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„Absolute Sicherheit gibt es nur im Himmel“

Interview mit Norbert Blüm

Als Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung gehörte Dr. Norbert Blüm (CDU) für die gesamte Dauer der Kanzlerschaft Helmut Kohls – 1982 bis 1998 – dem Bundeskabinett an. Er stand der nach ihm benannten Rentenkommission vor, die Vorschläge zur Fortentwicklung der Rentenversicherung erarbeitete. Nach wie vor befürwortet er ein umlagefinanziertes Rentensystem, zu dem 1957 die Grundlagen gelegt wurden.

mm Welchen Stellenwert schreiben Sie der großen Rentenreform von 1957 zu?

Blüm Die Entwicklung des Wohlstandes der Alten wird an die Entwicklung des Wohlstandes der Jungen geknüpft: Das ist die Weichen stellende Idee der Rentenreform von 1957. In der Umlagefinanzierung wird der Rentenanspruch der Alten an das Maß der Solidarität geknüpft, das die Jungen für die Alten aufgebracht haben. Damit verbindet sich die Selbstvorsorge mit der Mitvorsorge für die vorhergehende Generation – das ist die geniale Moralität der großen Rentenreform.

mm Welche Bedeutung hatte die Rentenpolitik Adenauers für die junge Demokratie im Nachkriegsdeutschland?

Blüm Der Zusammenhalt der Generationen wurde durch die Überwindung der Altersarmut gestärkt. Sie hat uns in der historischen Entwicklung immer begleitet. Mit der Rentenreform 1957 begann ein neuer Abschnitt, mit dem Altersarmut zu einer Rechtsgröße – aber nicht zum Altersschicksal – wurde.

mm Existenzminimum sichern oder Lebensstandard erhalten – dies ist auch Thema der aktuellen Diskussion. Inwiefern waren die Ziele der Rentenreform Adenauers an die Epoche des Wirtschaftswunders gebunden?

Blüm Die Frage, ob der Sozialstaat sich auf eine Existenz sichernde Fürsorge beschränken soll oder auch dem Prinzip der Leistungsgerechtigkeit verpflichtet ist, stellt sich immer und ist von der Wirtschaftsentwicklung unabhängig. Soll der Sozialstaat sich nur um die Ärmsten kümmern als Fürsorgestaat? Dann muss er auch prüfen: Bist du reich oder bist du arm – Harz IV hat das ja vorgemacht. Oder hat es der Sozialstaat mit Leistungsgerechtigkeit zu tun? Dann erhält derjenige, der mehr und länger Beiträge gezahlt hat, eine höhere Rente.

mm Gab es angesichts der materiellen Nöte der Rentenempfänger vor 50 Jahren eine Alternative zum Umlageverfahren?

Blüm Nein – so wenig wie 1990 bei der Deutschen Einheit. 1957 hätte kein Kapitaldeckungsverfahren die Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen in eine Alterssicherung integrieren können. Und 1990 hätte solch ein System auch keine vier Millionen Rentner über Nacht in die deutsche Renteneinheit mit einbeziehen können.

mm Gab es den so genannten Generationenvertrag 1957 mehr als heute?

Blüm Einen Vertrag im rechtlichen Sinne gab es nie. Aber Solidaritätspflichten zwischen den Generationen gibt es seit Adam und Eva. Ohne die Sorge der Generationen füreinander hätte die Menschheit weder das Neandertal verlassen noch die Eiszeit überlebt.

mm Wie reagieren Sie, wenn Sie immer wieder auf Ihre Aussage „Die Renten sind sicher“ angesprochen werden – wie auch am Schluss dieses Interviews?

Blüm Sauer. Weil ich hinter dem Spott, mit dem diese Aussage überschüttet wird, die Raffinesse gewiefter Lobbyisten vermute. Absolute Sicherheit gibt es nur im Himmel. Hier gibt es aus meiner Sicht nichts Sichereres als ein umlagefinanziertes Rentensystem.

Interview: Magdalena Zeller

 

Wahlplakat der SPD zur Bundestagswahl 1957 – dem Jahr der großen Rentenreform

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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