1/2005

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"Die Nachfrage nach Bildern ist groß"

Interview mit Herlinde Koelbl

Sie ist eine der renommiertesten Fotografinnen in Deutschland und publiziert seit 1976 in allen bedeutenden Magazinen und Zeitungen. In der Langzeitstudie "Spuren der Macht" dokumentiert Herlinde Koelbl den Umgang, die Gefahren und Veränderungen, denen nicht nur Politiker, auch Wirtschaftslenker und Journalisten beim Ausüben von Macht ausgesetzt sind. In ihrem Film "Die Meute" beschreibt sie den Arbeitsalltag von Bildjournalisten und ihr Verhältnis zu Politikern - ein spannungsreiches Verhältnis zwischen Abneigung und Wohlwollen.






mm Frau Koelbl, wie viel Macht besitzt ein Bild im politischen Prozess?

Herlinde Koelbl

Koelbl Zunächst einmal ist wichtig, wie gut ein Bild ist. Es gibt viele Bilder, die nur Belegfotos sind. Entscheidend ist, dass das Bild eine tiefere Aussage hat, die über das Tagesgeschehen hinausgeht. Es muss eine Geschichte erzählen, Gesten, Mimik, Regungen, nonverbale Zeichen einfangen, dann wirkt es und hat durch diese Wirkung auch Macht. Und denken Sie nur an die Bilder aus dem Gefängnis Abu Ghreib, die sich ins Bewusstsein gebrannt haben. Artikel über Folterungen hätten nie diese Wirkung erreicht. Auf einer anderen Seite können Bilder auch missbraucht werden für Propaganda oder Demagogie - die negative Seite ihrer Macht.

mm Werden Bildjournalisten unbewusst als Choreografen für Politiker bei deren Inszenierungen benutzt?

Koelbl Natürlich gibt es geschickte Medien-Inszenierer, wie etwa Gerhard Schröder. Sie sind freundlich, schaffen eine gute Atmosphäre und können dadurch besser steuern, wie sie gesehen werden wollen. Hier ist eine kritische Distanz notwendig oder man wird Teil der politischen Show. Andere sind nur während ihres Aufstiegs freundlich. Oben angekommen reagieren sie mürrisch, abweisend oder belehrend, nehmen Journalisten nur noch als Wegelagerer wahr, die ihnen zunehmend lästig sind.

mm Wie wahren sie die Balance zwischen kritischer Distanz und Nähe?

Koelbl Das ist eine Gratwanderung. Politiker ködern mit Exklusiv-Informationen, bestimmen Kreise von ausgewählten Journalisten, denen sie Informationen zustecken, die andere nicht bekommen. Dadurch entsteht Wohlwollen und Nähe. Gefährlich kann sich auch das Gefühl auswirken, ganz nahe an der Macht zu sein, die eine ungeheure Sogwirkung besitzt und eine erotische Ausstrahlung. Das eigene Ich wird aufgewertet und das Selbstwertgefühl steigt.

mm Sie arbeiten seit fast dreißig Jahren als Fotografin. Wie veränderten sich seither Medien und Politiker?

Koelbl Politiker haben sich heute auf die Präsenz der Medien eingestellt, haben Medienschulungen und Medientraining hinter sich. Früher hatten es Argumente einfacher durchzukommen, heute muss ein gewisser Grad an Emotionalisierung damit verbunden sein. Auch die Macht des Fernsehens ist wesentlich größer. Es gibt unzählige Nachrichtensendungen, die alle Futter brauchen. Die Nachfrage nach Bildern ist groß und die Politiker bedienen sie. Sie haben dadurch auch die Möglichkeit, mit den Journalisten zu spielen, sie auszuwählen oder links liegen zu lassen. Wichtig für das Ego eines Politikers ist aber nach wie vor, wie viele Journalisten bei einem Termin anwesend sind.

Interview: Markus Stadtmüller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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