Die Geschichte des Palais
Schaumburg |
| Jahrzehntelang war
das Palais Schaumburg die politische Schaltzentrale
der Bundesrepublik. In der ehemaligen Fabrikantenvilla
üben von 1949 bis 1976 alle Bundeskanzler ihre
Amtsgeschäfte aus. Danach dient das Palais vor
allem repräsentativen Zwecken. Ab dem Frühjahr
präsentiert eine Ausstellung in den historischen
Räumen die Geschichte und Bedeutung des Gebäudes.
Der Textilkaufmann Wilhelm Loeschigk kauft 1860 ein
im Rohbau befindliches Haus und baut es zur repräsentativen
Villa aus. Den heute noch geläufigen Namen erhält
das Haus nach 1890, als es in den Besitz des Prinzen
Adolf zu Schaumburg-Lippe und seiner Frau Prinzessin
Victoria, einer Schwester Kaiser Wilhelms II., übergeht.
Der Prinz erweitert das Gebäude um zwei Flügel
und stattet es mit kostbaren Kunstwerken und Möbeln
aus. Das Palais bildet einen würdevollen Rahmen
für zahlreiche Festivitäten und Kaiserbesuche.
Der Erste Weltkrieg bringt einen Einschnitt. Kanadische
und englische Soldaten besetzen nach Kriegsende einen
Gebäudeflügel. |
 |
| Stilmöbel
aus einem Kölner Einrichtungs-
haus und antike Stücke - Adenauer
in
seinem Arbeitszimmer |
|
| Nach ihrem Abzug verkauft Victoria das
Palais für 700.000 Mark an den letztregierenden
Fürsten Adolf zu Schaumburg-Lippe in Bückeburg
und sichert sich ein Wohn- und Nutzungsrecht. 1929
muss sie jedoch ausziehen, nachdem sie sich hoch verschuldet
hat und das gesamte Inventar des Palais versteigert
wird. Im Palais entstehen Mietwohnungen und gewerbliche
Büros, bis 1939 das Deutsche Reich das Anwesen
erwirbt und hier militärische Dienststellen einquartiert.
Von 1945 bis 1949 nutzen britische und belgische Soldaten
das Palais.
Bereits eine Woche nach seiner Kanzlerwahl am 15.
September 1949 bittet Adenauer beim britischen Generalmajor
Bishop um möglichst rasche Freigabe des Palais
Schaumburg. |
 |
| Aktenstudium:
Ludwig Erhard mit seiner
Sekretärin im Palais Schaumburg,
1966 |
|
| Sein provisorisches Büro im Museum
Koenig will er schnellstens verlassen, da er sich
zwischen "Affen und Giraffen" unwohl fühlt.
Am 3. November ist es soweit: Die belgische Fahne
über dem Palais Schaumburg wird eingezogen. Zwei
Tage später bestimmt Konrad Adenauer das Palais
zu seinem Dienstsitz und zieht bereits am 25. November
ein.
Mit den erforderlichen Renovierungsarbeiten beauftragt
Adenauer den Düsseldorfer Architekten Hans Schwippert.
Ihre Vorstellungen über die Gestaltung des Palais
sind jedoch sehr unterschiedlich: Während Schwippert
nach modernen Ausdrucksformen sucht, will Adenauer
möglichst viel vom Alten retten. Im Spätsommer
1950 trennt sich der Kanzler von Schwippert. Dessen
markanteste Neuerungen, die überdachte Vorfahrt
und die Treppe im Foyer, findet er "schrecklich".
Die Treppe meidet er und nutzt stattdessen den hinteren
Aufstieg aus dem 19. Jahrhundert, um in sein Arbeitszimmer
im ersten Stock zu gelangen. Diesen Raum, den anschließend
auch seine Amtsnachfolger von Ludwig Erhard bis Helmut
Schmidt nutzen, gestaltet Adenauer nach seinem Geschmack:
Stilmöbel aus einem Kölner Einrichtungshaus,
daneben einige antike Stücke und an den Wänden
Landschaftsbilder aus dem 17./18. Jahrhundert. |
 |
| Adenauer
mit Kardinal Testa
beim "Boccia" im Park des
Palais |
| |
 |
| Der Kanzlerbungalow
von Sep Ruf
im Garten des Palais Schaumburg |
|
| Er liebt einen wohlgeordneten Tagesablauf
und lässt mehrere Uhren in seinem Arbeitszimmer
aufstellen. Die große Standuhr gegenüber
von seinem Schreibtisch zieht er jeden Morgen persönlich
auf.
Gern geht Adenauer nachmittags im Park spazieren,
häufig in Begleitung seines Mitarbeiters Hans
Globke. Der passionierte Boccia-Spieler Adenauer lässt
sich hier 1960 eine Boccia-Bahn anlegen. Er schätzt
die zerstreuende Wirkung dieses Spiels, weil es, "ohne
übermäßig den Verstand zu belasten,
große Aufmerksamkeit erfordert und gute Nerven."
In einem Seitenflügel hat der Kanzler eine kleine
Privatwohnung, für die er auch Miete zahlen muss.
Zwar übernachtet er hier nicht, sondern lässt
sich jeden Abend in sein Haus nach Rhöndorf fahren.
Dennoch heißt es in seinem Personalausweis:
"Wohnort und Wohnung: Bonn, Haus Palais Schaumburg."
|
 |
| Kabinettsitzung
unter der Platane, die
bereits Wilhelm Loeschigk gepflanzt hat,
1967 |
|
| Als Ludwig Erhard 1963 ins
Kanzleramt einzieht, benutzt er das Arbeitszimmer
des "Alten" nahezu unverändert weiter.
Ansonsten aber pflegt er einen eigenen Arbeitsstil.
So bevorzugt er etwa das persönliche Gespräch
mit Mitarbeitern gegenüber dem Aktenstudium und
scheint sich wenig um die Mahnung gekümmert zu
haben, die ihm Adenauer mit auf den Weg gegeben hatte:
"Herr Erhard, in diesem Amt werden Sie ein schlechtes
Gewissen haben: Sie werden nie all die Dinge lesen,
die Sie eigentlich lesen müssten." Außerdem
hebt der Zigarren-Liebhaber - wenig überraschend
- das von Adenauer verhängte Rauchverbot am Kabinettstisch
auf. |
| Während Kurt Georg Kiesinger ebenfalls
auf Veränderungen im Kanzler-Arbeitszimmer verzichtet,
sorgt Willy Brandt für vorsichtige Modernisierungen:
Schreibtisch und Sitzgruppe werden erneuert. Erst
Helmut Schmidt gibt dem Zimmer einen anderen Stil,
indem er riesige Bücherregale aufstellen lässt
und die alten Gemälde durch Bilder von Chagall
und Nolde ersetzt. 1976 verlässt er das "stilvolle
Arbeitsmuseum" und zieht mit seinem Amt in den
benachbarten Neubau um. |
 |
| Helmut
Schmidt an seinem Schreibtisch
im Palais Schaumburg, 1976 |
|
| Die Planungen für den Neubau haben
bereits Ende der 1960er Jahre begonnen. Denn die baulichen
Mängel - veraltete Technik, das Fehlen von Konferenz-
und Besprechungsräumen sowie die geringe Anzahl
von Büroräumen - traten schon zu Adenauers
Zeiten zu Tage.
Nach dem Umzug des Kanzleramtes nutzen die Kanzler
Helmut Schmidt und Helmut Kohl das Palais Schaumburg
weiterhin für repräsentative Zwecke, etwa
den Empfang von Staatsgästen, aber auch für
internationale Konferenzen oder Vertragsunter-
zeichnungen. Zweimal fungiert es als Ministersitz:
1986 nimmt der erste Bundesumweltminister Walter Wallmann
hier seine Tätigkeit auf. |
 |
| Vor einem
Gemälde von Tintoretto - Willy
Brandt an seinem Arbeitsplatz, 1971 |
|
| Über ein Jahr lang residieren Wallmann
und sein Nachfolger Klaus Töpfer im Palais, bevor
dieser dann in ein größeres Gebäude
umzieht. Nach der Wiedervereinigung 1990 haben die
fünf Sonderminister hier für einige Monate
ihren Arbeitsplatz.
Bundeskanzler Gerhard Schröder nutzt das Palais
Schaumburg nur kurze Zeit, bevor er 1999 mit der Regierung
nach Berlin zieht. Das Palais Schaumburg wird sein
Dienstsitz Bonn und damit auch wieder Arbeitsstätte
für vierzig Mitarbeiter des Kanzleramts. Welche
Rolle das Palais unter Kanzlerin Angela Merkel spielt,
wird die Zukunft zeigen. |
 |
| Weltwirtschaftsgipfel
1978 - Bundes-
kanzler Helmut Schmidt führt die
Staats-
und Regierungschefs durch den Park des
Palais Schaumburg. |
|
Judith Koppetsch |
| Die Dauerausstellung
wird im Frühjahr 2006 eröffnet. Ein Besuch
der Ausstellung ist für angemeldete Gruppen täglich
möglich. Anmeldungen beim Besucherdienst des
Hauses der Geschichte
| Tel.: |
02 28/91 65-4 00 (Mo–Fr) |
| Fax: |
02 28/91 65-3 02 |
| E-Mail: |
besucher@hdg.de |
Zwecks einer Sicherheitsüberprüfung durch das
Bundeskanzleramt benötigen wir nach einer Anmeldung
eine Liste mit Namen, Vornamen, Geburtstag und Geburtsort
der Teilnehmer, die zwei Wochen vor dem gewünschten
Termin bei uns vorliegen muss. Für Einzelbesucher
ist der Besuch des Palais Schaumburg zur Zeit leider nicht
möglich. |
| |
 |