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Prosl Keine. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Österreich sind ausgezeichnet. Wir haben keine offenen bilateralen Fragen, wir haben in der Europäischen Union eine Vielfalt von gemeinsamen Interessen. Deutschland ist bei weitem unser wichtigster Wirtschaftspartner, und jedes Jahr besuchen über 10 Millionen deutsche Gäste Österreich und fühlen sich bei uns offensichtlich wohl.
mm "Es gibt kein geschichtliches Wesen", so sagt der österreichische Historiker und Publizist Friedrich Heer, "dessen Existenz so sehr mit dem Identitätsproblem seiner Mitglieder verbunden ist wie Österreich." Stimmt das wirklich?
Prosl Das stimmte ohne Zweifel in der Vergangenheit. Heute haben die Österreicher ein neues und modernes Selbstverständnis und Selbstbewusstsein und sind stolz auf ihr Land und das von ihnen und ihren Eltern Geleistete. Gleichzeitig sehen sie ihre komplexe Identität gerade in einem Vereinten Europa als besonderen Reichtum.
mm Welche Erfahrung hat die stärkere Wirkungsmacht: 1918 - der Untergang des Doppelmonarchie? Oder 1938 - der Nationalsozialismus?
Prosl Der Zusammenbruch der bestehenden Ordnung in Europa 1918 und die daraus entstandenen Folgen waren eine wesentliche Voraussetzung für den Nationalsozialismus und das Jahr 1938. In Österreich ist man sich dessen vielleicht mehr als in anderen Ländern bewusst, sicher auch, weil Österreich damals von einer europäischen Großmacht zu einem Kleinstaat reduziert wurde, dem die eigene Bevölkerung die Lebensfähigkeit abgesprochen hat.
mm 1945 standen Deutschland und Österreich mit ihrem gebrochenen Geschichtsbewusstsein vor der Notwendigkeit, ihr politisches und kulturelles Selbstverständnis neu zu begründen. Welche Lehren wurden gezogen? Welche Formen der Erinnerung entwickelten sich?
Prosl Die erste österreichische Regierung 1945 bestand aus zahlreichen ehemaligen Nazi-Häftlingen, die sich bereits in den Lagern geschworen hatten, ihre politischen Gegensätze dem Gemeinwohl hintanzustellen. Man hatte also die richtigen Lehren aus der bitteren Geschichte gezogen. Die Bevölkerung nahm diese Haltung dankbar auf, oft auch aus schlechtem Gewissen, man vergaß nur allzu gerne die eigenen Fehler und sah sich vorwiegend als Opfer. Österreich hatte ja als Staat zu existieren aufgehört, und war dem Deutschen Reich eingegliedert worden, dem nun die alleinige Verantwortung für die begangenen Verbrechen zugeschrieben wurde. Die Beteiligung vieler Österreicher an eben diesen Verbrechen wurde vielfach verdrängt. Es hat daher lange gedauert, bis die Österreicher die Komplexität ihrer Geschichte, als Opfer und Täter, erfassten, und eine grundlegende Diskussion um die eigene Vergangenheit in Gang gesetzt wurde. Diese führte zu einem Bewusstseinswandel, der sich heute nicht nur in einem sensibleren Umgang mit der eigenen Geschichte, sondern auch in einer Neubewertung der moralischen Verantwortung gegenüber Opfern und deren Nachkommen zeigt.
mm Was gefällt Ihnen in Deutschland besonders gut, was in Österreich?
Prosl Mich beeindrucken immer wieder die analytischen Fähigkeiten der Menschen in diesem Land. Darüber hinaus ist Deutschland ein wunderbares, vielfältiges Land mit unglaublich schönen Landschaften und Kulturdenkmälern, die auch für Österreich angesichts der über viele Jahrhunderte gemeinsamen Geschichte und gemeinsamen Sprache von besonderem Interesse sind. Das gilt es noch für viele Österreicher zu entdecken.
Österreich ist übersichtlicher. Ich glaube auch, daß die Leute bei uns in der Mehrheit eine positive Einstellung zum Leben haben und - vielleicht auch auf Grund ihrer lebendigen Beziehung zum Tod - eine gewisse Gelassenheit, die ich sehr sympathisch finde.
mm Hatten Sie Gelegenheit, die Dauerausstellung im Haus der Geschichte anzusehen?
Prosl Ich habe diese Ausstellung mindestens zwei, wenn nicht drei Mal gesehen und bin jedes Mal davon begeistert, wie hier Geschichte so lebendig und für alle zugänglich und verständlich, aber dennoch wissenschaftlich fundiert dargestellt wird. Ich kann nur gratulieren!
Interview: Barbara Langer
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