2/2003

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Titel

 

"Ich will keine Belegfotos machen"

Interview mit Michael Trippel

Die Inszenierung von Politik zu hinterfragen - das ist zentrales Anliegen des diesjährigen Preisträgers der "Rückblende 2002". Michael Trippel, 1964 in Friedrichshafen geboren, ist seit 1991 freiberuflicher Fotograf und arbeitet u. a. für die Magazine "Stern" und "Spiegel". Er reiste letztes Jahr vier Wochen lang mit den Spitzempolitikern der großen Parteien im Wahlkampftross mit und fotografierte. Die Balance halten zwischen kritischer Distanz und Nähe zählt dabei zu den schwersten Aufgaben. Und wie er selbst sagt: "Man muss vorsichtig sein, mit dem, was man sieht."

Michael Trippel

mm Herr Trippel, welche Bedeutung hat der Preis für Sie?

Trippel Er ist eine Anerkennung meiner Arbeit, vor allem des inhaltlichen Ansatzes, die Inszenierung von Politik zu hinterfragen. Oft bleiben nur Bilder von spetakulären politischen Geschehnissen im Bewusstsein, ich versuche das Gegenteil: nicht spektakulär zu sein, das Banale, das Absurde zu zeigen.

mm Wie kam das preisgekrönte Foto zustande?

Trippel Ich habe gelesen, dass Schröder die Kleingärtner-Kolonie besucht. Der Garten war mit Sicherheitsleuten abgesperrt. Die vier Campingstühle leer. Man wusste, dass gleich vier Leute darin Platz nehmen werden. Die Inszenierung dieser sehr deutschen Idylle dauerte maximal eine Minute, dann war alles vorbei.

mm Fototermine finden oft in einem großen Gedränge statt. Was braucht man außer Ellbogen für die Arbeit?

Trippel Geduld, kritische Distanz, Unabhängigkeit, Glück und vor allem eine eigene Meinung. Das ist das Wesentliche. Als freier Fotograf muss man nicht tagesaktuell sein; ich will keine Belegfotos machen. Agenturfotografen hingegen brauchen das eine Bild, den Sicherheitsschuss, wo die wichtigen Köpfe drauf sind.

mm Welches Verhältnis besteht zwischen Politikern und Journalisten?

Trippel Meiner Meinung nach ein viel zu enges. Journalisten sind nahe an der Macht, und der Pferdefuß dabei ist: Nahe an der Macht fühlt man sich selber mächtig. Man glaubt, am Hotspot zu sein, an dem Punkt, wo alles passiert und geschichtsträchtig ist. Die Distanz bleibt schnell auf der Strecke und die Folge davon ist Hofberichterstattung. Jedoch sind das Adressbuch eines Journalisten, seine Kontakte unersetzlich. Die kriegt man nicht von heut auf morgen. Und man wird sie nicht so schnell aufs Spiel setzen.

mm Wie rücken sich Politiker während des Wahlkampfes ins rechte Licht?

Trippel Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Stoiber steht auf dem Brocken, zeigt mit einer Hand in die Wälder - das wird nur für die Fotografen gemacht. Völliger Schwachsinn. Aber wenn man es so fotografiert, dass man sieht, diese Pose ist nur für die Fotografen, dann bekommt es Komik. Gleich darauf schlug man Stoiber vor, er solle allein einen Weg vom Brocken nach unten laufen, wo schon der Pulk von Fotografen auf ihn wartete, um ein Bild zu machen. Das ist natürlich journalistisch komplett falsch. So ein Bild mache ich dann nicht. Es hätte nur etwas ganz Falsches transportiert. Oder ein Bild, Stoiber mit überraschtem Wanderer, der in sein Butterbrot beißt, und Stoiber fragt ihn: Haben Sie Urlaub? Ja. Wie lange noch? Eine Woche. Ah ja, dann viel Spaß. So etwas ist vollkommen albern. Ich versuche politisch zu arbeiten, zu zeigen, dass man vorsichtig sein muss, mit dem, was man sieht. Bei all diesen Situationen ist ein enormer Druck vorhanden, wenn dreißig oder vierzig Kollegen auf eine Situation zulaufen. Wenn ich mich aber abseits halte, habe ich unter Umständen nicht das andere Bild, sondern vielleicht gar keins. Die Gedanken rotieren also permanent im Kopf herum.

mm Wo liegt die Grenze zwischen schützenswerter Privatheit und der Informationspflicht des Bildjournalisten?

Trippel Für RTL II und den Deutschlandfunk ist Informationspflicht etwas Grundverschiedenes. Jeder würde behaupten, er informiere die Bürger. Für mich gilt die goldene Regel: Was Du nicht willst, das man dir tut, das füge keinem anderen zu. Aber Politiker wollen die Öffentlichkeit, und dann müssen sie damit rechnen, dass sie belagert werden. Und sie sind schon lange Jahre im Geschäft und wissen, wie es läuft. Wenn ein Politiker sagt: Jetzt reicht's, sollte man es respektieren. Wenn er es jedoch in einer Pressekonferenz sagt, darf man die Antwort nicht akzeptieren. Und was ich nie verstanden habe, ist, wieso Politiker nicht wirklich Urlaub machen. Es gibt immer ein Interview aus der Toskana oder sonst wo her. Ich glaube, manche werden schon unruhig, wenn sie eine Woche lang keine Kamera sehen.

mm Gibt es für Sie fotografische Vorbilder?

Trippel Wen ich sehr schätze, ist Erich Salomon, der große Fotograf aus der Weimarer Republik, der die "Fotografie ohne Pose" zu seinem eigenen, unverwechselbaren Stil machte.

mm Welche Bedeutung spielen Bilder in unserer heutigen Gesellschaft?

Trippel Bilder spielen eine zentrale Rolle, sie brennen sich in unser kollektives Gedächtnis ein. Das wissen auch die Politiker. Deshalb haben sie mehr Angst vor Fotografen als vor Schreibern. Die Folge ist aber auch, dass sie einen sehr großen Aufwand mit PR-Strategen und Pressestellen betreiben, sich selbst ins rechte Licht zu rücken.

Interview:
Markus Stadtmüller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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