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Archiv |
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Brennpunkt |
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Auf der Suche nach dem Weiterleben
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60 Jahre Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes
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Kriegsende: Millionen
Menschen sind entwurzelt,
vermissen Angehörige und
sind auf der Suche nach
ihnen. In den vier Besatzungszonen
bilden sich
zahlreiche Suchdienststellen.
Sie können bald
Auskunft geben über das
Schicksal vieler Kriegsgefangenen,
internierter Zivilisten,
Kinder und Eltern.
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Suchdienst-Plakat
vom Februar 1946
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"Kalubba, Siegfried, geb. am 3.8.1936 in
Liep bei Königsberg. Dunkelblondes Haar,
dunkelbraune Augen. Mit Mutter und allen
Geschwistern geflüchtet, kam in Behrend ins
Krankenhaus wegen seiner erfrorenen Füße
und ist so von seinen Angehörigen getrennt
worden. Wer kann Auskunft
geben?" - Eine Suchmeldung
aus den "Deutschen Nachrichten",
einer Zeitung, die
kurz nach Kriegsende 1945
erscheint. Es gibt unzählige
Meldungen dieser Art. Sie finden
sich auf Trümmerwänden
in deutschen Städten, in zerstörten
Bahnhofshallen, an
Litfaßsäulen und Laternenmasten:
Zettel, Bilder, Namen,
Wünsche und Hoffnungen.
Nach Kriegsende ist ein
ganzes Volk auf der Suche
nach Lebenszeichen von Männern,
Frauen, Kindern. Die
Suche wird erschwert durch
zerstörte Organisations- und
Informationsstrukturen und
die unermessliche Zahl der zu
Suchenden. Allein 11,5 Millionen
deutsche Soldaten befinden
sich 1945 in Kriegsgefangenschaft,
800.0000 Zivilisten
in Internierungslagern, 300.000 Kinder sind
von ihren Eltern getrennt und rund acht Millionen
Deutsche haben ihr Leben in den Kriegswirren
verloren.
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Was später Suchdienst heißen wird, beginnt
fast überall in Deutschland auf die
gleiche Weise: Zu den Kreisstellen des Roten
Kreuzes, zu Pfarrern und Gemeindeämtern
kommen Menschen, die wissen wollen, was
mit ihren Angehörigen passiert ist. Erste zentrale
Suchdienststellen entstehen und koordinieren
die Anfragen. In jeder der vier Besatzungszonen bildet sich eine Zonenzentrale.
Doch für eine erfolgreiche Suchdienst-Arbeit
ist unbedingt ein Informationsaustausch über
die Zonengrenzen hinweg notwendig.
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Auf der Suche nach Lebenszeichen im Entlassungslager Friedland (o.) und in Meldestellen |
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Hier bestehen jedoch Vorbehalte bei den verantwortlichen Militärregierungen. Sie befürchten, dass wieder alte Organisationsstrukturen der Wehrmacht entstehen. So kommt es immer wieder zu Zwischenfällen. Militärpolizei stürmt Versammlungen von Arbeitsgemeinschaften aus Kirchen, Verbänden und Rotem Kreuz und verhaftet Teilnehmer. Am 10. Januar 1946 wird erstmals der Austausch von Such- und Erfolgsmeldungen zwischen der amerikanischen und britischen Besatzungszone zugelassen - wenig später auch in der sowjetischen.
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Bei der eigentlichen Sucharbeit setzt sich
schnell ein einfaches Verfahren durch, dessen
Grundlage eine Such- und eine Stammkarte ist.
Wer einen Angehörigen sucht, trägt auf der
Suchkarte die Daten des Vermissten ein und
auf der Stammkarte die eigenen Daten mit dem
derzeitigen Aufenthaltsort. Trifft beim Einsortieren
der Karteikarten eine Suchkarte auf
eine Stammkarte ist die "Begegnung" vollzogen:
Gesuchter und Suchender können informiert
werden. Auf diese Weise laufen in den
Nachkriegsjahren rund 17 Millionen Suchanfragen
bei den zentralen Suchdienststellen des
Roten Kreuzes zusammen. 14 Millionen können
davon aufgeklärt werden. Bald kommen auch
neue Such-Möglichkeiten dazu. Rundfunkanstalten
strahlen seit Dezember 1945 regelmäßige
Suchsendungen aus. Einer der Sprecher
ist der damals noch weitgehend unbekannte
Joachim Fuchsberger. Auch in den Wochenschauen
der Kinos kommen Betroffene zu
Wort, eine Suchdienst-Zeitung erscheint und
bis 1958 entstehen 200 Bände mit Bildern von
nahezu einer Million vermisster Soldaten.
Ohne Skrupel nutzen private Suchdienste
die Verzweiflung Betroffener aus. "Sie versprechen
alles und halten nichts. Sie weisen Dankesschreiben vor, sprechen von einem todsicheren Erfolgssystem und präsentieren
schließlich die Rechnung über 100 oder gar
200 Reichsmark." Die Mitteilung einer Zentralsuchkartei
vom Oktober 1945 beschreibt
eine Problematik, die sich schnell ausbreitet.
Viele geben ihr Letztes für erfundene Lebenszeichen,
für angebliche Grüße von Kriegsgefangenen.
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Die Militärregierungen handeln und
lassen 1946 alle privaten Dienste verbieten.
Eine besondere Schwierigkeit stellt die
Suche nach Kindern dar. Als in den letzten
Kriegsmonaten die Bombenangriffe auf deutsche
Städte zunehmen, werden viele in Kinderheime
auf dem Land gebracht, die so genannte "Kinderlandverschickung". Durch Bombenangriffe
oder auf der Flucht verlieren sie ihre
Eltern. Und je kleiner die Kinder sind, deston
schwieriger ist die Aufgabe der Suchdienste.
Wie sollten sie auch ein Kind erfassen, das seinen
Namen noch nicht sprechen kann? Karteikarten
helfen nicht weiter und so werden
Fotografien Grundlage der Nachforschungen.
Versehen mit Bildunterschriften, die die Hilflosigkeit
widerspiegeln: "spricht von einem
kleinen Bruder, dessen Namen er nicht weiß", "stammt vermutlich aus Westpreußen", "hat
einen ausgefransten Teddybär". Zeitungen veröffentlichen
Kinderbilder, Plakate hängen aus
und die Zeitschrift "Pinguin" erscheint, um
Kinderschicksale aufzuklären. Zu ihren Mitarbeitern
zählen u.a. Erich Kästner und Hilmar
Pabel.
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Suchmeldungen
im Haus der Geschichte
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60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bleiben
weiterhin 1,4 Millionen Verschollenenschicksale
ungeklärt. Mit der Öffnung der ehemals
sowjetischen Archive konnten bis heute
noch einmal eine Viertelmillion Schicksale
durch den Suchdienst des Deutschen Roten
Kreuzes aufgeklärt werden.
Markus Stadtmüller
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Die Stiftung Haus der
Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland
bereitet eine Wechselausstellung
zum Thema
"Flucht und Vertreibung"
vor, die ab Dezember 2005
zunächst in Bonn, danach
im Zeitgeschichtlichen
Forum der Stiftung in
Leipzig sowie in Berlin
zu sehen sein wird.
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