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Lipsi statt Elvis?

Per Gesetz gegen die „westliche Dekadenz“

Das Abbild des „neuen Menschen“ sollte in der DDR-Kultur deutlich werden. Rock ’n’ Roll und aufmüpfige Jugendliche passten da nicht ins Bild. Vor 50 Jahren beschnitt die SED-Führung den Anteil westlicher Musik auf Tanzveranstaltungen und in Musikprogrammen.

Dass sich die Jugend in der DDR in den Bereichen Musik und Mode ausgerechnet am „kapitalistischen Klassenfeind“, den USA und der Bundesrepublik, orientierte, stieß von Anfang an auf Ablehnung der SED-Parteiführung. Im Westen wie im Osten erregten Rock ’n’ Roll und Jeans Aufsehen, Kopfschütteln und Ablehnung bei der älteren Generation. In der DDR kam eine ideologische Komponente hinzu: Amerikanische Tanzmusik galt als „Gift des Klassenfeindes“, das die Jugend verderben würde. Wo jedoch vordergründig auf die „imperialistische Massenkultur“ geschimpft wurde, ging es in Wirklichkeit um die Angst der Funktionäre, einem zunehmenden Teil der Jugendlichen Freiräume ohne Kontrolle der SED und der Massenorganisationen zu gestatten.

Am 2. Januar 1958 erließ das Ministerium für Kultur (MfK) in Ost-Berlin die „Anordnung über die Programmgestaltung bei Unterhaltungs- und Tanzmusik“, „um in der Gestaltung eines sozialistischen Kulturlebens das Niveau der Unterhaltungs- und Tanzmusik zu heben, Erscheinungen der Dekadenz und des Verfalls zu bekämpfen sowie das Schaffen der Autoren der DDR zu fördern“. Das Gesetz begrenzte den Repertoireanteil westlicher Titel auf Tanzveranstaltungen und in Musikprogrammen aller Art auf maximal 40 Prozent. Tanzmusik sollte künftig hauptsächlich von Komponisten aus der DDR oder „befreundeten Bruderländern” stammen.

Grenzen der Staatsmacht

Kriminalisierung und Verfolgung konnten die Verbreitung von Rock, Jazz und Beat jedoch nicht stoppen.
Staatssicherheit und staatliche Stellen verfolgten die Einhaltung des Gesetzes in unterschiedlicher Intensität; es gelang ihnen kaum, den Musikkonsum der Jugendlichen zu kontrollieren. Der so genannten „60/40-Regelung“ zum Trotz überschritten Veranstalter und Programmverantwortliche in der Praxis die erlaubten 40 Prozent häufig.

Als sich in den 1960er Jahren als Folge des spektakulären Erfolgs der Beatles auch in der DDR zahlreiche Beatgruppen formierten, versuchte die SED-Führung zunächst, diese musikalischen Entwicklungen zu kanalisieren: Im Kontext des Deutschlandtreffens der FDJ 1964 nahm etwa der

Im Lipsi-Schritt: Drei tanzende Paare auf dem Parkett beim Presseball in Ost-Berlin Ende der 1950er Jahre

Kulturveranstaltung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes anlässlich des Karl Marx-Jahres 1953 in Ost-Berlin

Melodien für Millionen.
Das Jahrhundert des Schlagers
9. Mai – 5. Oktober 2008

Die Ausstellung im Haus der Geschichte thematisiert unter anderem die Unterhaltungsmusik in der DDR. Das SED-Regime versuchte auch auf dem Gebiet des Schlagers, den Einfluss westlicher Musik zurückzudrängen.

Jugendsender des DDR-Rundfunks DT 64, der einen hohen Anteil an internationaler Musik spielte, den Betrieb auf. Die staatliche Plattenfirma Amiga veröffentlichte wenige Monate später eine Beatles-LP. Im Herbst 1965 reagierten die Funktionäre auf die wachsende Begeisterung der jungen Menschen mit einem Verbot der Beatmusik und einer harten Repressionswelle gegen ihre Anhänger.

Verordnetes Musikideal

Die Staatsmacht der DDR versuchte auch, der „Dekadenz“ des Westens ein eigenes sozialistisches Musikideal entgegenzusetzen. Wer heute Mitschnitte von offiziellen Kulturprogrammen hört, staunt über die Mischung aus Marschmusik, Arbeiterchorgesang und Wandervogelfröhlichkeit. Gegen die Vorlieben eines Großteils der jungen Leute kam auch der „Lipsi“ nicht an, der als Modetanz 1959 offiziell in der DDR eingeführt wurde. Der konventionelle Paartanz im 6/4-Takt sollte an die Stelle des geächteten Rock ’n’ Rolls treten. Die sozialistische Musikkreation im Lipsi-Schritt entsprach allerdings nicht den Wünschen des jungen Publikums und verschwand innerhalb weniger Jahre wieder „von der Tanzfläche“.

Magdalena Zeller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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