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Ausgewählt

 
In der Rubrik "Ausgewählt" stellen Prominente ein Exponat vor, mit dem sie persönliche Erinnerungen verbinden.
 

„Am Ufer des Großen Selentschuk“

Michail Gorbatschow über das „Kaukasus-Gestühl“

Auf diesen Sitzen, an diesem Tisch wurde Weltgeschichte geschrieben. Die Gespräche am 15./16. Juli 1990 im Kaukasus zwischen dem damaligen sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow und Bundeskanzler Helmut Kohl machten den Weg zur deutschen Einheit frei: Die Sowjetunion billigte einem vereinten Deutschland die volle Souveränität und die freie Wahl der Bündniszugehörigkeit zu.

mm Welche Erinnerungen verbinden Sie mit den Gesprächen im Kaukasus?

Gorbatschow Das Treffen im Kaukasus bildete die abschließende Etappe der Verhandlungen zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik Deutschland. Helmut Kohl kam am 15. Juli 1990 an der Spitze einer großen Delegation nach Moskau. Wir wollten endgültig den ganzen Fragenkomplex abstimmen, der mit der Wiedervereinigung Deutschlands zusammenhing. Am Abend desselben Tags flogen wir in den Nordkaukasus, meine Heimat. Die emotionale Stimmung während der Reise stärkte auch unsere politische Zusammenarbeit. Zu einer Foto-Ikone wurde die bekannte Fotografie jener Tage: Am Ufer des Großen Selentschuk sitzen wir am Wasser auf großen Baumstämmen um einen Tisch.

mm War zu jenem Zeitpunkt irgendeine Alternative zur Vereinigung Deutschlands und zur Mitgliedschaft des bereits vereinigten Deutschlands in der NATO denkbar?

Gorbatschow Bereits nach dem Rücktritt Erich Honeckers hatte ich ein Gespräch mit seinem Nachfolger Egon Krenz. Ich ging davon aus, dass die neue Führung der SED die Situation unter Kontrolle halten könne und mit Reformen eine schrittweise Annäherung der DDR und der Bundesrepublik möglich machen würde. Doch die sich verschärfende politische Situation forcierte den Prozess. Die entscheidende Rolle spielten die friedlichen Massendemonstrationen in der DDR, deren Teilnehmer die sofortige Wiedervereinigung verlangten. Verantwortungsvolle Politiker konnten über diese Willensäußerung nicht hinweghören.

Die Mitgliedschaft des vereinigten Deutschlands in der NATO wurde im Frühjahr 1990 ziemlich scharf diskutiert. Aus unserer Sicht gab es verschiedene Optionen bis hin zu einer Neutralität Deutschlands oder zu seinem gleichzeitigen Beitritt zur NATO und zur Organisation Warschauer Pakt. Doch in letzter Instanz gewährten wir dem vereinigten Deutschland die Souveränität; gemeinsam mit den früheren Verbündeten im Zweiten Weltkrieg erkannten wir gleichzeitig sein Recht an, Mitglied jedes möglichen Bündnisses zu sein.

mm Haben Sie damals realisiert, dass während der Verhandlungen an diesem Tisch Weltgeschichte geschrieben wird?

Gorbatschow Ja, natürlich. Wir begriffen, dass unsere Anstrengungen, unsere damaligen Entscheidungen nichts mit Routinediplomatie zu tun hatten. Im Kern verwirklichten wir das, was das Leben selbst verlangte. Für die wichtigsten Helden der Wiedervereinigung halte ich das deutsche und russische Volk. Die einen äußerten nachhaltig ihren Wunsch nach Einheit, die anderen verhielten sich demgegenüber verständnisvoll.

mm Wie gelangten Holztisch und Stühle in das Haus der Geschichte nach Bonn?

Gorbatschow Meine Frau Raissa rief den damaligen Führer der Republik Karatschai-Tscherkessien, Wladimir Chubiew, an und leitete die Bitte des Museums weiter, zwei Stühle für die Dauerausstellung abzugeben. Er erklärte sich schließlich damit einverstanden, wenn auch ungern: Es stellte sich nämlich heraus, dass die Mehrheit der Touristen, die nach Karatschai-Tscherkessien kommen, unbedingt jenen Ort besuchen und die malerischen Holzmöbel sehen wollen.

Interview: Magdalena Zeller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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