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Rolling Stones für Ost-Berlin

Fotos von einem Konzert, das nie stattfand

„Rock! Jugend und Musik in Deutschland“ ist eine lebendige Ausstellung. Sie ist von Station zu Station gewachsen. Nicht nur deshalb, weil in Bonn und Berlin mehr Ausstellungsfläche zur Verfügung stand, sondern auch, weil ihre Besucher die dort gezeigte Geschichte aktiv „weiter geschrieben“ haben. So manch einer ist beim Kramen in Jugenderinnerungen fündig geworden und hat Dokumente und Objekte zu Tage gefördert, die bisher unbekannt waren.

Angeregt durch die Ausstellung meldete sich Bernd Woick aus Jessen in Sachsen-Anhalt bei uns. Er hatte ein legendenumwobenes Ereignis aus der Rockgeschichte der DDR fotografiert: das vermeintliche Konzert der Rolling Stones auf dem Springer-Hochhaus. Im Herbst 1969 sorgte unter Jugendlichen und der Staatssicherheit ein Gerücht für große Aufregung in der DDR. Ein Moderator des RIAS hatte aus Jux in der auch in der DDR viel gehörten Rocksendung RIAS-Treffpunkt verkündet, die Rolling Stones würden am 20. Gründungstag der DDR an der Berliner Mauer ein Live-Konzert geben, und zwar auf dem Dach des Springer- Hochhauses, wo alle ihre ostdeutschen Fans sie sehen und hören könnten. Ausgerechnet die Stones, die „bösen Buben“ des Rock. Seit ihrem legendären Konzert in der Waldbühne 1965 in West-Berlin, bei dem das gesamte Mobiliar der Open-Air-Arena zu Bruch ging, hatten die SED-Funktionäre sie als Wurzel allen Übels verdammt, das vom Westen her „ihre Jugend“ in der DDR verdarb. Das hatte jedoch den Wert der Gruppe bei den ostdeutschen Jugendlichen nur noch gesteigert.

Und auch wenn die fieberhaft recherchierenden V-Männer der Stasi in West-Berlin bald ermitteln konnten, dass es reine Erfindung sei, trafen sie intensive polizeiliche Vorbeugungsmaßnahmen, um die Jugendlichen von der Mauer fernzuhalten. „Auffällige Jugendliche“, weil langhaarig und als Stones- Fans bekannt, wurden überall in der DDR für diesen Tag mit Berlin-Verbot belegt. Manche wurden sogar „vorsorglich“ verhaftet. Dennoch reisten am 7. Oktober 1969 über tausend Jugendliche aus allen Bezirken an, um an dem erhofften Spektakel teilnehmen zu können. Die DDR-Sicherheitskräfte hatten die Leipziger Straße, vis-a-vis des Springer-Hochhauses, weiträumig mit Polizeiketten und Hundestaffeln abgeriegelt. Es kam zu Rangeleien und handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Rockfans. 383 Jugendliche wurden verhaftet, weitere 621 erkennungsdienstlich erfasst. Viele von ihnen wurden strafrechtlich verfolgt und verloren später ihren Ausbildungsplatz oder mussten die EOS (Erweiterte Oberschule) beziehungsweise die Universität verlassen.

Bekannte DDR-Schriftsteller wie Heiner Müller und Ulrich Plenzdorf haben dieses Ereignis in Bühnenstücken („Wolochamsker Chaussee V“) und Erzählungen („Kein runter, kein fern“) literarisch verarbeitet. In den Stasiarchiven füllt es viele Meter Akten, doch Fotos existierten bisher keine davon.

Bernd Woick, der heute als Rechtsanwalt arbeitet, war damals ein junger Absolvent der Landwirtschaftshochschule in Berlin. Er hat die Ansammlung der Jugendlichen auf der Leipziger Straße mit versteckter Kamera dokumentiert – bis zu dem Zeitpunkt, als die Volkspolizei sie gewaltsam auseinander trieb und Verhaftungen durchführte. Er hatte Glück und konnte rechtzeitig mit seinem Fotoapparat in der Menge untertauchen. In der Rockausstellung erinnerte er sich an das Ereignis und seine Bilder. Dank seines Mutes können wir nun bei der Präsentation der Ausstellung im Berliner Kronprinzenpalais, nur wenige hundert Meter vom Ort des historischen Geschehens entfernt, der Öffentlichkeit erstmals davon Fotografien zeigen!

Bernd Lindner

 
 
 
 

Bernd Woick war mit seiner Kamera am 7. Oktober 1969 in Ost-Berlin mitten unter den Jugendlichen, die von der Polizei verfolgt wurden, als sie an einem Stones- Konzert teilnehmen wollten. Das Bild links zeigt das Springer-Hochhaus an der Mauer, abgeriegelt von Polizeiketten.

 
 

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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