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Der lange Weg zur Einigung

Deutschland und Europa

Seit der Staatsgründung 1949 ist die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland untrennbar mit der europäischen Einigung verbunden. Das Bekenntnis zu Europa, das heute selbstverständlich von den Mitgliedstaaten der Europäischen Union abgelegt wird, hat einen langen Weg hinter sich: Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ der jahrzehntelang andauernde Ost-West-Konflikt und die daraus resultierende Teilung ein gemeinsam handelndes Europa zunächst wie eine bloße Illusion erscheinen.

Erst die Entwicklungen im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Zerfall des Ostblocks nach 1989/90 ließen die Vision eines neuen Europa Realität werden. Im „Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs“ 2008 rückt die historische Verbundenheit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und ihren Nachbarn in den Mittelpunkt des Interesses.
Auch die Europa-Idee hat ihre Geschichte: Schon lange vor dem Ersten Weltkrieg gab es Bestrebungen, die Staaten Europas enger zusammenzuschließen und politisch zu einigen. In der Zwischenkriegszeit war es die „Paneuropa-Idee“, die von zahlreichen europäischen Politikern gefördert wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg sahen die Bedingungen für die Europa-Bewegung allerdings zunächst katastrophal aus.

Aufgezwungene Zweiteilung

Als die Waffen nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 endlich schwiegen, war es für die Mehrheit der Europäer undenkbar, dass ein gemeinsamer Blick in die Zukunft möglich sein sollte: „Wir dürfen nicht die Wiedergeburt jener Welt [der Welt vor 1914], ihre Erneuerung und Besserung erwarten, sondern wir müssen mit einer endlosen Folge von Konflikten, Umsturz und Vernichtung durch Revolutionen und Kriege rechnen (...). Wir müssen uns an ein Leben ohne Stabilität gewöhnen“, so der italienische Philosoph Benedetto Croce bereits 1944. Croces Prognosen schienen sich in den ersten Nachkriegsjahren tatsächlich zu bewahrheiten. In jedem Staat Europas stellten diese Jahre eine Zeit des politischen Konfliktes und der sozialen sowie wirtschaftlichen Erschütterungen dar. Der Handel war zum Erliegen gekommen, die Industrie durch Kriegszerstörungen sowie durch Roh- und Treibstoffknappheit gelähmt, Währungen wurden abgewertet, Lebensmittelvorräte waren knapp. Verschärft wurden die Probleme in allen Teilen Europas durch die Tatsache, dass der Kontinent in zwei Hälften zerrissen war. Die Europa und vor allem auch Deutschland aufgezwungene Zweiteilung stellte das Resultat der Auflösung der alliierten Kriegskoalition dar. Auf der östlichen Seite erzwang die Präsenz der sowjetischen Militärmacht die Angleichung von Ideologie und Institutionen sowie die wirtschaftliche Zusammenarbeit der östlichen Staaten mit der Sowjetunion.
Eine Reaktion der westlichen Seite auf die davon ausgehende Bedrohung der politischen Freiheit Europas war die Gründung des Nordatlantikpaktes (NATO). Die Sowjets reagierten mit der Gründung des Warschauer Paktes. Diese Antwort wurde in der westlichen Welt als eindeutiges Signal dafür empfunden, dass die Sowjetunion die in den ersten Nachkriegsjahren erlangte Kontrolle über die osteuropäischenStaaten nicht wieder preisgeben wollte. Der „Eiserne Vorhang“ teilte den Kontinent in zwei Hälften; Europa erstarrte im „Kalten Krieg“.

Westintegration

Die Vereinigung der deutschen Westzonen durch die Alliierten sowie die Währungsreform von 1948 schufen dort die Grundlage für eine wirtschaftliche, politische und kulturelle Wiederbelebung. Der bemerkenswerte Fortschritt entsprach dem Wunsch der USA, ein starkes Westdeutschland bei einer Kraftprobe gegen die Sowjetunion als Partner an seiner Seite zu wissen. Darüber hinaus trug auch die Politik Konrad Adenauers dazu bei, Westdeutschland von einem geschlagenen Feind zu einem geachteten Bündnispartner zu erheben. Im November 1949 unterschrieb Adenauer trotz großer Bedenken das Petersberger Abkommen, das der Bundesrepublik die Möglichkeit eröffnete, konsularische Beziehungen aufzunehmen und sich internationalen Organisationen anzuschließen. Das Abkommen beendete die Demontage zahlreicher Betriebe, verpflichtete die Bundesregierung jedoch, die von ihr abgelehnte Ruhrkontrolle zu akzeptieren. Der deutsche Bundeskanzler war davon überzeugt, dass dieses Abkommen den Anfang einer allgemeinen Zusammenarbeit unter den Nationen Europas bedeute. Im Folgejahrzehnt hielt Adenauer den Deutschen kontinuierlich die Vision eines neuen Europa vor Augen, gegründet auf Institutionen wie die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die Europäische Verteidigungsgemeinschaft, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und die Europäische Atomgemeinschaft. Adenauers darauf aufbauende Wiedervereinigungspolitik zielte darauf, dass enge Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zu den Westmächten und die gemeinsame Verfolgung einer „Politik der Stärke“ die Sowjetunion veranlassen würden, ihre Kontrolle über Ostdeutschland aufzugeben. Doch in den ersten Jahrzehnten nach 1949 deutete wenig darauf hin, dass diese Politik im Hinblick auf ein vereintes Europa Erfolg haben würde. Der „Kalte Krieg“ dauerte an.

Wiedervereinigung

Erst die Reformpolitik des sowjetischen Generalsekretärs der KPdSU, Michail Gorbatschow, und der wirtschaftliche und politische Zusammenbruch der Sowjetrepubliken führten zu epochalen politischen Umbrüchen. Durch „Glasnost“ und „Perestroika“, Offenheit und Umgestaltung, ordnete Gorbatschow die sowjetische Politik neu. Er hielt nicht länger am Führungsanspruch der Sowjetunion gegenüber den osteuropäischen Verbündeten fest, sondern erweiterte ihren Handlungsspielraum. Während Polen und Ungarn in „Glasnost“ und „Perestroika“ die historische Chance sahen, sich aus der Bevormundung Moskaus zu befreien, blockierte die DDR-Führung Reformen und unterdrückte Oppositionsgruppen. Doch das Vorbild der Reformen in der Sowjetunion, in Polen und Ungarn sowie die Anziehungskraft des Westens bewirkten eine stetig anwachsende Massenflucht aus und eine Protestbewegung in der DDR, die das Machtfundament der SED untergruben. Am 2. Mai 1989 begann Ungarn mit dem Abbau des „Eisernen Vorhangs“ an der Grenze zu Österreich, was viele Ostdeutsche für eine Flucht über die ungarische Grenze in den Westen nutzten. Andere Ostdeutsche flüchteten in die Botschaften der Bundesrepublik in Budapest, Prag, Warschau und in die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin. Währenddessen verstärkten sich die öffentlichen Proteste und Demonstrationen gegen die DDR-Führung, die sich nicht mehr auf die Rückendeckung der Sowjetunion verlassen konnte.

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Nach über 40 Jahren Teilung rückte die Einheit Deutschlands in greifbare Nähe. Im August 1990 beschloss die frei gewählte DDR-Volkskammer den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland und somit die Selbstauflösung der DDR. Am 12. September 1990 stimmten die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs im „2+4“-Vertrag der Vereinigung zu. Der „Kalte Krieg“ war beendet. Mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 vergrößerte sich die Zahl der Bürger innerhalb der Europäischen Union um rund 16 Millionen.

Blick in eine gemeinsame Zukunft

Nach der Wiedererlangung der deutschen Einheit und der vollen Souveränität musste die Bundesrepublik Deutschland ihre Rolle in der internationalen Politik neu definieren. Im Grundgesetz wurde der Artikel 23 neu formuliert: Er erhob nunmehr die Verwirklichung des vereinten Europas zum Staatsziel. Seit dem 1. Januar 1993 gilt im europäischen Binnenmarkt die volle Freizügigkeit für den Verkehr von Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital. Mit dem Vertrag von Maastricht wurde die Europäische Gemeinschaft am 1. November 1993 zur Europäischen Union (EU) und bekräftigte damit eine noch engere Zusammenarbeit innerhalb einer Wirtschafts- und Währungsunion. Deren zentraler Bestandteil war die Einführung einer gemeinsamen europäischen Währung - des Euro, der als Zahlungsmittel am 1. Januar 2002 eingeführt wurde. Er soll die wirtschaftliche Position Europas auf dem Weltmarkt stärken und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Europäer festigen.

Das Schengener Abkommen 1995 hatte zum Ziel, Grenzen innerhalb Europas abzubauen. Personenkontrollen innerhalb der EU wurden seitdem schrittweise beseitigt, an den Außengrenzen jedoch verschärft. Dem EU-Beitritt Finnlands, Schwedens und Österreichs 1995 folgte die Aufnahme von ehemaligen Ostblockstaaten. Seit 2007 sind nunmehr 27 Mitgliedstaaten an der politischen, organisatorischen und wirtschaftlichen Herausforderung Europa beteiligt.

Die Europäische Union ist auf dem Weg, die frühere politische und wirtschaftliche Teilung Europas in West und Ost dauerhaft zu überwinden.

Dorothea Kraus / Ulrike Zander

Nach Unterzeichnung des Besatzungsstatuts am 21. September 1949: Konrad Adenauer verlässt den Petersberg. In der Darstellung des Hauses der Geschichte ist der Bundeskanzler auf dem Weg zu seinem Mercedes 300, der ihn auf vielen Fahrten auch in das europäische Ausland begleitete.

 

Eine breit angelegte Plakat-Kampagne wirbt 1950 um die Akzeptanz der westdeutschen Bevölkerung für das Europäische Wiederaufbauprogramm (ERP), den so genannten Marshall-Plan.

 

Der „Eiserne Vorhang“ fällt: Gemeinsam mit seinem österreichischen Amtskollegen Alois Mock schneidet der ungarische Außenminister Gyula Horn (r.) am 27. Juni 1989 bei Sopron symbolisch den Grenzzaun durch.

 

Michail Gorbatschow gewährt den Ostblockstaaten einen größeren Handlungsspielraum. In Nick Garlands Karikatur, um 1990 entstanden, gehen die sowjetischen Bündnispartner als Aufziehpüppchen eigene Wege.

 
 

Mit sechs Mitgliedern begann 1957, was inzwischen 27 Staaten zusammengebracht hat: Die Mitglieder des Europäischen Rats treffen sich am 22.6.2007 in Brüssel.

 
 

Die D-Mark geht, der Euro kommt: Geschredderte D-Mark-Noten aus den Sammlungen der Stiftung.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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