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"Musik kann ein weltoffenes Klima herstellen"

Interview mit Udo Lindenberg

Keine Panik. Der Mann mit Hut und Sonnenbrille bleibt lässig und cool im Leben und auf der Bühne. Udo Lindenbergs Karriere beginnt Anfang der 1970er Jahre mit deutschen Texten zum Rock ’n’ Roll. Seither hat er sich immer wieder eingemischt: in Politik und gesellschaftliche Debatten. Lindenbergs Song "Sonderzug nach Pankow", in dem er für einen Auftritt in der DDR wirbt, wird 1983 ein großer Erfolg.

mm Herr Lindenberg, wie ist es zu Ihrem Auftritt im Ost-Berliner Palast der Republik 1983 gekommen?

Lindenberg Ich wollte damals schon immer in der DDR spielen. Es hat mich genervt, dass immer nur die Schlagerfuzzis dort spielen durften. In der Folgezeit begann mein kleiner Flirt mit Erich. Ich hab den Sonderzug nach Pankow geschrieben, danach gab’s einen regen Geschenk-Austausch zwischen Honecker und mir - Lederjacke, Schalmei und so weiter. Daraufhin wurde ich von der DDR eingeladen. Zusammen mit meinem Freund Harry Belafonte sind wir beim Festival für den Frieden im Palast der Republik aufgetreten. Das war damals friedenspolitisch wichtig und richtig.

mm Warum gab es nie eine Tournee durch die DDR, obgleich Sie immer wieder Ihren Wunsch danach ausdrückten?

Lindenberg Das war ja durchaus angedacht. Vor dem Auftritt im Palast der Republik hatte ich die Tournee so gut wie in der Tasche. Ich habe im Zuge unserer Bemühungen um die Verhinderung weiterer Raketenaufstellungen auf deutschem Boden auf der Bühne gesagt, dass russische Raketen genauso auf den Schrott gehören wie amerikanische. Diese Tabu-Verletzung wurde mit Entzug der Tournee- Bewilligung geahndet. Außerdem hatte die souveräne "Deutsche Desillusions Republik" damals Angst vor einem Volksaufstand, ausgelöst von so ’nem kleinen Sänger mit Hut und seiner Panik-Gang.

"Ich hatte die Tournee durch die DDR so gut wie in der Tasche"

mm In der Sowjetunion sind Sie mit russischen Star-Sängerinnen aufgetreten, bei Ihrer Jubiläumstournee hatten Sie Eric Burdon und den chinesischen Rock-Sänger Cui Jian auf der Bühne. Stimuliert der internationale Austausch Ihre künstlerische Entwicklung?

Lindenberg Ja, andere Kulturen, andere Länder inspirieren mich. Mich faszinieren andere Sounds, fremde Musik. Ich liebe den Austausch und stelle fest, der chinesische Quintenzirkel ist anders als der römisch-katholische Dreiklang. Musik ist international und völkerverbindend.

mm Immer wieder reagieren Sie mit Songs auf politische Probleme. Was kann Musik in den Köpfen der Menschen bewegen?

Lindenberg: Sie kann Volksbewegungen begleiten und unterstützen. Musik und Texte können ein weltoffenes, liberales Klima herstellen, in dem Toleranz wachsen kann. Rock’n’ Roll ist international und völkerverbindend, keine leichte Entertainment-Soße, die die Sorgen der Menschen vergessen macht, sondern mit Power dafür sorgt, dass die Menschen etwas gescheiter aus den Konzerten ’rauskommen als sie reingegangen sind.

mm In Ihrer Bühnenshow "Atlantic Affairs" werden Lieder von Künstlern gesungen, die während des "Dritten Reichs" aus Deutschland emigrierten. Warum haben Sie diesen alten Liedern ein neues Forum gegeben?

Lindenberg Weil ich sie aus der Vergessenheit in die Gegenwart befördern wollte. Weil die Lieder unser Erbe sind, Lieder derer, die schon in den 1920ern den Traum von der "Bunten Republik Deutschland" träumten. Sie hatten eine Vision, die damals von den Nazis brutal niedergeschlagen wurde. Als neugieriger Mensch interessiere ich mich für die eigene Kultur, die eigenen Wurzeln. Ich habe die Möglichkeit, diesen Songs und Texten ein neues Forum zu geben. Nicht als Kleinkunst, sondern im Sound von heute. Wir wollen das Feuer weiterreichen und nicht die Asche anbeten.

mm Auf Ihrer letzten Tournee gaben Sie jungen Musikern die Möglichkeit, sich vor einem großen Publikum zu präsentieren. Reicht das Engagement der Plattenfirmen in der Förderung junger Künstler nicht aus?

Lindenberg Wir hatten genug von all den Casting-Shows und Tralala-Stars, bei denen das Make-up wichtiger ist als der Text. Die Plattenfirmen haben viel zu lange darauf gesetzt. Dabei gibt es so viele gute, junge Bands in der Republik, die noch ehrliche Musik machen. Die wollten wir fördern, die eigene Kultur - keine ferngesteuerten Roboter, sondern die neuen Dichter, Denker und Erfinder. 30 junge Bands haben wir mitgenommen auf Tournee und einigen geben wir auch die Möglichkeit, ihre Songs auf unserer Internetseite zu präsentieren.

Interview: Ingo Grabowsky

Mehr Abbildungen in der Print-Ausgabe.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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