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"Entwurzelt und voller Ungewissheit"

Interview mit Hansjörg Kalcyk

Suchen und Finden. So könnte man die Arbeit von Hansjörg Kalcyk umreißen. Jeden Tag bekommt der stellvertretende Leiter des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes in München zahlreiche Anfragen - jährlich rund 150.000. Ursachen für die Suchaufträge sind Naturkatastrophen, militärische Konflikte und nach wie vor der Zweite Weltkrieg.


mm Herr Kalcyk, wie muss man sich Ihre detektivische Arbeit vorstellen? Ausgestattet mit Internet, Archivcodes, Telefon und guten Kontakten?

Kalcyk Ausgangspunkt jeder Suchanfrage ist zunächst unsere Namenskartei, in der sich mehr als 50 Millionen Karteikarten befinden. Dort sind alle Informationen über Menschen, die seit 1945 gesucht wurden, verkartet. Manchmal ist dieser Schritt schon ausreichend. Wenn nicht, fängt die Archivrecherche an, beispielsweise in Heimatortskarteien, der Zentralnachweisstelle des Bundesarchivs oder dem Archiv ehemaliger Wehrmachtsangehöriger in Berlin. Bei Recherchen im Osten konnten wir seit der Öffnung der sowjetischen Archive nach 1989 eine Viertelmillion Verschollenenschicksale aufklären. Bei Suchanfragen mit internationalem Hintergrund arbeiten wir mit den anderen nationalen Rotkreuz-Gesellschaften aufs Engste zusammen.

 

mm Wie viel Suchanfragen betreffen heute noch den Zeitraum des Zweiten Weltkriegs?

Kalcyk Uns erreichen monatlich einige Tausend Suchanfragen zu Soldaten, Zivilisten oder Kindern, die in irgendeiner Weise direkt oder indirekt mit dem Zweiten Weltkrieg oder seinen Folgen in Zusammenhang stehen. Das sind nicht immer Suchanfragen, oft ist es auch die Suche nach Zeitzeugen oder der Wunsch der nachfolgenden Generation, etwas über ihre Vorfahren zu erfahren.

 

mm Bearbeiten Sie jede Suchanfrage?

Kalcyk Im Prinzip ja, soweit sie in unsere Aufgabenstellung fallen und den Bestimmungen des Datenschutzes entsprechen.

 

mm Auf welche Länder beziehen sich die Anfragen zur Zeit vor allem?

Kalcyk Der Irak-Krieg ist ein aktueller Konflikt, ebenso Afghanistan oder Darfur im Sudan. Nicht zu vergessen ist auch der Balkan. Hier ist die Arbeit zehn Jahre nach dem Zerfall Jugoslawiens etwas leichter geworden, aber immer noch umfangreich. Vor allem während der gewaltigen Flüchtlingswellen vom Kosovo nach Albanien versuchten wir, Menschen in Lagern ausfindig zu machen.

 

mm Wie reagierte der Suchdienst auf die Tsunami-Katastrophe?

Kalcyk Wir unterstützten das Auswärtige Amt in Berlin, das zuständig ist für deutsche Staatsbürger im Ausland. Wir richteten eine Hotline ein, nahmen Suchaufträge entgegen, berieten oder trösteten. Bei den Suchanfragen unserer ausländischen Mitbürger aus den betroffenen Gebieten arbeiteten wir eng mit dem Internationalen Roten Kreuz sowie den Schwestergesellschaften in Indonesien, Thailand und Indien zusammen.

 

mm Von den aktuellen Krisenherden zurück zu den Anfängen des Suchdienstes. Gab es Schwierigkeiten bei dessen Aufbau 1945?

Kalcyk Die Besatzungsmächte hatten anfangs sehr viel Angst, dass die Organisationsstrukturen der Wehrmacht rekonstruiert würden. Deshalb waren sie misstrauisch oder behinderten die Suche nach Kriegsgefangenen und Verschollen. Das führte beispielsweise in Bayern dazu, dass erst im November 1945 offiziell die Erlaubnis erteilt wurde, einen Suchdienst zu betreiben. Auch über die Zonengrenzen hinweg konnte gesucht werden. Der Informationsfluss wurde durch die Passierscheine lediglich verzögert, aber nicht behindert.

 

mm Welche Suchmöglichkeiten wurden genutzt?

Kalcyk Zunächst das Ausfüllen einer Stamm- und einer Suchkarte, in die die Daten des Suchenden und Gesuchten verzeichnet wurden. Es gab aber auch Radiogrüße, so genannte "Funkgrüße", später eine Suchdienst-Zeitung oder Bildplakate, die an vielen öffentlichen Plätzen aushingen. In den 1950er Jahren wurde auch mittels Bildlisten nach verschollenen Soldaten gesucht. Das waren ungefähr 200 Bücher - jedes mit rund 16.000 Bildern von Vermissten. Sie waren nach militärischen Einheiten gegliedert und mit ihnen konnten Heimkehrer gezielt befragt werden.

 

mm Wie könnte man die Situation der Flüchtlinge in der neuen Umgebung beschreiben?

Kalcyk Entwurzelt und voller Ungewissheit, was die Zukunft bringen wird, und vor allem auf der Suche nach Angehörigen. In solch einer Situation lässt man sich erst nieder, wenn man Gewissheit hat. Der Suchdienst konnte den Menschen Auskunft geben, ihnen Klarheit verschaffen über das Schicksal ihrer Angehörigen und so einen Grundstein legen für einen raschen Wiederaufbau.

 

mm Geschäftemacher versuchten aus der Ungewissheit Kapital zu schlagen, indem sie schnelle Sucherfolge versprachen? Eine Marginalie?

Kalcyk Nein. Es gab sogar eine gesetzliche Verordnung, um das Unwesen privater Suchdienste einzudämmen. Es konnten daraufhin nur noch staatliche Institutionen und Wohlfahrtsverbände Suchdienste anbieten. Die Bandbreite des Betrugs reichte vom skrupellosen Geschäftemacher bis zum Heimkehrer, der für eine Mahlzeit eine kleine Geschichte von der gesuchten Person erfand.

Interview: Markus Stadtmüller

 

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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