2/2003

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Titel

 

"Erkenntnis heben wie die Hebamme
das Leben"

Interview mit Karl-Heinz Klär

Staatssekretär Karl-Heinz Klär ist seit acht Jahren Mitglied der Rückblende-Jury und seit November 1994 Bevollmächtigter des Landes Rheinland-Pfalz beim Bund. Klär, gebürtiger Saarländer, war zuvor Chef der Staatskanzlei in Mainz. Frühere berufliche Stationen führten den Historiker aus der Wissenschaft an der Gesamthochschule Kassel zum Parteivorstand der SPD. Dort leitete er das Büro des Parteivorsitzenden Willy Brandt und war dessen Redenschreiber. Klär gilt als anerkannter Europa-Fachmann und vertritt Rheinland-Pfalz im Ausschuss der Regionen.

Den Durchblick bewahren: Staatssekretär Klär bei der Übergabe des Sonderpreises "Der scharfe Blick" an Hans Christian Plambeck

mm Welche Kriterien legt die Jury bei der Auswahl der Preisträger in den Bereichen Fotografie und Karikatur zu Grunde?

Klär Qualitätskriterien: Ist das Werk ästhetisch gelungen? Ein valides Dokument? Eine treffende oder überraschende oder unvermutete Deutung? Witzig? Geistesgegenwärtig? Erkenntnis anregend? Am liebsten alles zusammen.

mm Welche Ziele verfolgt das Projekt "Rückblende"?

Klär Die offen erkennbaren: das vergangene politische Jahr mit den Mitteln der Karikatur und der Fotografie möglichst anregend und nachhaltig zu belegen und zu deuten.

mm Was kann ein Bild bestenfalls für die Erkenntnis politischer Prozesse leisten?

Klär Eine Karikatur kann Erkenntnis heben wie die Hebamme das Leben - nicht die Arbeit, das Lachen macht frei. Auch Fotos können wunderbar Durchblicke eröffnen, vor allem wenn Politik wie Theater sich inszeniert. Beide Werkgattungen sind in den gelungenen Stücken, jenseits deren ästhetischer Qualität, anregende Deutungshilfen.

mm Kann die Fotografie Politik beeinflussen? Welche Macht besitzt sie?

Klär Der Einfluss ist unverkennbar: Je mehr öffentliche Aufmerksamkeit, auch durch Bildberichterstatter, um so stärker kontrollieren sich die politischen Akteure bei ihren Auftritten - das hat eine zivilisatorische Qualität und einen theatralischen Beigeschmack. Macht? Da sollte man sich wohl vor Übertreibung hüten. Sicher, hin und wieder gibt es mächtig beeindruckende Bilder und bisweilen werden sie machtvoll politisch genutzt. Und dass ein Zusammenhang zwischen der herrschenden Bild-Ästhetik und dem Gemütsleben des Publikums existiert, würde ich auch nicht leugnen. Aber übt deswegen "die" Fotografie Macht aus?

mm Welches Verhältnis besteht zwischen Politikern und Fotojournalisten?

Klär Im Großen und Ganzen ein professionelles. Man braucht einander - freilich die Einen mehr, die Anderen weniger. Die Abhängigkeit ist nicht gleich, Bildjournalisten haben übermächtige Konkurrenten beim Fernsehen und bei den Artikelschreibern, Politiker wissen das. Es ist für einen Bildjournalisten fast unmöglich, im politischen Alltag eine Wertschätzung zu gewinnen, wie sie manchen schreibenden Presse-Kollegen zu Teil wird - die Chefredakteure wählen die Fotos aus, nicht die Fotografen die Texte.

Interview:
Markus Stadtmüller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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