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Was bleibt, sind Fragen

40 Jahre Interviews von Günter Gaus

Er gilt als Journalist, dessen Interviewtechnik Maßstäbe setzte. Eine intensive Vorbereitung auf die Person zeichnete seine Reihe "Zur Person - Porträts in Frage und Antwort" aus, die am 10. April 1963 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Günter Gaus war bei verschiedenen Zeitungen und Fernsehsendern tätig. Anlässlich des vierzigjährigen Jubiläums veröffentlicht das museumsmagazin Auszüge aus seinem ersten Fernsehinterview mit Ludwig Erhard. Alle Interviews finden Sie im Informationszentrum des Hauses der Geschichte.

Gaus Ihre Soziale Marktwirtschaft, Herr Minister, soll nach Ihren Worten den alten Konjunkturzyklus von Aufschwung, Hochkonjunktur, Niedergang und Krise durchbrochen haben. Halten Sie diese Behauptung noch aufrecht?

Erhard Die Wirtschaftsordnung musste gefunden werden, die nach Möglichkeit stetig aufwärts gerichtet ist, aber vor allen Dingen gefährliche und krisenhafte Einbrüche vermeidet ... Aber das Merkwürdige ist eben, wenn es gut geht, dann will niemand etwas vom Staat wissen. Ich nehme da die Unternehmer und die Arbeitnehmer durchaus zusammen. Aber wenn es schlecht geht, dann kann man überzeugt sein, dass alle nach dem Staat rufen.

Gaus Unter welchen Bedingungen glauben Sie, gleichzeitig Vollbeschäftigung, Mengenkonjunktur und stabilen Geldwert garantieren zu können?

Erhard Einer der tragenden Gedanken 1948 war, dass ich gesagt habe: Wenn wir uns darüber zerstreiten, wie von diesem auf ein Minimum zusammengesunkenen Sozialprodukt jeder einen gerechten Anteil erhalten soll, dann verkommen wir in Armut und in Not. Es gibt nur ein fruchtbares Mittel, sich daraus zu erlösen: zu arbeiten, produktiv zu arbeiten und aus dem größeren Kuchen dann auch für alle größere Rationen verteilen zu können. Nicht in der Zuteilung, sondern im Wettbewerb und im freien Markt.

Gaus Herr Minister, was ist an einer politischen Karriere vom Zufall und Glück und was vom Talent abhängig? Und welches Talent ist das Wichtigste für einen Politiker?

Erhard Für einen richtigen Politiker, so wie ich ihn kenne, ist die Gesinnung das Maßgebende: die Redlichkeit und die Wahrhaftigkeit, mit der er seine Arbeit anpackt und mit der er auch dem Volke begegnet.

Gaus Was sehen Sie als die große Zukunftsaufgabe des deutschen Politikers an?

Erhard Die Politik überzeugender darzustellen und neben den rein materiellen Dingen auch dafür zu sorgen, dass die Werte in einem Volke wieder richtig gesetzt und zueinander geordnet sind ... Politik ist zum Teil wohl materiell bedingt, aber zu einem wesentlichen Teil greift sie doch darüber hinaus und will wieder im Leben des Einzelnen, im Bewusstsein des Einzelnen etwas deutlich machen von Werten, die im Zeichen des Aufbaus vielleicht etwas zu kurz gekommen sind, aber die nicht versinken dürfen, wenn wir nicht ein Termitenstaat werden sollen.


Die Auszüge aus dem Interview mit Ludwig Erhard stammen aus dem Buch "Was bleibt, sind Fragen. Die klassischen Interviews" von Günter Gaus, herausgegeben von Hans-Dieter Schütt. Der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg wiederholt am 9. April von 21:35 bis 2:05 sechs Interviews. Die Interviews unterscheiden sich von derzeit populären Talkshows und politischen Frage runden erheblich. "Heute ist es schwerer, an den Kern der Befragten heranzukommen" so Gaus Anfang 2003.

"Die befragten Personen sind vertraut geworden mit dem Medium Fernsehen und haben sich eine mediengerechte Glattzüngigkeit angeeignet."

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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