Sitemap Kontakt Impressum

 Inhalt

Übersicht  
Titel  
Ausstellungen     
 "Stell dir vor, du kommst
 nach Ost-Berlin!"
 "Musik kann ein
 weltoffenes Klima
 herstellen"
 Zehn
 Ausstellungsangebote
 für die Wanderung
Infothek  
Brennpunkt  
Zeitgeschichtliches Forum Leipzig        
                       
Karikatur                       
Editorial                      
Archiv                
Termine 2/2005                
Impressum 2/2005                
Kontakt                       
Online-Befragung                                        
 aktuelle Ausgabe                  

 Haus der Geschichte, Bonn

 Zeitgeschichtliches Forum
 Leipzig

Archiv

Ausstellungen

 

"Stell dir vor, du kommst nach Ost-Berlin!"

Udo Lindenberg und die innerdeutschen Beziehungen

Udo Lindenbergs Lieder und Aktionen kommentieren seit Beginn der 1970er Jahre gesellschaftliche und politische Entwicklungen. Häufig ist der Künstler dabei der Zeit ein Stück voraus. Im Werk und im Leben Lindenbergs verdichtet sich dabei die Beziehung zwischen Rockmusik und Politik.

Als Udo Lindenberg beginnt, Rockmusik-Texte in deutscher Sprache zu verfassen, gibt es dafür kaum Vorbilder. Im Sommer 1973 gelingt ihm mit seinem "Panik-Orchester" der Durchbruch. Lindenberg singt nicht - wie die meisten deutschen Schlagersänger - über Herz und Schmerz. Sein jugendlicher Jargon trifft das Gefühl der Zeit. Berühmt wird seine Hymne an die Reeperbahn-Kneipe "Onkel Pö", in der er das Rotlichtmilieu besingt, ohne schlüpfrig oder abwertend zu werden.

Metropole an der Spree: "Quadriga", Mischtechnik auf Leinwand, 2002

Rock gegen Rechts

Nach den ersten Erfolgen beginnt er sich zunehmend politisch zu engagieren. Im Februar 1980 tritt er in Frankfurt am Main auf einem Festival unter dem Motto "Rock gegen rechts" auf. Er singt nicht nur gegen Neo-Nazis, sondern engagiert sich überdies bei vielen Konzertveranstaltungen gegen rechte Gewalt und unterstützt lokale Initiativen.

Auf dem Album "Bunte Republik Deutschland" bezieht Udo Lindenberg 1989 Stellung für eine multikulturelle Gesellschaft. Das Abschlusskonzert der Hannoveraner Weltausstellung bildet im September 2000 den Auftakt für die Aktion "Rock gegen rechte Gewalt".

Gemeinsam mit ihm spielen so unterschiedliche Protagonisten deutscher Pop-Musik wie Peter Maffay, "Pur" oder die "Scorpions". An einer Tournee, die gleichzeitig propagandistische Wirkung entfalten und Geld zusammenbringen soll, nehmen auch Xavier Naidoo, Nena und die "Söhne Mannheims" teil. Auch durch Morddrohungen von Rechtsradikalen lässt sich Udo Lindenberg nicht in seinem Engagement beirren - Personenschutz nimmt er dafür in Kauf.

Haltung der DDR-Führung

Lange hegte Udo Lindenberg den Wunsch, vor seinen Anhängern in der DDR zu spielen. Bereits 1973 singt er sein "Wir wollen doch einfach nur zusammen sein" an ein anonym bleibendes "Mädchen aus Ostberlin", in dem er von offenen Grenzen und "von einem Rock-Festival auf dem Alexanderplatz mit den Rolling Stones und ‘ner Band aus Moskau" träumt. Udo Lindenberg will das "Mädchen aus Ostberlin" - in seinen Erinnerungen nennt er es Manu - von professionellen Schleusern aus der DDR befreien lassen.

Die Likörelle von Udo Lindenberg wurden in einer Präsentation des Bundeskanzleramts vom 14. bis 26. April 2005 im Palais Schaumburg gezeigt.

Was er nicht weiß: Manu ist mit einem Offizier der Nationalen Volksarmee verheiratet und informiert die Staatssicherheit über ihre Treffen mit dem westlichen "Schlagersänger". Als Lindenberg noch vor der Flucht mit seiner Geliebten in der DDR Verlobung feiern will, nimmt ihn die Stasi vorübergehend fest. Dem verliebten Künstler bleibt nichts anderes übrig, als klein beizugeben.

In den 1970er Jahren arrangieren sich die meisten Westdeutschen mit der Teilung Deutschlands. Sie akzeptieren die Berliner Mauer zwar nicht, finden sich aber doch mit ihrer Existenz ab, weil sie das SED-Regime für stabiler halten als es ist. Udo Lindenberg jedoch verkündet 1977 in seinem Song "Rock ’n’ Roll-Arena in Jena" den Wunsch nach einer "Panik-Tournee" durch die DDR. Aber SED und Staatssicherheit nähren dem Sänger gegenüber tiefes Misstrauen, zumal Udo Lindenberg bei den Jugendlichen in der DDR immer populärer wird.

Lindenberg steht am 25. Oktober 1983 auf der Bühne des "Palastes der Republik". Er darf vor einem handverlesenen Publikum von FDJ-Blauhemden und Nachwuchskadern singen. Die Fans müssen draußen bleiben. Das offizielle Programm sieht keinerlei Kontakt zwischen Lindenberg und seinen Fans vor. Deshalb stiehlt sich der Künstler unter einem Vorwand nach draußen und löst damit Hysterie unter den dort wartenden jungen Leuten aus.

Eine Äußerung während des Konzertes steigert die Verstimmung der SED-Bonzen: "Weg mit allem Raketenschrott - in der Bundesrepublik und in der DDR! Nirgendwo wollen wir auch nur eine einzige Rakete sehen, keine Pershings und keine SS 20." Lindenbergs nonkonformistisches Verhalten führt bei den SED-Oberen zu einem Meinungsumschwung. Im Februar 1984 sagen sie die DDR-Tournee endgültig ab.

Schalmei und Lederjacke

Als sich Pfingsten 1987 Tausende von Jugendlichen in der Nähe des Reichstags an der Mauer versammeln, um ein Pop-Konzert im Westen zu verfolgen, treibt die Volkspolizei sie auseinander. Udo Lindenberg schickt daraufhin einen offenen Brief und eine Lederjacke an Erich Honecker: "Die Kids sind keine Krawallisten und Randaleure, die stehen genauso wie Du auf Rock ’n’ Roll und Lockerdrauf sein. Den Trouble gab’s doch erst durch das hirnlose Vorgehen der Rudi-Ratlos-Gangs von der Vopo!" Der Staatschef antwortet - um betont lockere Haltung bemüht - mit einer Schalmei und behauptet über die Jacke: "Sie paßt". Als Erich Honecker im September 1987 die Bundesrepublik besucht, überreicht ihm der Künstler eine E-Gitarre mit der Aufschrift "Gitarren statt Knarren".

"Rocker" Erich bedankt sich bei Lindenberg für die Jacke und behauptet: "Sie passt".

Honecker sichert zu, noch einmal prüfen zu lassen, ob Lindenberg in der DDR auftreten darf. Doch die Furcht der Funktionäre vor unkontrollierbaren Jugendlichen verhindert einen Auftritt. Erst nach dem Fall der Mauer kann Lindenberg für seine "Freunde in der DDR", wie es im Lied vom "Sonderzug" heißt, singen. Seine Lieder jedoch machen vielen Menschen in der DDR über die Jahre hinweg deutlich, dass sie im Westen nicht abgeschrieben sind.

Ingo Grabowsky

Mehr Abbildungen in der Print-Ausgabe.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

zum Seitenanfang