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"Wir waren ein Nichts, eine Null"

Interview mit Horst Eckel

Er war der "Benjamin" unter den Helden. Mit 22 Jahren hatte der Jüngste in der Herberger-Elf im Endspiel von Bern eine der schwierigsten Aufgaben: die Bewachung des torgefährlichen ungarischen Stürmers Sandor Hidegkuti. "Horst, Sie spielen gegen ihn", sagte Sepp Herberger kurz vor Anpfiff in der Kabine. Und Horst Eckel degradierte den Stürmer zum Statisten. Nach der Weltmeisterschaft spielte Eckel noch einige Jahre für den 1. FC Kaiserslautern. Der Pädagoge für Kunst und Sport ist heute noch als Repräsentant der Sepp- Herberger-Stiftung tätig.

mm Herr Eckel, worin besteht der Mythos des "Wunders von Bern"?

Eckel Aus vielen Geschichten und Erzählungen. Der Sieg war nicht nur ein Wunder für viele Menschen in Deutschland, sondern auch für uns Spieler. Denn wir sind als krasse Außenseiter in die Schweiz gefahren und als Weltmeister zurückgekommen.

mm Ab wann spürten Sie eine Chance gegen die hoch favorisierten Ungarn, gegen die die deutsche Mannschaft in der Vorbereitung noch 3:8 verloren hatte?

Eckel Wir waren uns bis zur letzten Minute nicht sicher. Die Ungarn waren viereinhalb Jahre nicht geschlagen worden, da realisierte man den Sieg erst, nachdem der Schiedsrichter abgepfiffen hatte.

mm Worauf ist der Erfolg zurückzuführen?

Eckel Wir waren ein eingespieltes Team, ein Block. Zwei Jahre lang spielten wir mit derselben Mannschaft. Außerdem nahm das Selbstbewusstsein von Spiel zu Spiel zu und konditionell waren wir eine der stärksten Mannschaften in der Schweiz.

mm Wie charakterisieren Sie die deutsche und die ungarische Mannschaft?

Eckel Die Ungarn waren eine Weltklassemannschaft. Keine Mannschaft der Welt hat geglaubt, gegen sie bestehen zu können. Und wir, wir waren ein Nichts, eine Null. Nur mit unserer Kameradschaft, dem großen taktischen Können unseres Chefs und dem gewonnenen Selbstbewusstsein rechneten wir uns eine kleine Chance aus.

mm Nach dem Sieg bekam jeder Spieler einen Schwarz-Weiß-Fernseher und einen Vespa-Roller. Zufrieden?

Eckel Wir haben uns sehr darüber gefreut, wie sich heute vielleicht Profifußballer darüber freuen, wenn sie hohe Geldprämien bekommen. Generell lag der Unterschied zu heute vielleicht darin, dass damals die Freude am Spiel mehr im Vordergrund stand.

mm Im Überschwang der Gefühle sangen deutsche Fans bei der Siegerehrung in Bern die erste Strophe der Nationalhymne "Deutschland, Deutschland über alles". Das musste zwiespältige Gefühle im Ausland wecken. Wie nahmen Sie diesen Moment wahr?

Eckel Wer hat denn die dritte Strophe des Lieds gekannt? Sehr, sehr wenige. Und was war die Folge? Die Zuschauer haben das gesungen, was sie konnten. Das gab natürlich kein sehr gutes Bild nach außen ab.

mm Welche Bedeutung hatte der Sieg für die Menschen in Deutschland?

Eckel Ich habe gemerkt, dass das Wir-Gefühl bei vielen Menschen in Deutschland wieder da war. Vor der WM lag Deutschland wirtschaftlich, politisch und sportlich mausetot am Boden. Danach kam es zu einer Aufbruchstimmung. Und die Tür, die für Deutschland immer ein klein bisschen offen gestanden hatte, durch die konnte man nach der WM gut durchgehen.

mm Dem deutschen Fußball werden aktuell spielerische Schwächen, mangelnde Kreativität und Technik vorgeworfen. Wo liegen die Ursachen?

Eckel Wir haben versäumt, in den zurückliegenden Jahren eine gute Jugendarbeit zu machen, junge Spieler aufzubauen und sie in den Ligen Erfahrungen sammeln zu lassen.

Interview:
Markus Stadtmüller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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