückgelassenen, die
nicht mehr wissen, was sie der neuen Zeit entgegensetzen sollen.
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Das politische Abstellgleis des CSUMannes Horst Seehofer
ist in der Aufnahme von Stefan Pielow die Parkbank eines Seniorenpflegeheims
in Seehofers Heimat Ingolstadt. Seehofer hat seinen persönlichen Konflikt
mit dem modernen Zeitgeist im zurückliegenden
Jahr derart auf die Spitze getrieben, dass er am Ende ohne Amt und ohne Einfluss
dastand. Als Anwalt der alten Bundesrepublik und deren Gesundheitssystem stemmte
er sich bis zuletzt gegen das marktliberale Kopfpauschalen- Modell seiner Partei.
Er verteidigte das Alte gegen das Neue und inszenierte sich dabei als Anwalt
der Kranken und Schwachen. Die Fotografie legt viel von dieser Inszenierung offen,
sie ist Teil derselben und entlarvt sie doch zugleich.
Das drittplatzierte Foto
dieses Wettbewerbs zeigt das Gegenstück
zur Welt der Arbeitslosengeld- II-Empfänger. Es
ist ein Bild vom obersten Ende einer gespaltenen Gesellschaft.
Kein anderes Motiv wusste den Zorn des vermeintlich kleinen Mannes mehr zu entfachen
als der grinsende Deutsche Bank Chef Josef Ackermann, der zu Beginn des Mannesmann-
Prozesses in Düsseldorf Mittel-
und Zeigefinger zum Victory-Zeichen spreizte. Mit diesem
Foto wurde der siegessichere Ackermann zum Symbol für eine vermeintlich
abgehobene Managerklasse, der die Sensibilität
für die sozialen Nöte und Ängste
im Lande abhanden gekommen ist. Vielleicht war es diese
eine, gerade einmal zwei Sekunden währende
Geste, welche die Stimmung im Lande gleich zu Jahresbeginn
auf Konfrontation polte.
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Oliver Berg war der Einzige von drei im Gerichtssaal zugelassenen Fotografen,
der jenen Augenblick festhielt, welcher sich später auf den Frontseiten
unzähliger Zeitungen und Magazine vervielfältigte. Ackermann grinst
in dieser Szene den einstigen Mannesmann-Boss Klaus Esser an, wegen dessen 30-Millionen-Euro-Abfindung
der gesamte Aufsichtsrat vor Gericht stand. Sein Siegeszeichen wurde im Volk
als Provokation aufgefasst, als Mangel an Unrechtsbewusstsein, als arrogante
Uns-kann-keiner-was-Attitüde.
Was aber, wenn die Version Ackermanns stimmt, wonach
er sich durch Zurufe anderer zu einer Michael-Jackson-Parodie habe hinreißen
lassen, der seinerseits kurz zuvor mit jener Geste in Kalifornien vor Gericht
erschienen war? Hätte man Ackermann dann Unrecht getan? Wäre die Deutung
des Bildes dann eine andere? Würde es dann lügen?
Schon oft wurden bei
diesem Wettbewerb Aufnahmen mit der Begründung prämiert, dass sie die Wahrheit viel klarer zeigten,
als tausend Worte vermocht hätten. Die Hintergründe dieser Aufnahme
aber werfen zumindest die Frage auf, ob Fotografien die Wirklichkeit in ein falsches
Licht rücken
können.
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Die Schuld des Fotografen wäre
dies freilich nicht. Er kann nicht beeinflussen, in welchem Kontext sein Werk
später auftaucht.
Sein Verdienst bleibt es, das richtige Gespür für den Moment gehabt
zu haben. Und Ackermanns Ungeschick bliebe es so oder so, egal aus welcher Motivation
heraus, die falsche Geste zum falschen Zeitpunkt gemacht zu haben, ohne Rücksicht
auf die Stimmung im Lande.
Der gesellschaftliche Klimawandel ist nicht nur auf den ersten drei Plätzen
zu beobachten. Man fühlt ihn beim Anblick der mehr als 800 eingesandten
Aufnahmen von 110 Fotografen.
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Wenn der Schleier fällt: Leipzig 1989 und 2004
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Die Verunsicherung im Lande, die Furcht
vor Verlust des Wohlstands und die Angst vor sozialem Abstieg, das alles lässt
sich nur schwer in Bilder fassen. Vielen Teilnehmern ist dies trotzdem gelungen.
Doch zur Wahrheit des Jahres 2004 gehören nicht nur Krisen und Ängste.
Wie nie zuvor haben sich die Deutschen in eine Alles-wird-schlecht-Hysterie gesteigert.
Der Hang zur düsteren Betrachtung aber kann Menschen blind machen für
das Gute und Schöne, für die Innenstadt Leipzigs etwa, die der Fotograf
Paul Langrock zum Glück zweimal ablichtete: zum ersten Mal im Dezember 1989
und dann erneut 15 Jahre später, beide Male vom selben Standort.
Aus den im Smog versunkenen grauen Fassaden ist
eineinhalb Jahrzehnte nach dem Mauerfall ein freundlicher, farbiger Stadtteil
geworden. Auch das ist eine deutsche Wahrheit im Krisenjahr 2004.
Markus Feldenkirchen
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Der Autor
ist Politikredakteur im Hauptstadtbüro
des Nachrichtenmagazins "DER SPIEGEL".
Den vollständigen Text können Sie
im Ausstellungskatalog nachlesen, der
über die Landesvertretung Rheinland-Pfalz,
Pressestelle, In den Ministergärten 6,
10117 Berlin bezogen werden kann.
> www.landesvertretung.rlp.de
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Die Ausstellung
"Rückblende 2004" ist vom
15. März bis 10. April 2005
im Haus der Geschichte in
Bonn zu sehen.
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