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Ausstellungen |
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"Heute existiert nur noch der Bildwert"
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Interview mit Klaus Schütz |
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Die Bundesbürger erleben
1961 eine neue Form des
Wahlkampfs. Nach amerikanischem
Muster wird er zur
Kampagne: Fähnchen, Hüte,
viel farbig bedrucktes Papier
und die persönliche Ausstrahlung von Spitzenkandidaten
sollen die Gunst der Wähler
erobern. Klaus Schütz, der
das Wahlhauptbüro Willy
Brandts leitete, setzt
Elemente des Kennedy-Wahlkampfs für die SPD
so energisch um, dass der
"Spiegel" ihn erschrocken
einen "politischen
Pyrotechniker" nennt. Später
war Klaus Schütz u. a.
Regierender Bürgermeister
von Berlin und Botschafter
in Israel.
mm Herr Schütz, im Auftrag
des SPD-Vorstands beobachteten
Sie 1960 den Wahlkampf
zwischen Nixon und
Kennedy. Was unterschied ihn
von deutschen Wahlkämpfen
und welche Elemente konnten
Sie kopieren? |
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Klaus Schütz, ehemaliger Leiter des Wahlbüros von Willy Brandt im
Bundestagswahlkampf 1961 |
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Schütz In Amerika geht der
Politiker zu den Wählern, in
Deutschland war es umgekehrt.
Wir wollten genau das
ändern, etwas Neues schaffen.
Ich konnte Brandt davon
überzeugen, dass er ständig
präsent sein müsse und zu so
vielen Menschen zu sprechen
wie nur eben möglich. Ergebnis
war die "Deutschlandreise"
Brandts, eine Art Vorwahlkampf,
auf der er kleinere
und mittlere Städte besuchte,
am Tag etwa 20 Reden hielt
und zwischen Mai und August
ungefähr 40.000 Kilometer
zurücklegte. In Amerika
nennt man das "whistle-stop-campaign".
mm Man behauptete damals,
Sie hätten Brandt wie einen
Markenartikel unters Volk gebracht,
den "smiling Willy"
als jugendlichen Held für
die Hausfrauen, den "fighting
Willy" als eisenharten Staatsmann
für die fanatischen Antikommunisten.
Wie setzten Sie
ihn jeweils ins rechte Licht?
Schütz Er ließ sich nicht vorschreiben,
wann er zu lachen
hatte und wann nicht. Er war
eine gewachsene Persönlichkeit,
eine Kämpfernatur. Bei
ihm gab es also nicht viel zu verändern. Und er wusste
immer sehr genau, wie man
am besten in eine Kamera
schaut. Außerdem war er seit
der Berlin-Krise 1958 schon
ein nationaler wie auch internationaler
Fernsehstar erster
Ordnung. Über ihn wurde
fast jeden zweiten Tag
in den Abendnachrichten berichtet.
mm Gab es politische Inszenierungen?
Schütz Vorgeworfen wurde
ihm beispielsweise, dass er die
Geburt seines Sohnes Matthias
für den Wahlkampf einsetze
in Anlehnung an Kennedy,
der ebenfalls während des
Wahlkampfs Vater wurde. Rut
Brandt hat das in ihrem Buch
scharf zurückgewiesen, und
das völlig zu Recht.
mm War das Charisma
Brandts mit dem Kennedys
vergleichbar oder handelte es
sich damals um eine geschickte
Form von Imagetransfer?
Schütz Die deutsche Presse
war voll von Vergleichen. Das
lag auf der Hand. Beide waren
jung und traten gegen Greise
an, gegen veraltete, verknöcherte Formen. Sie wollten
neue Ideen, neuen Schwung
in die Politik bringen. Brandt
wollte auch mit seinem Buch,
das er über Kennedy geschrieben
hatte, in dieser Weise
verstanden werden. |
mm Wie setzten Sie nonverbale
Zeichen ein?
Schütz Wir entschieden uns
gegen einen Dienstwagen in
Schwarz und für einen hellen,
offenen Wagen. Brandt sollte
gesehen werden und nicht
hinter Panzerglas sitzen. Außerdem
war er immer sehr
gut angezogen und bei Fernsehauftritten achteten wir
darauf, dass er keine Hemden trug, die spiegelten.
mm Sind Personalisierung
und Emotionalisierung geeignet,
die Willensbildung des
Bürgers zu fördern und welche
Rolle spielten damals
noch Sachthemen? |
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"Brandt wusste sehr genau,
wie man in eine Kamera
schaut." SPD-Plakat
im Wahlkampf 1961 |
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Schütz Man kann ohne Personen,
nur mit einem Programm,
keinen Wahlkampf
führen. Und ich bin der Meinung,
dass es sich um eine
Person handeln sollte und
nicht um eine Gruppe. Im
Wahlkampf 1961 gab es hohe
Emotionen. Brandt war nicht
nur Regierender Bürgermeister
in Berlin, er war auch
Emigrant. Dadurch ist er in eine
schamlose Hetze hineingeraten,
an der sich auch die
Spitzen anderer Parteien beteiligten.
Das steigerte sich
bis zu dem schäbigen Hinweis,
dass er eigentlich nicht
Brandt, sondern Frahm heiße.
Oder gar zu Vorwürfen
wie: Als unsere Kinder im
Krieg erschossen wurden, hat
der sich draußen die Hände
warm gehalten.
mm Wie groß war damals
noch der Anteil an Sachthemen
im Wahlkampf?
Schütz Trotz dieser Emotionalisierung
war in der Bevölkerung
ein großes Interesse
an Sachthemen vorhanden.
Es konnte sich damals niemand leisten, diese nicht anzusprechen.
In allen Reden
hat Brandt Themen der Wirtschaft,
der Mitbestimmung,
der Westbindung angesprochen.
Sehr populär war auch
das Thema Luftverschmutzung,
mit dem Slogan: "Blauer
Himmel über der Ruhr".
mm Die "Welt" schrieb 1961:
"Der Bildschirm hat sich als
Mittel der politischen Auslese
erwiesen." Wie wichtig war
das Fernsehen im Vergleich
zu den anderen Medien?
Schütz Wichtiger als das
Fernsehen waren der "Stern",
der von Henri Nannen bewusst
politisiert wurde, und
der "Spiegel". Diese beiden
Medien spielten für den Wahlerfolg
entscheidende Rollen.
Auch das Fernsehen hatte damals
einen höheren Stellenwert
als heute. Heute existiert
jedoch nur noch der Bildwert
im Fernsehen, was dazu gesagt
wird, ist nicht wichtig.
Das war damals anders.
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Interview: Markus Stadtmüller |
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