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Mit mehr als 75.000
Blättern besitzt das Haus
der Geschichte eine der
größten Sammlungen von
Originalkarikaturen zur
deutschen Zeitgeschichte.
Die Bestände werden jetzt
in der Karikaturengalerie
im ehemaligen Pavillon
des Bundespresse- amts,
gegenüber dem Haus der
Geschichte an der Willy-Brandt-Allee untergebracht.
Im Depot lagern neben Einzelblättern auch
Nachlässe von Karikaturisten. Die Sammlung
beherbergt Konvolute von zwölf renommierten
Künstlern, die sich im Foyer der Karikaturengalerie
mit Selbstportraits vorstellen. Bereits
mit dem ersten Bestand kam 1989 ein Highlight
ins Haus: Das Werk von Mirko Szewczuk
(1919–1957), den die Londoner Times in den
1950er Jahren als den „besten Zeichner der
Bundesrepublik“ feierte.
In den Ausstellungsräumen der Galerie sind Karikaturen aus der Sammlung zur Geschichte
der Bundesrepublik zu sehen. Eine „Adlergalerie“ bildet den Auftakt. Das Wappentier
ist ein weit verbreitetes Symbol für
Deutschland. Vom Doppeladler als Metapher
für die deutsche Teilung bis zum Bundesadler,
der kraftvoll die Berliner Mauer durchbricht
– die ausgewählten Arbeiten belegen Kontinuität
und Wandlungsfähigkeit dieses Motivs
sowie die Kreativität der Zeichner.
Politisches Entscheidungszentrum der
Bundesrepublik war in den ersten fünf Jahrzehnten
die Bundeshauptstadt Bonn. Karikaturen
erinnern an die Entscheidung für Bonn
1949, die Auseinandersetzung um den Ausbau
des Provisoriums in den 1950er und 1960er
Jahren sowie die Bonn-Berlin-Diskussion
1991 nach der Vereinigung. Die politischen
Zeichnungen werden im Schaufenster der Galerie
gezeigt. So sind sie von außen sichtbar
und ermöglichen den Betrachtern den direkten
Bezug zum ehemaligen Regierungsviertel.
Ein Panorama deutscher Zeitgeschichte
Im Zentrum der Ausstellung steht eine
Chronik der Bundesrepublik. Karikaturen
kommentieren von 1949 bis 2007 Jahr für
Jahr schlaglichtartig politische Ereignisse.
Sie zeichnen ein Panorama deutscher Zeitgeschichte
und ermöglichen auch Einblicke in
Aspekte der Geschichte der Karikatur. In den
ersten zwei Jahrzehnten bundesdeutscher Geschichte
unter den CDU-Bundeskanzlern Konrad
Adenauer, Ludwig Erhard und Kurt Georg
Kiesinger waren Wahlkämpfe und Regierungsbildungen,
Westintegration, deutsche Frage
sowie die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit
zentrale Themen der Karikaturisten. Neben ihrer
Funktion als analytische Bildkommentare
zum Zeitgeschehen stehen Karikaturen im Kalten
Krieg als agitatorisch-propagandistische
Bilder zwischen West und Ost. Die DDR feuerte
Propagandamaterial gegen die verhasste
West-Regierung mit Raketen über die Grenze.
Der „Bonner Militarist“ mit Ordensspangen
und Hakenkreuz war ein immer wieder angewandtes
Stereotyp, um die Bundesrepublik als
Erben des „Hitler-Faschismus“ zu brandmarken.
Auch der Westen blieb nicht untätig und
schleuste Schriften wie die Satire-Zeitschrift
„Tarantel“ mit Zeichnungen gegen die „rot lackierten
Faschisten“ illegal in die DDR.
Verschärfte Bildsprache
1969 begann die Ära sozialdemokratischer
Bundeskanzler. Die Auseinandersetzung über
Willy Brandts Entspannungspolitik wurde auch
von Karikaturisten mit großer Schärfe geführt.
Vor allem die Zeitungen und Zeitschriften des
Springer-Konzerns und ihr Karikaturist Wolfgang
Hicks attackierten die neue Regierung.
Im Zuge der Studenten- und Protestbewegung
kam es zu einer Verschärfung der Bildsprache
und zu Tabubrüchen. Gerichte mussten immer
häufiger die Grenze zwischen Pressefreiheit
und Persönlichkeitsrecht ziehen.
Brandts Nachfolger Helmut Schmidt wurde
häufig als Lotse karikiert, der das Staatsschiff
Bundesrepublik durch unruhige Gewässer
lenkt: Haushaltsdefizit und Massenarbeitslosigkeit,
Wachstumsgrenzen der Wirtschaft
und des Sozialstaates, Energiekrise und Umweltverschmutzung.
Die Probleme der 1970er
und 1980er Jahre blieben bis in die Gegenwart
aktuell.
Karikatur in der Ära Kohl
Waren die Karikaturen in den 1970er Jahren
vielfach kämpferisch, so gab es in den
1980er Jahren andere Ansätze: Satire diente
in erster Linie der Unterhaltung, nicht der
Belehrung. Die neue Puppensatire „Hurra
Deutschland“ erreichte mit ihrer Gallionsfigur
Bundeskanzler Helmut Kohl, der als tollpatschiger,
provinzieller und träger Machtmensch
karikiert wurde, hohe Einschaltquoten. Kohl
als „Birne“ und Außenminister Genscher als
Supermann „Genschman“ wurden Hauptdarsteller
satirischer Comic-Serien.
1989 markierte der Fall der Mauer eine
Zäsur. Helmut Kohl wurde zum „Kanzler der
Einheit“. Die deutsche Einheit und das Zusammenwachsen
der beiden deutschen Teilstaaten
waren die zentralen Themen von Karikaturisten
im In- und Ausland. Als mit dem Umzug
von Regierung und Parlament nach Berlin
1999 die „Bonner Republik“ endete, rückte
Berlin ins Visier der Karikaturisten.
Neben gezeichneten und gemalten Karikaturen
sind in der Ausstellung auch „Plastikaturen“
zu sehen. Der Karikaturist Burkhard
Mohr arbeitet nicht nur mit Papier und Feder.
Als Bildhauer schmiedet er „Grotesken“, wobei
es sich um Portraits von Angela Merkel, Gerhard
Schröder, Helmut Kohl oder anderen Prominenten
handelt. Die Bundeskanzler bleiben
auf diese Weise im Regierungsviertel präsent.
Ulrich Op de Hipt
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