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Das Jahr des Machtwechsels

Politische Fotografie und Karikatur 2005

Machtwechsel - das war 2005 der zentrale Themenbereich, um den die mehr als 1.000 zum Wettbewerb eingereichten Arbeiten aus Fotografie und Karikatur kreisten. In der Ausstellung "Rückblende 2005" werden rund hundert Arbeiten vom 14. März bis 17. April im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen sein.

Kieler Abstimmungsmarathon: Heide Simonis und Peter Harry Carstensen

Das beste politische Foto des Jahres 2005 zeigt einen strahlenden Sieger und eine ratlose Verliererin. Es kommt nicht aus der Hauptstadt Berlin, sondern aus der Provinz, aus Kiel. Das Bild des Fotografen Christian Langbehn bekam den 1. Preis beim Fotowettbewerb "Rückblende", weil es von der Macht und vom Wechsel erzählt und damit das politische Thema dieses Jahres am eindrucksvollsten auf den Punkt gebracht hat: Machtwechsel.

Abgewählt: Gerhard Schröder am Tag der Kanzlerinnenwahl

Im Vordergrund sieht man, etwas verschwommen, den triumphierenden CDU-Politiker Peter Harry Carstensen. Der Bär von der Waterkant kneift lachend die Augen zusammen und freut sich. Dahinter ist, scharf im Bild, weil der Fotograf sie ins Visier genommen hat, Heide Simonis zu sehen. Vier vergebliche Anläufe hat die SPDMinisterpräsidentin am 17. März unternommen, um wieder die Mehrheit der Stimmen im Kieler Landtag zu bekommen. Ein Sozialdemokrat hat ihr hinterrücks die Gefolgschaft verweigert und sie politisch gemeuchelt. Nun sitzt sie, umringt von ratlosen Genossinnen, an ihrem Platz und weiß, dass es aus ist. Triumph und Verzweiflung, Sieg und Niederlage, Verrat und Enttäuschung - alle emotionalen Zutaten für ein großes Königsdrama sind in diesem Bild vereint.

An jenem 17. März 2005 begann an der Kieler Förde das Ende von Rot-Grün. Deshalb könnte das Foto auch in das bundesdeutsche Geschichtsbuch wandern.

Spitze Krallen und ausgerupfte Federn: Der Kampf ums Kanzleramt, Frank Hoppmann, 2. Preis Karikatur

Während es in Kiel entstand, saßen SPD-Kanzler Gerhard Schröder, Joschka Fischer, Angela Merkel und Edmund Stoiber im Berliner Kanzleramt beisammen, um über einen "Jobgipfel" zu reden. Schröders Büroleiterin Sigrit Krampitz kam herein und sagte: "Das Ergebnis des vierten Wahlgangs ist dasselbe wie das Ergebnis des dritten Wahlgangs." Allen Beteiligten war klar, was dies bedeutete. Leider war kein Fotograf dabei. Vielleicht hätte er das Bild des Jahres geschossen: Schröder und Fischer erstarrt, Angela Merkel vergnügt in sich hineinkichernd, Stoiber: "Ein guter Tag für die Union" murmelnd. Später wird Schröder sagen, er habe an diesem Nachmittag des 17. März - also Wochen vor der verlorenen NRW-Wahl - zum ersten Mal an Neuwahlen gedacht.

Den zweiten Preis bekam Wolfgang Truckenbrodt für einen Schnappschuss aus dem Bundestag. Im Bildmittelpunkt steht Gerhard Schröder. Aber Schröder ist nicht mehr der Mittelpunkt der Szene. Es ist der Tag der Kanzlerinnenwahl. Der Fotograf hat einen Moment erwischt, an dem sich fast alle Umstehenden von dem soeben noch mächtigen Amtsinhaber abgewandt haben. Sie sind mit irgendwelchen Dingen beschäftigt - aber nicht mehr mit Schröder. Während er, breitbeinig, fest, aber etwas verloren, dort steht, nähert sich die Nachfolgerin Merkel:

Du bist Ronaldo: 3. Platz Karikatur, Gerhard Mester

Ihre Konturen sind noch unscharf, aber man weiß, dass sie gleich in den Mittelpunkt treten und die mächtigste Frau in Deutschland sein wird - es ist ein stilles, fast melancholisches Bild vom Machtwechsel.

Den dritten Preis erhielt die französische Fotografin Laurence Chaperon für eine Momentaufnahme. Sie rundet die Geschichte ab. Angela Merkel tritt ihre erste Auslandsreise an. Sie wird zum ersten Mal mit der Kanzlermaschine fliegen. Gerade ist sie aus der Kanzlerlimousine gestiegen. Sie hat den Kopf zurückgelegt, sie lächelt die Fotografin an, und dieses Lächeln - von Frau zu Frau - sagt: Siehst du, ich bin am Ziel.

Spitze Krallen und ausgerupfte Federn: Der Kampf ums Kanzleramt, Frank Hoppmann, 2. Preis Karikatur

Unter den Sonderpreise, die die Jury für besonders „scharfes Sehen“ vergab, ist jenes Foto besonders bemerkenswert, das den Privatmann Gerhard Schröder zeigt. Entspannt, mit offenem Hemd, beugt er sich daheim über den Gartenzaun, an dem ein älteres Fahrrad lehnt. Ein Blick in die Zukunft? Man glaubt, den Pensionär Schröder vor sich zu haben, der still vergnügt in seinem Reihenhaus lebt, gelegentlich Fahrrad fährt, und vielleicht seine Memoiren schreibt. Inzwischen weiß man, dass dies nicht stimmt. Schröder denkt gar nicht daran, sich ins Privatleben zurückzuziehen. Er strotzt vor Unternehmungslust: Ringier-Berater, Gasprom- Aufsichtsrat, Buchautor - und am liebsten alles auf einmal. Von wegen Gartenlaube. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, gehört auch dieses Foto zum Wahljahr 2005: Es ist echt, aber es vermittelt ein falsches Bild.

Hartmut Palmer

Gelassener Ruheständler auf Abruf: Gerhard Schröder vor seinem Reihenhaus in Hannover

 

Bundeswehr am Hindukusch: 1. Preis Karikatur, Reiner Schwalme

Der Autor ist seit 1983 politischer Redakteur beim SPIEGEL.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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