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Die Macht der stillen Bilder

40 Jahre Fotografie in der DDR

Am 10. Juli 1986 erhält die Ost-Berliner Fotografin Helga Paris einen Brief von Willi Sitte, dem Präsidenten des Verbands Bildender Künstler. Darin bescheinigt ihr der Hallenser Maler: "... was ich bisher von den Exponaten in die Hand bekam, halte ich für beachtliche Arbeiten, die natürlich ausstellenswert sind." Die Rede ist von Helga Paris Fotoserie "Häuser und Gesichter", die zwischen 1983 und 1985 in der Saale-Stadt entsteht und in einer Ausstellung gezeigt werden sollte. Indes, die Ausstellung wird auf persönliche Anordnung des Ersten Sekretärs der SED-Bezirksleitung verboten, obwohl Katalog und Plakate bereits gedruckt waren.

Fotografieren, was jeder sieht

Was ist an den HalleFotografien von Helga Paris so gefährlich, dass sie zu DDR Zeiten nie gezeigt werden dürfen? Sie fotografiert, was jeder sieht: Eine dem Verfall preisgegebene Stadt. Historisch wertvolle Gebäude im Dunst der chemiegesättigten Luft aus Buna und Leuna.

 
Aus der Serie Häuser und Gesichter von Helga Paris, Halle 1983-1985

Aus der Serie "Häuser und Gesichter" von Helga Paris, Halle 1983-1985

Stille, nachdenkliche, aber auch traurige Menschen, die sich zwischen den bröckelnden Fassaden einrichten. Diese künstlerische Verdichtung in den Fotografien ist den für den Verfall Verantwortlichen in der Stadt suspekt. Sie wollen ihr Halle voller glücklicher, zufriedener Menschen in hellen, lichten Straßen sehen, auch wenn dies nur Bilder in ihrer von Ideologie geprägten Vorstellung sind, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.

Helga Paris ist mit dieser Erfahrung als Fotografin in der DDR nicht allein. So wie ihr ergeht es vielen Berufskollegen, wenn sie nach den Worten der Fotografin Evelyn Richter im eigenen Auftrag mit der Kamera zu dokumentieren versuchen, was sie für bewahrenswert halten. Dies allein reicht, um über Jahre und Jahrzehnte fernab von Veröffentlichungsmöglichkeiten, Fotos für die Schublade produzieren zu müssen. Es erfordert von den Fotografen großes Stehvermögen, unter solchen Bedingungen weiterzuarbeiten. Und dennoch sind es erstaunlich viele, die sich in vier DDR-Jahrzehnten dieser Chronistenpflicht unterwerfen.

Auf Umwegen zur Fotografie

Nicht wenige von ihnen sind "Seiteneinsteiger" aus anderen Berufen. So auch Helga Paris und Christian Borchert, die für die mittlere Generation der jetzt in Bonn ausgestellten acht Fotografinnen und Fotografen stehen. Gerade die Erfahrungen ihrer beruflichen "Umwege" ermöglichen das fotografische Festhalten so genauer Einblicke in die verschiedensten Bereiche des DDR-Alltags. Helga Paris studierte Modegestaltung und arbeitete als Dozentin für Kostümkunde sowie als Gebrauchsgrafikerin, bevor sie zur Fotografie fand. Christian Borcherts Fotografien von den Lebenswelten der "kleinen Leute" profitieren von seinen Erlebnissen als Bildreporter der "Neuen Berliner Illustrierten". Einen wichtigen Themenbereich seines Werks bilden die Familienaufnahmen aus den Jahren 1983 und 1984, die er zehn Jahre später noch einmal wiederholt.

 

Aus der Serie Berliner Kneipen von Helga Paris, Berlin 1974

Aus der Serie "Berliner Kneipen" von Helga Paris, Berlin 1974, Ausschnitt

Hier gelingen Studien über die Selbstpräsentation von Menschen in unterschiedlichen Situationen, die sehr genau eine unwiederholbare Atmosphäre einfangen. Solchen Künstlern haben wir es zu verdanken, dass neben den "staatstragenden" Aufnahmen von den stolzen Erbauern des Sozialismus und den schmucken Städten und Dörfern auch sachlich dokumentierende Bilder vom wirklichen Leben in der DDR, fern von Produktionserfolgen und Jubelmärschen erhalten sind. Es sind Fotografien, die einen Blick hinter die propagandistisch aufgemöbelten Kulissen ermöglichen und in den Gesichtern der Menschen zu lesen verstehen.

Ideologie versus Wirklichkeit

Die Ausstellung versucht, einen Eindruck von sozialdokumentarischer Fotografie zu vermitteln und den Schatz ostdeutscher Fotografie in ihrer historischen "Zeitzeugenschaft" zu erhalten. Die Fotografie als eigenständiges Zeugnis der Zeitgeschichte zur Erforschung der DDR-Geschichte heranzuziehen, ist Ziel der Ausstellungsmacher. Eine weitere Absicht ist, die widersprüchliche Rolle der Fotografie in der DDR in ihrer staatstragenden Funktion einerseits und als realistisches Dokument sozialer Wirklichkeit andererseits zu verdeutlichen. Vom Anspruch her stets im Widerspruch zu der von der SED geforderten Fotoberichterstattung brachte sie es zu subtiler Dichte und künstlerischer Meisterschaft. Ein permanenter "Foto-Anschlag" der stillen Bilder auf die Bildwelten der staatlichen Propaganda. Heute geben sie uns tiefgründig Zeugnis darüber, wie das Leben in der DDR wirklich war.

Acht Fotografen und Fotografinnen aus vier Generationen werden vorgestellt; in Alter und (Lebens-)Erfahrung verschieden, heterogen in ihrem künstlerischen Temperament und ihren thematischen Interessen, vereint sie der gemeinsame Wille, mit den Mitteln der Fotografie kompromisslos festzuhalten, was um sie herum geschieht. Die Älteren unter ihnen übertragen als künstlerische Vorbilder und Lehrer diesen Willen über mehrere Generationen hinweg auf die Jüngeren. Eine Gegenüberstellung zu Bildern der SED-Propaganda lässt dieses Wesensmerkmal der sozialdokumentarischen Fotografie der DDR noch deutlicher hervortreten. Publikationen aus der DDR geben den Ausstellungsbesuchern zusätzliche Einblicke in diese Art von Bilderstreit. Die Ausstellung präsentiert mehr als 300 Fotografien aus der Zeit von 1945 bis 1995. Im Mittelpunkt stehen Werke von: Arno Fischer (* 1927), Evelyn Richter (* 1930), Helga Paris (* 1939), Christian Borchert (* 1942, gest. 2000), Margit Emmrich (* 1949), Gerhard Gäbler (* 1952), Ulrich Kneise (* 1961) und Merit Pietzker (* 1971).

Bernd Lindner

Familie Bauer 1984 fotografiert von Christian Borchert

Familie Bauer 1984 fotografiert von Christian Borchert

Familie Bauer 1994 fotografiert von Christian Borchert

Familie Bauer 1994 fotografiert von Christian Borchert

Jugendmodezentrum von Christian Borchert, Dresden 1980

Jugendmodezentrum von Christian Borchert, Dresden 1980

Konsum-Kaufhalle von Christian Borchert, Dresden 1980

Konsum-Kaufhalle von Christian Borchert, Dresden 1980

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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