Geschichtswissenschaft und Museum |
|
Geschichte ist nicht unmittelbar
gegeben, sie wird
auf unterschiedliche Weise
erinnert. Die Geschichtswissenschaft
rekonstruiert
aus einer unübersehbaren
Zahl unterschiedlicher, jeweils
kritisch ausgewerteter
Quellen Ereignisse und Verläufe,
Intentionen und Funktionen
handelnder Personen
und Gruppen. Zwar nutzt die
Geschichtswissenschaft auch
Bildquellen, ihr differenziertestes
Medium aber ist die
Sprache.
|
 |
"Wirtschaftswunder" in der Dauerausstellung |
| |
|
Die museale Darstellung der Geschichte beruht, wenn sie fundiert sein soll, ebenfalls auf der Geschichtswissenschaft. Der eigenständige
wissenschaftliche Teil liegt in der Museologie. Hinzu treten Erkenntnisse
aus der wissenschaftlich fundierten Besucherforschung und die Kunst
der Vermittlung. Das primäre Mittel der Ausstellung ist die Präsentation und
die gekonnt auswählende Veranschaulichung mithilfe von Objekten, die die
Aura historischer Phänomene "sinnlich" erlebbar machen. Ein unumgänglicher
Nachteil gegenüber der Geschichtswissenschaft ist Reduktion. Ein
unschätzbarer Vorteil ist nicht allein die Anschaulichkeit, sondern die außerordentliche
Breitenwirkung: Kein historisches Werk erreicht so viele Leser
wie eine interessante Ausstellung. |
Das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, 1983 gegen
viele Widerstände konzipiert, hat Pionierarbeit geleistet, indem es die jüngste
deutsche Geschichte in vielen Facetten veranschaulicht und einem Millionenpublikum
nahe gebracht hat. Es hat sich aber auch immer neuen, jeweils
aktuellen Fragestellungen geöffnet, die die Gründungsdirektoren damals noch
nicht vorhersehen konnten, so der Wiedervereinigung Deutschlands, aber
auch aktuellen Themen. Dies wurde ermöglicht, weil Dauerausstellung und
Wechselausstellungen von Beginn an konzeptionell offen und flexibel angelegt
waren. Jederzeit bereit, auf neue Entwicklungen zu reagieren, erinnert der
Standort zugleich an die ungeheure Leistung, die die "Bonner Republik" in
der deutschen Geschichte bedeutet. In der historischen Erinnerungskultur der
Deutschen nimmt das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
einen singulären, unverzichtbaren Platz ein. |
 |
Horst Möller
Der Autor ist Direktor
des Instituts für
Zeitgeschichte in München,
Ordentlicher Professor
für Neuere und Neueste
Geschichte an der
Universität München
und Mitglied des
Wissenschaftlichen Beirats
der Stiftung Haus der
Geschichte. |
|
 |
 |