|
Latexschaum heißt der Satire in der Spaßgesellschaft
Stoff, aus dem man Politiker
macht. Ob Helmut Kohl,
Gerhard Schröder oder
Angela Merkel – sie alle
sind nicht aus einem besonderen
Holz geschnitzt,
sondern aus Kunststoff
gespritzt und übernahmen
im Herbst 1988 erstmals
Hauptrollen in der satirischen
Fernsehpuppenserie
„Hurra Deutschland“.
Vorbild der Sendung war die englische
Fernsehsatire „Spitting Image“ (übersetzt:
„wie aus dem Gesicht geschnitten“). Die
Sendung kreuzte die Technologie der „Muppets“-
Puppen mit einem satirischen Ansatz:
Lebensgroße Figuren trugen die karikierten
und plastizierten Gesichter von Prominenten
und kommentierten in kurzen Sketchen das
Zeitgeschehen.
Den schwarzen Humor dieser Serie, die
das Inselpublikum in entzückte Fans und erklärte
Feinde spaltete, übernahmen die Macher
in der Bundesrepublik nicht. Sie befanden
ihn als zu brutal und blutig für das deutsche
Publikum. So erschien in einem Sketch der
englischen Serie die damalige Premierministerin
Margaret Thatcher beim Friseur mit den
Worten: „Machen Sie einen Schnitt, den die
Welt lieben wird“. Der Friseur zögerte nicht
und schnitt ihr den Kopf ab.
Politik als Entertainment
Die deutsche Variante fiel gemäßigter aus,
stimmte aber in der grundsätzlichen Zielsetzung
überein. Die Satire wollte nicht belehren,
sondern in erster Linie unterhalten. Privates
und Skandalöses prägten die Sketche. Dabei
standen die Politiker mit ihren Charaktereigenschaften,
ihrer Mimik, Gestik und Sprache
im Zentrum der Satire. Die Sendung spiegelte
die veränderte politische Kultur dieser Zeit wider,
in der medial inszenierte Emotionen und
Unterhaltung immer mehr Bestandteil der Politik
selbst wurden und sich die Auseinandersetzung
über politische Sachverhalte auf das
Urteil über Personen reduzierte. Die Personalisierung
und Privatisierung der Politik, die
Verbindung von Argument und Entertainment
zum Politainment, fanden in der Fernsehserie
ein Pendant.
Die Fernsehsatire wurde anfangs als familienfreundliche
Muppets-Show mit Politikergesichtern
belächelt und wegen ihres als zu
seicht empfundenen Humors kritisiert. Erst als
die „Hurra-Deutschland“-Puppen 1990 im politischen
Magazin „ZAK“ auftraten, gewannen die
Sketche an Schlagkraft und politischer Schärfe.
Die Gummipolitiker wurden fester Bestandteil
des Magazins und dessen Nachfolgesendung
„Privatfernsehen“. Als die Sendung 1998 abgesetzt
wurde, verschwanden zunächst auch die
Puppen vom Bildschirm. Sie erlebten aber 2002
ein großes Comeback, als der Stimmen-Parodist
Elmar Brandt die Gummipuppen in einem Videoclip
zu seinem „Steuersong“ einsetzte, einer
Veralberung der Schröderschen Steuerpolitik:
„Gummi-Kanzler“ Gerhard Schröder wurde die
Nummer eins der Hitparade.
Ulrich Op de Hipt
|
 |
|
Helmut Kohl dominierte auch
die satirischen Fernsehserien.
|
| |
 |
|
Die Hauptdarsteller der Satire-Sendung „Hurra Deutschland“:
Puppen von Oskar Lafontaine,
Willy Brandt, Helmut Kohl,
Gerhard Stoltenberg, Hans-Jochen Vogel und Hans-Dietrich
Genscher (v.l.)
|
| |
 |
|
Nahm auch am Vorentscheid
zum europäischen Schlager-Grand-Prix 2003 teil: Elmar
Brandt mit Puppe Schröder und seinem „Steuersong“
|
| |
|