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Interview mit Karim Saab
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"Das gesellschaftliche Leben bot kein lohnendes Motiv mehr" |
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Karim Saab gab 1988
illegal in einer Auflage von 40
Exemplaren den "Foto-Anschlag"
heraus. Das Buch
enthielt mehr als 70 Arbeiten
junger ostdeutscher Fotografen.
Saab, aufgewachsen
in Radebeul bei Dresden,
zog nach einer Buchhändlerlehre
nach Leipzig, wo er sich
in der alternativen
Kulturszene engagierte und
eine der ersten Bürgerrechtsgruppen
in der DDR gründete.
Karim Saab ist heute Leiter
des Kulturressorts der in
Potsdam erscheinenden
Märkischen Allgemeinen
Zeitung.
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Redaktionsbesprechung mit den Künstlern in Saabs Wohnzimmer |
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mm Herr Saab, wie entstand
die Idee, ein Buch über das
Medium Fotografie in der
SED-Diktatur herauszugeben?
Saab Ich verstand mich
damals als Promotor einer
Gegenkultur, die möglichst
breit angelegt sein sollte. Ich
wollte mich nicht nur politisch
zur Wehr setzen, sondern dem
Staat auch seine angemaßte
Zuständigkeit in ästhetischen
Fragen streitig machen.
mm Warum nannten Sie das
Projekt "Anschlag"?
Saab Der "Anschlag" war eine
in mühsamer Handarbeit hergestellte
Publikation mit einer
Auflage von 40 Exemplaren.
Heute klingt der Titel vielleicht
etwas pennälerhaft. Doch
damals handelte es sich wirklich
um einen Anschlag, da wir
das Veröffentlichungsmonopol
des Staates unterliefen und
literarische Texte sowie politische
Aufsätze publizierten.
Uns gefiel an dem Wort, dass
es sowohl auf den öffentlichen
Aushang als auch den
Schreibmaschinen-Anschlag
hinweist.
mm Unter welchen Umständen
wurde der "Foto-Anschlag"
vervielfältigt?
Saab Bis 1987 haben wir
sämtliche Texte per Hand mit
mechanischer Schreibmaschine
und Durchschlagpapier
vervielfältigt. Dann ergab sich
die Möglichkeit, illegal einen
der wenigen Computer in der
DDR zu nutzen. Ein
Dispatcher im VEB Energiekombinat
Leipzig bot mir an,
heimlich in seinen einsamen
Nachtdiensten die mehr als
100 Textseiten 60-fach auszudrucken.
mm Mussten Sie oder die
Künstler mit Repressionen
rechnen, wenn das Projekt von
der Staatssicherheit entdeckt worden wäre?
Saab Wir wussten, dass wir in
einem totalen Überwachungsstaat
leben, in dem Illegalität
so gut wie unmöglich ist.
Deshalb gaben wir uns die
Regel, niemals konspirativ zu
arbeiten, um die Stasi nicht
noch nervöser zu machen. Im
Redaktionskreis gab es heftige
Diskussionen, als ich mich entschied,
den "Foto-Anschlag"
im Alleingang illegal vervielfältigen
zu lassen. Weder die
Künstler noch ich rechneten
mit unmittelbaren
Repressionen, da die Idee
nicht vordergründig politisch
war. Aber der Drucker riskierte
mehr als seinen Job. Der Preis
meines Engagements war der
Verzicht auf eine bürgerliche
Existenz.
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mm Welche Zielsetzung lag
dem "Foto-Anschlag" zu
Grunde?
Saab Er sollte eine Bestandsaufnahme
leisten. Ich wollte
ohne ideologische Vorgaben
offen legen, was die Künstler
meiner Generation mit dem
arg strapazierten Medium
noch anzufangen wussten,
welche Stilmittel und welche
Milieus sie bevorzugten.
mm Der Samisdat - ein im
Selbstverlag herausgegebenes
Buch - zielte darauf, die
Zensur in ehemals kommunistischen
Staaten, zu unterlaufen.
Wie wirksam ist der
Samisdat, um ein Wahrheitsmonopol
zu brechen?
Saab Was wir taten, war nur
ein symbolischer Widerstand,
sonst hätte man uns entschiedener
bekämpft. In erster Linie
waren diese deutlichen Gesten
für uns selber wichtig, ich hätte
anderenfalls meine Selbstachtung
verloren.
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Das im Selbstverlag herausgegebene Autorenexemplar, Leipzig 1988 |
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mm Der sozialistische Realismus
war in allen kulturellen
Bereichen die vorherrschende
Darstellungsform. Er sollte die
kapitalistische Welt kritisch
beleuchten und den
Kommunismus fördern. Was
setzten die Künstler im Foto-Anschlag
der offiziellen
Bildersprache entgegen?
Saab Das gesellschaftliche
Leben bot in den Augen vieler
Künstler kein lohnendes Motiv
mehr. Die politische Stagnation
sorgte dafür, dass sich auch
die Gegenbilder zum perfekten
Staat seit Jahrzehnten ähnelten:
verfallene Städte, zerstörte
Umwelt, frustrierte
Gesichter, Tod. Deshalb mieden
viele künstlerische
Fotografen in den 80er Jahren
den Schauplatz Straße und
wagten eigene
Inszenierungen. Sie suchten
einen kreativen Ausweg, um
sich von der lästigen DDR-Wirklichkeit
zu befreien. Andere
registrierten ihre unmittelbare,
private Lebenswelt, um sie den
offiziösen Bildern entgegenzusetzen.
So erklärt sich auch
die Vielzahl von Selbstbildnissen.
mm Gab es Lücken im staatlichen
Zensurgesetz, die verlegerische
und künstlerische
Freiräume erlaubten?
Saab Nein, die Unterdrückung
war lückenlos. Man brauchte
prinzipiell eine Druckgenehmigung.
Auch die
Vervielfältigungen "nur zum
innerkirchlichen Dienstgebrauch"
wurden kontrolliert.
mm Welche Möglichkeiten gab
es außer dem Samisdat, um
Freiräume für Kunst und Kultur
zu schaffen?
Saab Zunächst war da die
evangelische Kirche. Aber es
gab vereinzelt auch Leute in
den staatlichen Strukturen, die
es als ihre Aufgabe betrachteten,
heikle Dinge zu
ermöglichen.
mm Wie viel Macht besitzen
heute noch Bilder in einer
Mediengesellschaft?
Saab Sie relativieren sich
gegenseitig. Aber Künstler, die
nach Reduktion streben,
haben immer noch eine Chance,
bisher Ungesehenes zu
entdecken.
Interview:
Markus Stadtmüller
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