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Die eingefrorene Sekunde

Politische Fotografie und Karikatur

Eine Idylle im Grünen - Gerhard Schröder in der Kleingärtner-Kolonie "Abendruh" bei Berlin während des Bundestagswahlkampfes. Das Foto von Michael Trippel erhielt den ersten Preis des Fotowettbewerbs "Rückblende 2002". Fast hundert Fotografen nahmen daran teil. Ihre Arbeiten zeigen Politik als mediengerechte Inszenierung, entlarven politische Posen und erzählen hintergründige Geschichten. Das Haus der Geschichte stellt die Arbeiten vom 12.3. bis 21.4.2003 in Bonn aus.

 

Ein grüner Schrebergarten, eine reizende Familie: Bei ihr, als sei er der nette Onkel von nebenan, Gerhard Schröder. Heile Welt in deutschen Landen? Mitnichten. Hinter der Hecke lauern Fotografen, die ganze Szene ist gestellt. Teil des Wahlkampfes, in dem der Kanzler durch die Dörfer tourt.
Das Bild markiert ein Charakteristikum des politischen Jahres 2002. Selten zuvor war so viel Pose, so viel Verlogenheit im Spiel wie bei dieser Bundestagswahl. In die engere Auswahl der insgesamt 513 für den Wettbewerb eingesandten Arbeiten von 95 Fotografen kamen vor allem jene, die diesen Hintergrund erhellen.


Ob der Deich hält? Foto von Jan Peter Böning vom 16.8.2002, bei Bitterfeld

Einen subtilen Einblick in das Innenleben der FDP liefert das Foto von Fabrizio Bensch. Es entstand am Rande einer Vorstandssitzung der FDP, in der es um Möllemanns Attacke auf Michel Friedman, den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, ging. Westerwelle, so schien es, hatte sich nicht durchgesetzt. Doch siehe da. Bestens gelaunt, knufft der Verlierer Westerwelle seinen Intimfeind Möllemann. Die eingefrorene Sekunde lässt keinen Zweifel: Der FDP-Chef und sein Vize sind sich einig, beide machen dem Wahlvolk etwas vor. Hier wird deutlich, wo die politische Fotografie dem Fernsehen überlegen ist, die Fotografie hält die Zeit an, überhöht den Augenblick, eröffnet dem Betrachter eine neue Perspektive.

 

Guido Westerwelle, froh gelaunt, auf einer Vorstandssitzung am 6.6.2002 mit Intimfeind Jürgen Möllemann

Der am meisten fotografierte Politiker unter den Einsendungen war CDU/CSU-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber. Doch der Mann, der bei der Bundestagswahl gegen den Medienkanzler antrat, zeigte sich, wo immer er fotografiert wurde, als seltsam steif. Ob am Schreibtisch in der Staatskanzlei, ob überlebensgroß im Legoland oder beim Abschiedskuss von seiner Ehefrau.

Ein Stimmungsbild vom Wahlabend zeigt einen einsamen Zuschauer auf einem leeren Parkplatz vor einer Videowand mit der Großaufnahme Gerhard Schröders. Unüberbrückbar wirkt die Distanz zwischen dem Betrachter und dem soeben wiedergewählten Bundeskanzler. Ein Hinweis auf die Kluft zwischen Volk und Volksvertretern? Neben der politischen Fotografie werden auch Karikaturen ausgestellt, die 2002 vor allem Themen wie Wahlkampfmarathon, USA-Verdrossenheit, Pisa-Schock oder Flutkatastrophe aufspießten.

Stephan Burgdorff

Den ersten Preis im Bereich Karikatur erhielt Jürgen Dieko Müller für seine Zeichnung zum Thema "Ehegattensplitting".

Stephan Burgdorff ist Leiter der Sonderthemen beim "Spiegel". Den vollständigen Text können Sie im Ausstellungskatalog nachlesen, der über die Landesvertretung Rheinland-Pfalz bezogen werden kann:

Landesvertretung Rheinland-Pfalz
Pressestelle
In den Ministergärten 6
10117 Berlin
http://www.landesvertretung.rlp.de

Kosten: 5 € als Spende an "Reporter ohne Grenzen".

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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